Germanistische Sprachwissenschaft
  Tonbeispiele:   T1   T2–T22   T23   T24 

1   Sprache und Sprachen

1.1   Präliminarien — einige Grundbegriffe

1.2   Die Sprachenvielfalt

1.3   Die Einteilung von Sprachen

1.4   Sprachkontakt

1.5   Sprachvergleich und Kontrastive Linguistik

Aufgaben (1–20) mit Lösungen

Literatur

Internet-Einstiege

Unterkapitel:    1.1   1.2   1.3   1.4   1.5 

1.1   Präliminarien — einige Grundbegriffe

Die Germanistische Sprachwissenschaft (Germanistische Linguistik) befasst sich mit der deutschen Sprache als einer der vielfältigen Erscheinungsformen von Sprache. Dabei ist sie mit Fragen konfrontiert, die in der Allgemeinen Sprachwissenschaft sprachübergreifend thematisiert werden: Was kennzeichnet Sprache als Mittel der menschlichen Verständigung? Welche Formen und Regeln lassen sich aufweisen? Welche Variationen lassen sich feststellen? Was unterscheidet das Deutsche von anderen Sprachen? Im Folgenden sollen zunächst einige Begriffe vorläufig eingeführt und Perspektiven der Sprachbeschreibung erläutert werden.

Alle Sprachen der Welt ‚arbeiten‘ mit physikalischen Mitteln, die genutzt werden, um Bedeutungen auszudrücken. Gedankliche Einheiten können durch Sprache materialisiert werden. Allerdings muss dazu die Komplexität und Gleichzeitigkeit von Gedanken in ein Nacheinander von Sprachelementen umgesetzt werden.

Für diejenigen, die eine Sprache beherrschen, gliedert sich ein wahrgenommener Strom von Sinneseindrücken in sinnvolle, bedeutungstragende Einheiten. Die Lexik, der Wortschatz einer Sprache, wird von verschiedenen sprachwissenschaftlichen Disziplinen untersucht: der Lexikologie, Lexikographie, Semantik und Morphologie. Der Lexikologie geht es darum, möglichst den gesamten Wortbestand einer Sprache zu erfassen und wissenschaftlich systematisch zu beschreiben, auch in historischer Hinsicht. Ihr Anwendungsfeld ist die Lexikographie, die sich mit der Auswahl und Darstellung dieses Wortbestandes für den Zweck der Erstellung von Wörterbüchern beschäftigt. Die Zusammenstellung eines sprachlichen Wortschatzes bezeichnet man als Lexikon, die darin aufgeführten Wörter als Lexeme. Die Semantik (Bedeutungslehre) zielt darauf ab, den Sinn von sprachlichen Einheiten möglichst genau zu erfassen. Semantische Fragen betreffen die Natur von Bedeutungen, insbesondere auch das Verhältnis von Lexemen untereinander, etwa das gegensätzliche Verhältnis von groß und klein, oder die Frage nach dem Bedeutungsumfang und der Hierarchie von Begriffen. Sprachvergleiche sind hier besonders interessant und wichtig: Das deutsche Wort Bruder hat z. B. einen anderen Umfang als die türkische Entsprechung, denn im Türkischen stehen zwei Übersetzungsmöglichkeiten zur Auswahl: abi (= großer Bruder) und kardeş (= kleiner Bruder).

Die Morphologie beschreibt demgegenüber die verschiedenen Formen, die Wörter einer Sprache annehmen können. Die grundlegende Einheit ist hier das Morphem. Ein Morphem kann ein Wort sein, aber auch eine Silbe wie ver- in verstehen oder eine Endung wie -st in du kommst. Zum Beispiel lässt sich das Wort Sprachen in zwei Morpheme zerlegen: in den Wortstamm sprach- und das Pluralmorphem -en. Und das Lexem sprechen erscheint in verschiedenen Formen: sprechen, spreche, sprichst usw. Bei Übersetzungen in das Deutsche ist es oft erforderlich, mehrere Wörter zum Ausdruck von Bedeutungsaspekten zu verwenden, die in anderen Sprachen durch Morpheme wiedergegeben werden. Ein türkisches Verbaladverