3.1 Vom Schreibunterricht zur Grammatiklehre
3.2 Von der Vergleichenden Philologie zu den heutigen Philologien
3.2.1 Die Indogermanismus-These
3.2.2 Die Weiterentwicklung der Philologie
3.3.2 Das Sprachsystem und die Rede bei Saussure
3.3.3 Der amerikanische Strukturalismus
3.3.4 Sprache als innerer Apparat: Generative Grammatik und Nativismus
3.4.2 Weltbildhypothese und „sprachliche Relativitätstheorie“
3.4.3 Neurolinguistische Beiträge zur Linguistik
3.5 Die pragmatische Ausrichtung der heutigen Linguistik
Für die meisten Menschen ist die Grammatik der Kern jeder Sprachlehre. Ist die Grammatiktheorie auch der wichtigste Teil der Sprachwissenschaft? Historisch sah das so aus. Wenn man den Quellen dieses Faches in der Antike nachgeht, bestätigt sich die Relevanz der Grammatiklehre. Noch älter ist nur das Philosophieren über die Sprache. Der griechische Philosoph Platon stellte sich und anderen sprachphilosophische Fragen wie die, ob ein sprachliches Element, ein Wort also, etwas Natürliches sei (im Sinne von: dem Menschen durch die Natur, also die Beschaffenheit der Welt, vorausgesetzt) oder etwas ‚Künstliches‘, also durch menschliche Erfindung Entstandenes. Diese Frage nach der Entstehung und Beschaffenheit der Bedeutung beschäftigte auch spätere Philosophen. Dem entspricht in der Linguistik das heutige Arbeitsgebiet der Semantik, das in Kap. 5 behandelt wird.
Bereits im 4. Jh. v. Chr. begannen griechische Grammatiker – zugrunde liegt das griechische Wort grammatikos = die Buchstaben betreffend – sich mit Sprache systematisch zu beschäftigen. Basis war die Einführung des Alphabets in Griechenland,[ 1 ] und die Motivation entwickelte sich aus der Verbreitung von Schriftkenntnissen durch Schreibunterricht. Man versuchte, die techne grammatike – die innere Ordnung und Regelhaftigkeit des Sprachbaus – genauer zu verstehen und zu beschreiben. Berühmt und noch heute von großem Einfluss auf die Grammatiklehren ist die Sprachlehre von Dionysius Thrax (ca. 100 v. Chr.). In seiner Beschreibung des Griechischen stellt er die Benennungen für die einzelnen „Redeteile“, die unseren heutigen Wortarten (dazu Kap. 8) zugrunde liegen, nach ihren Deklinations- und Konjugationsmustern geordnet vor. Wie das Deutsche verfügte auch das Altgriechische über Kasus, Genus, Numerus und Tempus.
Römische Grammatiker folgten ab dem 1. Jh. v. Chr. ihren griechischen Vorbildern und übertrugen deren grammatische Kategorien auf die lateinische Sprache. Die bekannteste dieser Grammatiken und zugleich das meist zitierte Vorbild für die europäischen Lehrer und Grammatiker des Mittelalters war wohl das im 4. Jh. n. Chr. entstandene Werk „Ars grammatica“ von Donatus. Ein tiefergehendes sprachwissenschaftliches Interesse war in dieser Zeit aber selten. Im Allgemeinen ging es um die Normen und Regeln für den Unterricht, an Schulen und im Spätmittelalter auch an den Universitäten Europas (in England, Frankreich und Italien ab dem 12./13. Jh., in Deutschland erst im 15. Jh.). Die lateinische Grammatiklehre war also normativ bzw. präskriptiv. Unter anderem wegen dieser Ausrichtung auf ein vollständiges System von Regeln und definitorischen Vorgaben verbreitete sie sich in ganz Europa und wurde für die späteren Nationalsprachen angepasst.
Im 18./19. Jh. entstanden entsprechende Grammatikwerke für das Deutsche (s. Kap. 2.2.5), die auch für den Schulunterricht und das Selbststudium gedacht waren. Dabei konzentrierte man sich auf die Schriftsprache und versuchte, sie als „Hochsprache“, als eine einheitliche und vorbildliche Sprachform, zu etablieren.[ 2 ] Auch die im 20. Jh. von Konrad Duden vorgelegte Grammatik, eigentlich eine Bearbeitung einer älteren Grammatik von Friedrich Bauer (1850), trug zunächst den Titel „Grundzüge der neuhochdeutschen Grammatik für höhere Bildungsanstalten und zur Selbstbelehrung für Gebildete“. Die moderne Linguistik distanziert sich allerdings von diesem normativen Anspruch. Auch die Duden-Grammatik, die von ihren Benutzern meist als Regelwerk und „Norm“ eingeschätzt wird, legte früh Wert darauf, dass es ihr (also den Wissenschaftlern, die in der Duden-Redaktion zusammenarbeiten) um die Deskription (Beschreibung) und nicht um die Setzung von Normen geht. Ein solches Bekenntnis zur neutralen Wissenschaftlichkeit legen auch die anderen Grammatiken ab.
Über der Dominanz der lateinischen Grammatik wird leicht übersehen, dass auch außerhalb von Europa Grammatiktheorie betrieben wurde. In Indien gab es bereits mehrere Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung ein reges theoretisches Interesse an Sprache und eine detaillierte Beschreibung der klassischen, altindischen Grammatik (Sanskrit). Der bekannteste indische Grammatiker war Pānini. Seine Grammatik wurde später von Leonard Bloomfield als „eins der größten Denkmäler der menschlichen Intelligenz“ bezeichnet.[ 3 ]
Die Beschreibung und Erklärung der Sprachenvielfalt war das ‚treibende Motiv‘ der Sprachwissenschaft und ist noch heute das Interesse der Allgemeinen und der Vergleichenden Sprachwissenschaft. In der frühen europäischen Sprachwissenschaft stand dabei die Rekonstruktion der Vorgeschichte verschiedener Sprachen im Vordergrund. Bis heute wird intensiv an vielen Einzelfragen geforscht. Diese Arbeiten wurden früher mit dem Begriff Vergleichende Philologie [ 4 ] oder Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft zusammengefasst, noch heute existiert das Fach Indogermanistik.
Ab dem 16. Jh. begannen Sprachinteressierte in Deutschland, sich auch mit anderen Sprachen und deren Grammatik zu beschäftigen (mit Vorstufen des Deutschen, Nachbarsprachen, aber auch mit Informationen von spanischen Missionaren über amerikanische und philippinische Sprachen). Man nahm die große Verschiedenartigkeit sprachlicher Phänomene zur Kenntnis und orientierte sich zunehmend an zeitgenössischen philosophischen Bestrebungen, z. B. dem französischen Rationalismus.
Im 18. Jh. gab es einen enormen Aufschwung der Vergleichenden Sprachforschung. Man befreite sich in dieser Zeit von dem vorher gültigen theologischen Dogma, dass die eigentliche Ursprache für alle Sprachen der Welt nur das biblische Hebräisch gewesen sein könne. Stammbäume von Völkern wurden entworfen. In Europa waren Beweise für den gemeinsamen Ursprung von Sprachgruppen leicht zu finden; z. B. führte man die romanischen Sprachen auf Latein zurück. Mit Hilfe der sog. komparativen Methode suchte man nun nach weiteren Ähnlichkeiten, auch zwischen entfernteren Sprachen. Solche Ähnlichkeiten konnten allerdings auch durch historischen Sprachkontakt, durch (ein- oder wechselseitige) Übernahme von Wörtern entstanden sein (vgl. Kap. 1.4). Um diese Möglichkeit auszuschalten, untersuchte man vor allem Wörter, die zum existenziellen Grundbestand einer Sprache gehören, wie Bezeichnungen für Verwandte, Pflanzen oder Grundnahrungsmittel. Für solche Wörter nimmt man an, dass sie nicht aus fremden Sprachen entlehnt werden.
Gegen Ende des 18. Jh. kam es zu der so genannten Indogermanismus-These. Sie besagte, dass die meisten europäischen und viele asiatische Sprachen einer einzigen Sprachfamilie angehören, dass also die klassischen Sprachen Latein und Griechisch nicht nur mit den europäischen, sondern auch mit indischen Sprachen, besonders dem altindischen Sanskrit,[ 5 ] verwandt sind. Der von Friedrich Schlegel (1772–1829) verfasste Text „Über die Sprache und Weisheit der Indier. Ein Beitrag zur Begründung der Altertumskunde“ (1808) und die Schrift „Über das Conjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenem der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache“ (1816) von Franz Bopp (1791–1867) gelten als Anfang der Epoche der Vergleichenden Philologie. Wohl der berühmteste Vertreter dieser Sprachforschung war Jacob Grimm (1785–1869). Er entdeckte die sprachübergreifenden Lautverschiebungen in der Entstehung des Germanischen und untersuchte auch die „althochdeutsche Lautverschiebung“ (vgl. Kap. 2.2).
Auch Wilhelm von Humboldt (1767–1835) arbeitete auf dem Gebiet der Vergleichenden Philologie. Angeregt durch die Entdeckung der Besonderheiten des Baskischen und durch die Weltreisen seines Bruders Alexander befasste sich Humboldt mit einer großen Zahl nichtindoeuropäischer Sprachen. Er konnte daher als einer der ersten syste-matische Sprachvergleiche durchführen und dafür auf neue Erkenntnisse über ganz an-dere Sprachen, vor allem die indigenen amerikanischen,[ 6 ] zurückgreifen. Er befand, dass jede Sprache ihre eigene (grammatische) Struktur besitze und für ihre Sprecher nicht nur Ausdrucksmittel, sondern auch Anregung zum Denken sei. Die Sprachtypologie von Humboldt wird in Kap. 8.4 kurz beschrieben.
Bereits im späten 18. Jh., nicht erst bei Humboldt, sondern schon bei Karl Phillip Moritz, F. G. Klopstock und Johann Gottfried von Herder (1744–1803) wurde darüber reflektiert, wie Sprache und Denken miteinander verknüpft sind. Dies war zunächst keine sprachtheoretische Frage. Aus der Opposition gegen die in Frankreich geprägten kulturellen und sprachlichen Formen heraus suchten viele Aufklärer nach nationalgeschichtlichen, autochthon deutschen Quellen eines Nationalbewusstseins in einer noch gar nicht existierenden Nation. Für die Grimm-Brüder waren die Märchen und andere volkstümliche Überlieferungen eine solche Quelle. Von Adelungs Aussage (1782)
„In dieser Rücksicht auf ein gewisses bestimmtes Volk ist die Sprache derjenige Inbegriff vernehmlicher Laute, durch welche sich ein Volk seine Vorstellungen mitzutheilen pflegt.“
war es nicht weit zu der Vermutung, dass eine „Sprachgemeinschaft“ über ihre Sprache ein gemeinsames Denken besitze und dadurch so etwas wie ein Volk sein müsse – auch ohne eine nationale Einheit. Humboldt dachte in diesem Zusammenhang an eine vergleichende Anthropologie, die einerseits die Beschaffenheit der Sprachen aus dem menschlichen Geist, andererseits die erkennbare Verschiedenheit von „Bewusstseinsformen“ (die heute eher als kulturelle Phänomene betrachtet würden) aus der Verschieden-heit der Sprachen erklären sollte. Er äußerte mehrfach seine Wertschätzung der indoeuropäischen Sprachen mit dem Argument, dass eine differenzierte Grammatik dem Denken und der Kommunikation zugute komme: Ein „vollendeter grammatischer Formenbau“ gibt den Gedanken eine bessere und genauere Darstellung.[ 7 ]
Die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft des 19. Jh. war z. T. von romantischen Ideen beeinflusst. August Schleicher (1821–1868) verband die wissenschaftlichen Untersuchungen der Sprachentstehung mit der Auffassung, dass die Sprache ein Organismus sei, der eine Art Lebensablauf mit einer Jugend- und einer Altersphase hat. Diese romantische Idee gewann Prestige durch die Berufung auf Neuerungen in der biologischen Wissenschaft: Charles Darwins Schriften zur Entwicklungsgeschichte der Gattungen und Arten in der Natur.[ 8 ] Das Verhältnis der indoeuropäischen Sprachen untereinander wurde also – in Analogie zur Evolutionsgeschichte – als eine genetische Verwandtschaft gesehen (vgl. Kap. 1.3). Später kritisierte man die Gleichsetzung von Sprache mit einem Organismus als eine „biologistische“ Denkweise.[ 9 ] Wegen ihrer Anschaulichkeit dienen aber die metaphorisch gebildeten Begriffe Sprachverwandtschaft und Sprachfamilie nach wie vor zur Beschreibung von Sprachentstehung und -verbreitung. Seit der Entdeckung von immer mehr Sprachgruppen und Sprachfamilien weiß man mehr darüber, unterstützt durch kulturanthropologische Forschung. Die Vielfalt der Sprachen lässt sich nicht auf eine „Ursprache“ zurückführen, sondern auf mehrere Protosprachen.
Die späte Phase der Vergleichenden Philologie wird bestimmt von August Leskien, Wilhelm Scherer, Hermann Paul, Karl Verner, Karl Brugmann, Berthold Delbrück, die auch als „Junggrammatiker“ bezeichnet wurden.[ 10 ] In dieser Phase, die bis ins 20. Jh. reicht, wurden bestimmte idealistisch-romantische Vorstellungen kritisiert und stattdessen eine strenge historische Forschung durchgeführt, vor allem zur Entwicklung von Lauten und sprachlichen Formen. Man vermutete eine gesetzmäßige Ausbildung der Lautverschiebungen und so auch der Sprachlaute. „Die Lautgesetze kennen keine Ausnahme“, sagte August Leskien.
Mit Grimms Beschreibung der Lautverschiebungen waren die „Junggrammatiker“ nicht zufrieden, da einige widersprechende Einzelheiten ausgeklammert und manche theoretische Aussagen (vorsichtigerweise) auf Tendenzen reduziert worden waren.
Die Erklärung des „grammatischen Wechsels“ bei den starken Verben gelang dann dem Dänen Karl Verner (1846–1896), wenigstens zu großen Teilen, mit dem so genannten Verner’schen Gesetz (1875). Es geht dabei um einen auffälligen Wechsel von Konsonanten in althochdeutschen Verbformen. In dem bekannten Hildebrand-Lied [ 11 ] trifft man z. B. auf die Stammformen von sein: uuas (war), wari (wäre), warun (wären), auch auf die Formen werdan (werden) und wurtun (wurden). Dieser Wechsel stammt noch aus vorgermanischer Zeit, er spiegelt die indogermanischen Akzentverhältnisse wider, den dynamischen Akzent. Je nachdem, auf welche Silbe der Akzent fiel, gab es bei den Verbstammformen einen systematischen Wechsel der Konsonanten und z. T. der Stammvokale. Dieses Gesetz erklärt die noch heute vorhandenen Formen der unregelmäßigen Verben. Später warf man den Junggrammatikern „Positivismus“ und übertriebene „Konzentration auf Erscheinungen der äußeren Sprachform“ vor. Der Positivismusvorwurf meint, dass Sprache ein kulturelles Produkt ist und nicht mit den Methoden der Naturwissenschaften untersucht werden sollte.
Besonders bekannt wurde der Sprachwissenschaftler Hermann Paul. Er war davon überzeugt, dass alles Sprachliche historisch zu betrachten sei, daher der Titel seines Buches: „Prinzipien der Sprachgeschichte“. Von dem Ziel, Entwicklungsgesetze herauszufinden, löste er sich, indem er soziale und psychologische Fragen erörterte, z. B. hinsichtlich der Satzgrammatik (Paul 1880 / 1995, S. 6 f.):
„Das psychische Element ist der wesentlichste Faktor in aller Kulturbewegung, um den sich alles dreht, und die Psychologie ist daher die vornehmste Basis aller in einem höheren Sinne gefassten Kulturwissenschaft. Das Psychische ist darum aber nicht der einzige Faktor; es gibt keine Kultur auf rein psychischer Unterlage … Die Kulturwissenschaft ist immer Gesellschaftswissenschaft.“
Sprache wurde also nun als soziales Phänomen gesehen. Dies korrespondiert mit der Erfahrung des Einzelnen, dem seine Muttersprache (oder eine andere Sprache) als etwas Fertiges und Objektives gegenübersteht, das er sich Schritt für Schritt aneignen kann bzw. muss.
Aus der Vergleichenden Philologie entstanden im 20. Jh. eine Reihe von Einzelwissenschaften. Einerseits waren das die Nationalphilologien, die auf je eine Sprache oder Sprachgruppe bezogen sind. Wörtlich aus dem Griechischen übersetzt ist der Philologe ein Freund des Wortes und der Texte. So nannte man alle, die sich mit Sprache und Literatur beschäftigten (also ausschließlich mit Sprache in geschriebener Form). Nun teilte sich das Fach in die Altphilologie (Gräzistik und Latinistik) und die Neuphilologien. Bis gegen Ende des 20. Jh. gab es in Deutschland altphilologisch und neuphilologisch orientierte Gymnasien. An den Universitäten etablierten sich nun Germanistik, Romanistik, Anglistik etc.
Mit dem Ausdruck Strukturalismus werden mehrere sprachwissenschaftliche Ansätze zusammengefasst, die das Nachdenken über den Gegenstand Sprache bis heute prägen. Als europäischer Begründer gilt der Genfer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure (1857–1913). Saussure formulierte einige Grundsätze einer allgemeinen Sprachwissenschaft. Der Begriff Strukturalismus ist jedoch erst später entstanden. Bei ihm selbst findet man nicht einmal den Ausdruck Struktur. Seine sprachtheoretischen Überlegungen wurden nicht von ihm selbst, sondern von seinen ehemaligen Studenten nach seinem Tod veröffentlicht, unter dem Titel „Cours de linguistique générale“ im Jahr 1916 in französischer Sprache. 1931 erschien das Buch als „Grundfragen der Sprachwissenschaft“ auch auf Deutsch, aber erst die zweite Auflage von 1962 wurde breiter bekannt. Einige Sprachwissenschaftler bezweifeln, dass das Buch dem Denken und Wissen Saussures vollständig entspricht.[ 12 ]
Seine Gedanken wurden mit unterschiedlichen Akzentsetzungen weiterentwickelt von einigen strukturalistischen „Schulen“. Ein solches Zentrum war Prag, wo Vilém Mathesius 1926 die sog. Prager Schule ins Leben rief (Cercle Linguistique de Prague). Von ihren Mitgliedern sind Roman Jacobson und Nicolaj Trubetzkoj besonders bekannt geworden. Kopenhagen (ab 1931, Vertreter z. B. Louis Hjelmslev) und Genf waren wietere Zentren.
Eine eigene Denk- und Forschungsrichtung des Strukturalismus entwickelte sich vor dem Hintergrund der entstehenden Anthropologie in den USA. Sie wird als amerikanischer Strukturalismus bezeichnet und gründet sich unter anderem auf die Arbeiten des Ethnologen Franz Boas. Als einer ihrer wichtigsten Vertreter gilt Leonard Bloomfield.
Gemeinsames Ziel der Strukturalisten ist die Beschreibung der Sprache als geordnetes Zeichensystem. Im Folgenden wird die Sprachtheorie von Saussure skizziert, um dann kurz auf den amerikanischen Strukturalismus und seine Weiterentwicklung einzugehen.
Im Hintergrund der neuen Sprachtheorie steht ein neues Interesse an gesellschaftlicher Anerkennung der Sprachwissenschaft. Sie sollte ein selbständiges wissenschaftliches Fach mit eigenen Methoden werden. Eine wichtige Unterscheidung, die Saussure erfolgreich einführte, ist die zwischen langue und parole. Außerdem benutzt er den französischen Ausdruck langage für Sprache im Sinne einer Einzelsprache oder auch für die Fähigkeit, diese zu sprechen. Die Übersetzung von langue und parole erweist sich als schwierig; im Deutschen verwendet man hier die Begriffe Sprachsystem und Rede. Gegenstand der Allgemeinen Sprachwissenschaft ist nach Saussure die langue, das Sprachsystem. Dieses System kann eigentlich nur durch die Untersuchung menschlicher Äußerungen erfasst werden. Dazu im Widerspruch steht die Tatsache, dass Saussure die parole, die menschliche Rede, nicht als Gegenstand der Sprachwissenschaft ansah. Zwar soll die Sprache die „Norm“ der Rede [ 13 ] sein, andererseits aber die Rede nicht als Quelle der Beschreibung der Sprache gelten. Diese Unklarheit betrifft auch die von Saussure vorgeschlagenen Methoden.
Saussure geht es zentral um die Abgrenzung und Unterscheidung der Elemente des sprachlichen Systems. In Bezug darauf führt er den ebenfalls nicht ganz leicht zu verstehenden Begriff „Wert“ ein:
„… denn die Sprache ist ein System von bloßen Werten“; „… bei den sprachlichen Zeichen, die aus Bezeichnetem und Bezeichnung bestehen, kommt es auf ihre gegenseitige Sonderung und Abgrenzung an. Nicht daß eines anders ist als das andere, ist wesentlich, sondern daß es neben allen andern und ihnen gegenübersteht. Und der ganze Mechanismus der Sprache … beruht auf Gegenüberstellungen dieser Art. …“ [ 14 ]
Saussure betont damit, dass ein einzelnes sprachliches Zeichen nicht isoliert definiert werden kann, seine Bedeutung hängt von seinen Beziehungen zu den anderen Zeichen im System ab. Für die Distinktion, also die klare Unterscheidung eines Zeichens von anderen, muss mindestens ein Merkmal in Gegensatz zu ähnlichen Zeichen stehen. So kann das Wort alt in Gegensatz zu jung stehen, wenn es um Alter geht, aber auch in Gegensatz zu neu, wenn es um die Dauer des Gebrauchs einer Sache geht (vgl. Löbner 2015, S. 234 ff.). Eine solche Art der Abgrenzung von Elementen gegeneinander wird generell im Strukturalismus als Opposition bezeichnet. Besonders das Teilsystem der Sprachlaute wird mit Hilfe von Oppositionen beschrieben (vgl. Kap. 12 und 13).
Zwei weitere Grundbegriffe der strukturalistischen Linguistik, die von de Saussure stammen, sind Syntagma und Paradigma sowie die zugehörigen Adjektive syntagmatisch und paradigmatisch. Mit dem ersten Begriff erfasst er Beziehungen von Zeichen, wie sie innerhalb der Rede (mündlich oder schriftlich) in linearer Abfolge auftreten. Jede vorkommende oder denkbare Aneinanderreihung sprachlicher Zeichen ist ein Syntagma (soweit sie den grammatischen Regeln der jeweiligen Sprache entspricht). Betrachtet man Zeichen als Teil einer Reihe, z. B. eines Satzes, ist das die syntagmatische Betrachtungsweise.
Ein Paradigma im Sinne von Saussure ist im Unterschied dazu eine assoziativ herstellbare bzw. im Denken hergestellte Beziehung zwischen sprachlichen Zeichen, die in irgendeiner Hinsicht ähnlich sind oder zusammenhängen:
„Man sieht, daß diese Zusammenordnungen von ganz anderer Art sind als die ersteren; sie sind nicht von der Zeiterstreckung getragen; ihr Sitz ist im Gehirn; sie sind Teile jenes inneren Schatzes, der bei jedem Individuum die Sprache bildet. Wir wollen sie assoziative Beziehungen nennen.“ [ 15 ]
Paradigmatische Reihen sind „Gedächtnisreihen“. Als Beispiel nennt Saussure eine Wortfamilie wie Belehrung, belehren, er belehrt, bei der der Wortstamm das verbindende Element ist (vgl. Kap. 6). Die Ähnlichkeit kann ganz beliebige Aspekte betreffen, grammatische (gleiche Verbform) oder formale (ähnlicher Klang). Wie viele Elemente eine paradigmatische Reihe hat, lässt sich nicht generell angeben, oft ist sie unbegrenzt.[ 16 ] Syntagmen und Paradigmen hängen oft zusammen. Das Wort Herbst z. B. gehört einerseits in ein lexikalisches Subsystem mit Frühling, Sommer und Winter; gemeinsam bilden sie das Paradigma der Jahreszeiten. In einem Satz wie Gestern hat nach dem Kalender der Herbst begonnen. ist dasselbe Wort Teil eines Syntagmas, das nach den Regeln der deutschen Sprache aufgebaut, also ein deutscher Satz ist. Es zeigt sich, dass beide Arten von Beziehungen auf semantischen und grammatischen Merkmalen beruhen (Kombinierbarkeit zu einer Reihe, vielfache Gemeinsamkeiten der Sprachzeichen) (vgl. Löbner 2015, S. 267 ff.).
Der Satz, über den im 18. und 19. Jh. schon sehr viel nachgedacht und geschrieben worden war, ist in dem Werk „Grundfragen der Allgemeinen Sprachwissenschaft“ allerdings kein Teil des Systems der Sprache. Er gehört zur Rede (parole). Erst die Nachfolger von Saussure erklärten die Syntaxlehre zu einer systembezogenen Disziplin und entwickelten strukturelle Verfahren der Satzanalyse.[ 17 ]
Saussure wusste – wie schon die Historische Philologie –, dass eine Sprache kein statisches Ganzes ist, sondern sich stets in Veränderung befindet. Sie kann – in Saussures Terminologie – in einer diachronen oder synchronen Perspektive betrachtet werden. Der Autor selbst hatte darin „zweierlei Arten von Sprachwissenschaft“ entdeckt und spricht sogar von einem „Gegensatz“ zwischen ihnen.[ 18 ] Tatsächlich besteht eher ein Ergänzungsverhältnis. Die diachrone (oder: diachronische) Beschreibung erfasst das Werden, die Veränderung der Zeichen, den Sprachwandel. Synchronie (Gleichzeitigkeit) meint den gegenwärtigen oder einen punktuell bestimmten Zustand eines sprachlichen Systems.[ 19 ] Die diachrone, historische Analyse eines Zeichens setzt natürlich immer ein Wissen über den aktuellen synchronen Zustand voraus, sei es auch nur die eigene Sprachkenntnis. Umgekehrt kann eine historische Analyse auch eine Erweiterung der Kenntnis des gegenwärtigen Sprachzustandes erbringen.
Die Linguistik in der Nachfolge von de Saussure richtete sich auf die synchrone Perspektive. Die Etablierung als akademisches Fach gelang. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Begrenzung auf das abstrakte System der Sprache jedoch bereits kritisiert.
In den USA entwickelte sich der Strukturalismus ab dem Anfang des 20. Jh. als eine eigenständige Schule. Er entstand aus einem anderen Zusammenhang heraus, nämlich aus dem der neu entstandenen Anthropologie. Das Interesse an der Lebensweise der ursprünglichen (indigenen) Völker und Stämme Amerikas schloss ein starkes Interesse an deren Sprache als Schlüssel zu ihrer Kultur ein. Da diese Sprachen keine Schrift besaßen, mussten neue Methoden entwickelt werden, um sie zu erfassen. Technische Entwicklungen wie das Tonband erlaubten die Dokumentation des gesprochenen Wortes.
Der Anthropologe, Ethnologe und Linguist Franz Boas war einer der ersten, der diese Art der Sprachuntersuchung praktizierte und die neuen Methoden der Aufnahme und Dokumentation nutzte. Er gilt als Begründer nicht nur der amerikanischen Anthropologie, sondern auch der Methode der Feldforschung: Menschen wurden in ihrer alltäglichen Umwelt beobachtet; ihr Tun wurde durch Ton- und Bildaufnahmen eingefangen (vgl. Kap. 4). Boas prägte auch den heute geläufigen Ausdruck „Ethnozentrismus“ und wendete sich gegen die Praxis, das Handeln von Menschen an den eigenen kulturellen Normen zu messen und zu beurteilen, statt deren Tun zunächst ‚neutral‘ zu beobachten und aus dem Lebenszusammenhang der beobachteten Personen heraus zu erklären.
Boas wurde so zum Begründer des Deskriptivismus, der deskriptive (beschreibende) Verfahren anwendet. Die erfassten Daten wurden verschriftlicht und zu einem Korpus [ 20 ] zusammengetragen. In der Analyse suchte man nach Merkmalen und Regelmäßigkeiten der Sprachdaten, man sammelte und klassifizierte den Wortschatz, erfasste die Laute phonologisch und erstellte ein Inventar grammatischer Formen und Satzbaumuster der betreffenden Sprache. Eines der berühmtesten Werke aus dieser Phase ist das von Boas veröffentlichte „Handbook of American Indian Languages“ (1911).
Die Klärung von anthropologisch-kulturorientierten Fragen ist charakteristisch für eine spätere Phase des Deskriptivismus, als deren Hauptwerk Bloomfields Werk „Language“ (1933, in deutscher Sprache 2001) gilt. Bloomfield, ein Schüler von Boas, hatte wie Saussure in Deutschland eine philologische Ausbildung bei den Junggrammatikern erhalten, wandte sich aber in den USA der Erforschung unbekannter und nicht verschrifteter Sprachen zu. Die wichtigsten methodischen Verfahren betreffen die Zerlegung des Datenmaterials in kleinste Einheiten (Segmentierung) und die Erfassung ihrer Verteilung in Texten (Distribution). Deshalb wird diese Richtung oft auch Distributionalismus genannt. Um bestimmte Einheiten im Datenmaterial zu untersuchen, wurden formale Testverfahren angewendet, z. B. die Substitution (Ersetzung), Permutation (Umstellung) und Tilgung von Elementen (vgl. Kap. 9).
Um syntaktische Strukturen darstellen zu können, verwendeten die Distributionalisten oft ein Baumdiagramm, ein sog. Stemma. Ein einfaches Stemma zeigt Abb. 1. Eine solche Darstellung bildet einmal die Gruppierungen zusammengehöriger Wörter ab, zum anderen zeigen die Knotenpunkte die (vermuteten) Abhängigkeiten und geben damit einen Hinweis auf Satzglieder.
Abb. 1: Baumdiagramm eines Satzes (einfaches Stemma)

Die Analyse von Bedeutungen sah Bloomfield allerdings nicht als Teil der Sprachanalyse an, er verwies diese Aufgabe an die Psychologie. Die dominante Theorie in Psychologie und Sozialwissenschaften seiner Zeit war der Behaviorismus, auf Basis der Schriften von B. F. Skinner, der tierisches und menschliches „Verhalten“ (daher auch die deutsche Bezeichnung „Verhaltenstheorie“) gleichermaßen als Folge von Reizen und Reaktionen darauf interpretierte. Dem Behaviorismus zufolge erschließt sich die Bedeutung eines Satzes allein aus einer Untersuchung der Situation, in der ein sprachlicher „Reiz“ so auf den Organismus einwirkt, dass dieser eine bestimmte Reaktion produziert.
Die behavioristische Sicht von Sprache wurde in der Folge vielfach kritisiert. Die geistige Natur von Bedeutungen wird dabei ignoriert, ebenso die Handlungsabsichten der Sprecher, die zwar auf Äußeres reagieren, dies aber gemäß ihren eigenen Zielen und Vorstellungen tun. Eine andere Art von Kritik stammt von dem Linguisten Chomsky, der Sprachstrukturen und Spracherwerb auf angeborene menschliche Eigenschaften zurückführte (s. unten).
Einflussreich war der amerikanische Strukturalismus im Bereich der Fremdsprachendidaktik: Bloomfield und seine Schüler begründeten die so genannte „audiolinguale“ Methode der Sprachlehre. Sie war gekennzeichnet zum einen durch die Betonung des Hörens und Imitierens, zum anderen durch den pattern drill, das intensive mündliche und schriftliche Training von Sprachstrukturen, meist unter Verzicht auf Übersetzungen und mit wenig grammatischen Erklärungen.[ 21 ]
Aus der Kritik der behavioristischen Annahmen über Sprache entwickelte sich in den USA ab Ende der 1950er Jahre ein anderer sprachtheoretischer Ansatz, der von Noam Chomsky initiiert und sehr stark durch seine Arbeiten bestimmt wurde. Meist wird er als Generative Transformationsgrammatik bezeichnet (abgekürzt: GT oder TG). Sprachtheoretischer Ausgangspunkt war die Satzlehre, die Syntax. Ein oft zitierter Satz aus der Einleitung seines Buches „Syntactic Structures“ lautet: „From now on I will consider a language to be a set (…) of sentences“ (1957, S. 13).
Noam Chomskys Buch „Aspects of the Theory of Syntax“ (1965) wurde international diskutiert und z. T. mit Begeisterung aufgegriffen. Neu war dabei nicht die bekannte Satzdarstellung in Form eines Stemmas, sondern die Modularisierung: Parallel zu den verschiedenen Teilgebieten der Linguistik sieht die GT selbständig „arbeitende“ Komponenten eines Spracherzeugungsmechanismus. Die Behauptung ist, dass jeder Sprecher ein phonologisches, ein lexikalisches, ein semantisches und weitere Module im Kopf hat, die er bei der „Sprachproduktion“ in verschiedenen Teilprozessen einsetzt. Dieses angenommene Basisprinzip der Module wird in der Psycholinguistik und in der Kognitiven Linguistik (s. Kap. 3.4.1) teilweise übernommen, teilweise angegriffen. Die Kritik kann sich darauf berufen, dass das wirkliche Sprachwissen von Menschen anders beschaffen ist: Der Sprecher operiert flexibel mit den semantischen, phonetischen und sonstigen Eigenschaften von Sprache und gewichtet sie je nach seinem aktuellen Zweck.
Der kindliche Spracherwerb, so argumentiert Chomsky, ist nicht als Reiz-Reaktions-Lernen oder als bloße Imitation zu erklären, denn ein Kind kann Sätze bilden, die es noch nie gehört hat. Vielmehr ist der Spracherwerb ein kreativer Prozess des Hypothesenbildens und -testens, durch den allmählich der Regelapparat der gelernten Sprache erkannt wird. Darin sieht Chomsky einen quasi biologisch vorgegebenen „Spracherwerbsmechanismus“, den Language Acquisition Device (LAD). Die menschliche Sprachfähigkeit führt er zurück auf eine bereits vor dem Spracherwerb vorhandene innere Universalgrammatik. Wird ein Kind durch die Wahrnehmung muttersprachlicher Äußerungen einem sprachlichen input ausgesetzt, „verarbeitet“ es diese Sprachdaten im Sinne der Prinzipien der Universalgrammatik, abgekürzt: UG (vgl. Abb. 2) und entwickelt aus seiner Universalgrammatik ein mehr oder weniger vollständiges Sprachwissen. Wegen der Annahme einer angeborenen Sprachfähigkeit bezeichnet man diese Richtung der Sprachwissenschaft auch als Nativismus.
Abb. 2: Nativistisches Modell des Spracherwerbs (vereinfacht)

Ein Beispiel für ein Prinzip der UG ist: Jede Sprache hat (mindestens zwei) Wortarten. Die jeweilige sprachspezifische Menge der Wortarten ist dann der dazu gehörige Parameter, der im Kind aufgrund des „Inputs“ wie mit einem Schalter ‚eingestellt‘ wird. Chomsky bleibt insgesamt seiner Ausgangsidee treu, dass Sprache „ein sich selbst produzierendes System“ sei (Sucharowski 1996, S. 8). Das setzt er um durch die Anwendung mathematischer Formeln und Regeln auf die Sprachbeschreibung. Das Prädikat „generativ“ ergibt sich aus dem Anspruch, die Produktion von Sätzen genau so, nämlich aus der Anwendung von Regeln auf einer abstrakten grammatischen Basis (den Prinzipien und Parametern) zu erklären.
Abb. 3: Konstituentenstruktur eines Satzes gemäß GT

Abb. 3 gibt ein einfaches Beispiel. Die Abkürzungen sind zu lesen: NP = Nominalphrase, VP = Verbalphrase, PP = Präpositionalphrase, Det = Determinativ.[ 22 ] Den Kategorien wird ein Lexikon zugeordnet. Ausgehend von Regelapparat und Lexikon lassen sich zahlreiche Sätze derselben Struktur generieren, darunter allerdings auch grammatisch falsche: *Dem große Feuer sitzt an die Katze. Vielfältige Zusatzregeln sind nötig, um die deutsche Flexion und die mit ihr verbundene Kongruenz – hier die Übereinstimmung von Artikel (Det) und Nomen (N) – strukturell erzeugbar zu machen und z. B. die zusammengezogene Form am anstelle von an dem als regelhaft zu erfassen.
In der Spracherwerbsforschung arbeitet man z. T. mit generativen Modellen. Auch die Fremdsprachendidaktik hat z. T. die Nativismus-Hypothese übernommen und diskutiert über die damit zusammenhängende teachability-Hypothese.[ 23 ] Demnach durchlaufen Sprachlerner aufgrund der Universalgrammatik bei jedem Erwerb einer weiteren Sprache dieselben Erwerbsstadien wie beim Lernen der L1. Sie können daher kein Sprachmaterial verstehen oder verarbeiten, das nicht der jeweils „nächsten“ Erwerbsstufe entspricht. Für die Sprachlehre blieb die linguistische Substanz der Generativen Grammatik jedoch insgesamt weitgehend folgenlos.
Chomsky selbst stellt sein Modell als eine Hypothese dar, die nicht bewiesen und wohl auch nicht beweisbar sei. Zur Kritik eines solchen wissenschaftlichen Verfahrens liegen eine Reihe von Beiträgen vor. Jäger (1993, S. 80) spricht von einer „Tilgung der Kategorie des intentionalen Subjekts“, auch Hoffmann (2005) stellt theoretische Schwächen dieser linguistischen Theorie dar. Insgesamt kann die GT als Sonderform des amerikanischen Strukturalismus angesehen werden, deren psychologische Komponente in den verschiedenen Ansätzen der Kognitiven Linguistik zur Geltung kommt.
Unter der Bezeichnung Kognitive Linguistik werden eine Reihe recht heterogener theoretischer Entwürfe erfasst, die zum Teil aus der Generativen Grammatiktheorie heraus entwickelt worden sind, sich zum Teil aber auch als Gegenentwürfe dazu verstehen, z. B. die durch Fillmore entwickelte Konstruktionsgrammatik (vgl. Wildgen 2008, S. 19). Vorbild sind die Cognitive Sciences, eine als Disziplinenverbund konzipierte Zusammenarbeit von Psychologie, Neurolinguistik, Informatik und Künstliche-Intelligenz-Forschung, Philosophie und Anthropologie. Diese Forschungsrichtung versteht sich zunehmend als eigenständiges, interdisziplinäres Fach Kognitionswissenschaft (Schwarz 2008). Der Begriff scheint gegenwärtig die ältere Bezeichnung Psycholinguistik zu ersetzen (Rickheit / Weiss / Eikmeyer 2010).
Monika Schwarz spricht zwar von einem „Kognitiven Paradigma“ [ 24 ], ihr Übersichtsband ergibt aber kein konsistentes Gesamtbild, weil einige Ansätze auf „sich komplett widersprechenden Annahmen beruhen“ (2008, S. 56). Nicht einmal in Bezug auf die Methoden ergibt sich eine Einheitlichkeit, da die Neuro- und die Psycholinguistik weitgehend experimentell vorgehen und auf Nachprüfbarkeit Wert legen, während andere Methoden kognitiver Linguistik „in etwa derjenigen Brentanos Ende des 19. Jh. [folgen], nach der psychische Phänomene zweifelsfrei nur durch innere Wahrnehmungsvorgänge (Introspektion) zugänglich seien.“ (Wildgen 2008, S. 114 f.) Wildgen selbst (a.a.O., S. 24 ff.) fasst die Kognitive Linguistik enger und beruft sich auf Arbeiten von Lakoff, Talmy, Langacker, Fillmore, Fauconnier und Turner, also auf Wissenschaftler, die im Unterschied zur GT sowohl die Modularisierung wie auch die Betrachtung natürlicher Sprachen als formaler Systeme ablehnen. Stattdessen geht man hier davon aus, dass morphologische und syntaktische Strukturen semantisch motiviert sind. Daher sind die Begriffe kognitive Semantik und kognitive Grammatik weitgehend bedeutungsgleich; Forscher der kognitiven Semantik beschäftigen sich auch mit grammatischen Fragen und umgekehrt.
Interessant ist für die Kognitive Linguistik vor allem der Zusammenhang von Sprache und benachbarten, eng mit ihr verbundenen Fähigkeiten, wie Wahrnehmung, Gedächtnis, Vorstellung (vgl. Wildgen 2008, S. 146). In diesem Zusammenhang wird häufig von Konzepten, Schemata bzw. Frames und von Skripten gesprochen, um verschiedene Typen von komplexeren kognitiven Strukturen zu unterscheiden. Während das Konzept einen begriffsähnlichen Inhalt hat (vgl. Kap. 5.2). sind in einem Schema (engl. Frame oder Skript) sachlich verbundene Handlungen und Erfahrungen zusammengeschlossen zu einer Vorstellung, wie z. B. ‚normalerweise‘ ein Kindergeburtstag, ein Einkauf oder eine polizeiliche Vernehmung abläuft. Damit ist man recht nah am sprachlich-kulturellen Wissen der Menschen. Ein sehr großer Teil der kognitiven Theorien befasst sich jedoch mit formalen und mathematischen Fragen sowie mit Computersimulationen (vgl. Sucharowski 1996, S. 125).
Der im amerikanischen Strukturalismus entstandenen Hypothese der „linguistischen Relativität des Denkens“, die auch als linguistische Relativitätstheorie oder Sapir-Whorf-Hypothese bekannt wurde, entspricht im deutschsprachigen Raum die Weltbildhypothese. Ansätze dazu sind bereits bei Humboldt zu erkennen, wesentlich prägnanter ist diese Idee in Wilhelm Wundts einflussreichem Werk „Völkerpsychologie“ von 1922 entwickelt worden. Dort heißt es:
„In allem dem, in ihrem Reichthum wie in ihren Mängeln, spiegelt die Sprache den Geist des Volkes und in ihm wieder den des Einzelnen, der sie redet.“ (1922, S. 459)
Wundt versuchte, diese Hypothese an verschiedenen Sprachen zu belegen. Zwischen Sprache und Geist sieht er ein Wechselverhältnis, bei dem die Sprecher ihr Denken an das Medium der Sprache anpassen und damit einem – nur sehr diffus fassbaren – „Volksgeist“ entsprechen. In den USA kamen Ethnologen wie Boas durch die Untersuchung von Indianersprachen zu einer ähnlichen Vermutung, dass nämlich Welterfahrungen nicht für alle Menschen gleich sind, sondern in verschiedenen Sprachgemeinschaften unterschiedlich verlaufen und versprachlicht werden. Ausgebaut wurde dies in Form der sog. Sapir-Whorf-Hypothese. Die Boas-Schüler Edward Sapir (1884–1939) und Benjamin Whorf (1897–1941) betonten die Abhängigkeit des Denkens und Wissens von der Muttersprache. Bei Whorf heißt es:
„Man fand, daß das linguistische System (mit anderen Worten, die Grammatik jeder Sprache) nicht nur ein reproduktives Instrument zum Ausdruck von Gedanken ist, sondern vielmehr selbst die Gedanken formt, Schema und Anleitung für die geistige Aktivität des Individuums ist, für die Analyse seiner Eindrücke und für die Synthese dessen, was ihm an Vorstellungen zur Verfügung steht.“ [ 25 ]
Erkenntnistheoretisch formuliert ist die Behauptung die, dass die Objektivität des Denkens, also die Fähigkeit aller Menschen, zu übereinstimmenden und objektiven Ergebnissen zu kommen, durch ihre jeweilige Sprache geprägt und dadurch eingeschränkt, relativiert wird. Auch die Erkenntnisse und die Maßeinheiten der Naturwissenschaften sind für Whorf sprachlich bestimmt und daher nicht allgemein und nicht objektiv. Als Beleg verwies er auf den Kontrast zwischen Strukturen europäischer Sprachen und denen des Hopi, einer Indianersprache.[ 26 ] Man vermutete, diese Sprache habe keine Tempora und sei von daher „zeitlos“. Einer späteren Überprüfung hielt das nicht stand. Auch eine andere, verbreitete Behauptung dieser Art ist inzwischen widerlegt: Es hieß, „die Eskimos“ hätten beeindruckend viele (um 100) Wörter für Schnee. Tatsächlich gibt es aber nicht eine, sondern viele Eskimosprachen, und die Menge der schneebezogenen Wörter ist in anderen Sprachen ähnlich groß.[ 27 ]
An die Weltbildhypothese von Wundt knüpfte in Deutschland Leo Weisgerber (1899–1985) an. Er glaubte, dass die Muttersprache eine „geistige Zwischenwelt“ schafft, die das Denken eines Volkes einheitlich prägt (und von diesem geprägt wird). Auf dieser Grundlage wurde Bilingualität, also die Zweisprachigkeit eines Menschen, allgemein als gefährlich beurteilt. Vielfach wurden die Überlegungen Weisgerbers im nachfaschistischen Deutschland negativ und misstrauisch beurteilt. Eine Aufarbeitung fand erst später statt (s. exemplarisch Ehlich / Meng 2004). Konrad Ehlich (2000, S. 5 f.) spricht bezüglich beider Hypothesen kritisch von
„einer erkenntnistheoretisch einigermaßen naiven, neokantianisch beeinflussten Sprachontologie“.
Wie könnte eine Theorie über das Verhältnis von Sprache und Denken aussehen, die nicht „naiv“ ist? Tatsächlich spielt die Sprache bei allen Menschen in der Verarbeitung der Wahrnehmungen und Erfahrungen, der Erinnerung und im Ablauf von Denkprozessen eine wichtige Rolle. Auch beim Lernen einer fremden Sprache arbeiten wir mit der Erstsprache und beziehen alles auf unser primäres Sprachwissen. Begriffe einer anderen Sprache können leichter verstanden werden, wenn man in der eigenen Sprache ein entsprechendes Wort schon kennen gelernt hat. Die Sprache begrenzt aber nicht die Denkmöglichkeiten. Das „Fehlen“ eines Wortes in einer Sprache bedeutet keineswegs, dass deren Sprecher den Wortinhalt nicht erfassen können. Auf dem etwas schwierigeren Weg der Umschreibung lässt sich das Gemeinte verdeutlichen und verstehen. Selbst eine Sprache, die keine Zeitformen der Verben kennt, führt nicht dazu, dass ihre Sprecher kein Zeitgefühl hätten.
Im Folgenden sei noch ein kurzer Blick auf Untersuchungsinteressen, Methoden und Erkenntnisse der Neuro- und Psycholinguistik geworfen, zwei eng an Neurologie und Psychologie orientierte Forschungsrichtungen, für die die methodische Ausrichtung auf das Experiment kennzeichnend ist. Einen Überblick über die Forschungsgegenstände und Verfahren geben u. a. Müller (2013), Höhle (2012) und Ingram (2007).
Praktisch sind die Untersuchungen oft an die Klinische Linguistik angebunden (vgl. Kap. 18): Ein zentrales Interesse ist die Erfassung von Hirntätigkeiten, die mit Sprache und sprachlichen Fähigkeiten verbunden sind. Als Methoden kommen elektroenzephalographische Messungen, Magnet-Resonanzmessungen und sog. bildgebende Verfahren wie die Computertomographie und die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) zum Einsatz.[ 28 ] Man weiß seit Längerem, dass bei Sprachproduktion und -wahrnehmung Aktivitäten auf beiden Gehirnseiten, den sog. Hirnhemisphären im Großhirn, stattfinden. Dabei lässt sich eine gewisse ‚Arbeitsteilung‘ feststellen: Wichtige sprachliche Tätigkeiten sind mit der linken Hirnhälfte verbunden. Andererseits geschieht die Erkennung prosodischer Strukturen – Satzmelodie, Intonation z. B. – offenbar in der rechten Hälfte. Jede Hirnseite scheint für unterschiedliche Aspekte der Wahrnehmung und Sprachproduktion zuständig zu sein, bei Verletzungen und Störungen kann aber die ausgefallene Fähigkeit mit Hilfe der anderen Seite (teilweise) ersetzt werden. Die Zuständigkeit einer Hirnhälfte, auch als Lateralisierung bezeichnet, ist also nicht absolut festgelegt, zudem unterscheiden sich die Hirnaktivitäten bei Menschen mit Rechts- und mit Linkshändigkeit. Interessant ist auch, dass man enge Zusammenhänge mit der Motorik der Hand festgestellt hat. Das wird im Hinblick auf die Evolution diskutiert (vgl. Kap. 15.4).
Neurologische Untersuchungen beziehen sich oft auch auf die Phonetik. Mit der perzeptiven Phonetik hat sich eine eigenständige Teildisziplin entwickelt, die sich u. a. mit der Erkennung von Sprachlauten oder Melodieverläufen, mit der Wahrnehmung von Lautstärken und Tonhöhen befasst (vgl. Kap. 12). Ein großer Teil der Experimente kreist zudem um die Worterkennung. So zeigen sich z. B. in Experimenten mit Wörtern und „Pseudowörtern“ (sinnfreie Silbenzusammensetzungen) auffällige Abweichungen der Hirnaktivitäten nach rund 400 Millisekunden, die sich als verlängerte Suche im „mentalen Lexikon“ [ 29 ] interpretieren lassen. Man weiß auch, dass die Voraktivierung von Wissen, das sog. semantische Priming, die Worterkennung erleichtert: Ein Wort wie Katze wird leichter erkannt, wenn ihm Wörter wie Maus vorausgehen.
Abschließend soll noch kurz die wohl grundlegendste Veränderung der sprachwissenschaftlichen Denkrichtung, die Pragmatik, angesprochen werden, die eine Abkehr vom Strukturalismus vollzieht, der in einigen der oben angesprochenen Ansätze noch weiter existiert. Häufig wird von einer „pragmatischen Wende“ in den 1970er Jahren gesprochen.
Ziele, Grundbegriffe und Erkenntnisse der pragmatischen Sprachtheorie werden in späteren Kapiteln (besonders Kap. 16 ff.) noch näher dargestellt. Ihre philosophischen Wurzeln liegen zum einen in der angloamerikanischen Sprechakttheorie; insbesondere im deutschsprachigen Raum wurden aber auch sprachpsychologische Ansätze wie der von Karl Bühler sowie die Tätigkeitstheorie aufgenommen, die im osteuropäischen, ehemals sowjetischen Raum entwickelt wurde und insbesondere mit den Arbeiten von Vygotskij und Leont’ev verbunden ist.[ 30 ]
Dabei hat auch die Soziologie, insbesondere die im US-amerikanischen Raum entwickelte Ethnomethodologie, einen bedeutenden Einfluss gehabt. Vorläufig soll hier nur als allgemeines Merkmal der Pragmatik festgehalten werden, dass sie Sprechen als soziales, kommunikatives Handeln begreift: Sprache kann nur aus der Interaktion zwischen einem Sprecher (Schreiber) und Hörer (Leser) verstanden werden; dies gilt auch für ihre kleinsten Einheiten (vgl. Kap. 16).
[ 1 ]Es handelte sich dabei um das historisch erste vollständige Alphabet, das alle wichtigen Sprachlaute in Buchstaben umzusetzen erlaubte.
[ 2 ]Der Begriff „Hochsprache“ wird umgangssprachlich oft mit „Hochdeutsch“ gleichgesetzt, letzterer Begriff bezeichnet aber eine regionale Differenzierung (s. Kap. 2.1.3).
[ 3 ]Bloomfield, L. (1933 / 2001, S. 11).
[ 4 ]Philologe: von griech. philos = Freund und logos = Wort.
[ 5 ]Im 18. Jh. fand man bis dahin unbekannte Dokumente des Sanskrit, einer mittelindischen Frühform des Indischen für den sakralen und gelehrten Sprachgebrauch. Der Orientalist William Jones fand Ähnlichkeiten der europäischen Sprachen mit den grammatischen Formen und mit den Verbwurzeln des Sanskrit.
[ 6 ]Es handelt sich um Sprachen der Ureinwohner Amerikas, Indianersprachen, nicht um die heute dort gesprochenen modernen Sprachen.
[ 7 ]Humboldt, W. von (1826 / 1994, S. 140).
[ 8 ]Siehe besonders die Schrift von Darwin „Über die Entstehung der Arten“ (1859).
[ 9 ]Die Wortbildung mit der Endung -ismus deutet nicht immer auf ein kritisches Verständnis, aber ein Teil dieser Substantive und Adjektive besagt, dass eine bestimmte Denkweise (hier die biologische) oder ein Denkmodell in unangemessener Weise übertragen wird.
[ 10 ]Englisch neogrammarians; die Bezeichnung galt einer Gruppe von Forschern und war ursprünglich ironisch gemeint. Sie wurde aber von den so betitelten Forschern angenommen.
[ 11 ]S. Kap. 2, Übungen in den digitalen Materialien.
[ 12 ]Vgl. dazu Krämer (2001, S. 19 ff.).
[ 13 ]Saussure (1967, S. 11).
[ 14 ]In Bezug auf das System nennt Saussure die Zeichen „Werte“, weil er ihren Stellenwert oder ihre Position darin im Blick hat (1967, S. 95 und 145).
[ 15 ]Saussure (1967, S. 147 f.).
[ 16 ]Saussure (1967, S. 151 f.).
[ 17 ]Vor Saussure wurden die Austausch-, Ersatz- und Verschiebeprobe von Hans Glinz entwickelt. In der Nachfolge führte Chomsky die Übertragung auf den Satz durch.
[ 18 ]Saussure (1967, S. 95 ff. und 106).
[ 19 ]Griech. syn = mit, chronos = Zeit, dia = hindurch.
[ 20 ]Das lat. Wort corpus (Körper) mit dem Plural corpora liegt zugrunde; ein linguistisches Korpus besteht aus Datenmaterial, das für einen wissenschaftlichen Zweck zusammengestellt wurde (vgl. Kap. 4). In der Linguistik ist das Fremdwort Korpus mit dem originalen Genus Neutrum übernommen worden, also: das Korpus. In der Medizin ist Korpus Maskulinum.
[ 21 ]Die audiolinguale Methode ist auch heute noch vertreten, z. B. in den Lehrmaterialien der Reihe „Rosetta Stone“.
[ 22 ]Diese Termini werden in den Kap. 7 ff. weiter erläutert.
[ 23 ]Exemplarisch dazu Dulay / Burt / Krashen (1982).
[ 24 ]In allgemein wissenschaftlichem Zusammenhang bezeichnet der Ausdruck „Paradigma“ einen Gesamtkomplex aus theoretischen Begriffen und Auffassungen.
[ 25 ]Whorf (1988, S. 12).
[ 26 ]Es handelt sich um eine nordamerikanische Sprache mit ca. 5.000 Sprechern in Arizona. Deutsche Übersetzungen der wichtigsten Werke von Sapir und Whorf liegen vor.
[ 27 ]Eine größere Vielfalt von Bezeichnungen für Schnee hat z. B. das Lappische.
[ 28 ]Eine gut verständliche Einführung in die sprachbezogene Hirnforschung geben Herrmann / Fiebach (2007); Kurzdarstellungen finden sich bei Wildgen (2008) im Anhang seines Buches sowie bei Schwarz (2008, S. 82 ff.).
[ 29 ]Damit bezeichnet man die Wortspeicherung im Gedächtnis.
[ 30 ]Die russischen Namen werden z. T. unterschiedlich verschriftet; es finden sich auch die Schreibweisen Wygotski und Leontjew.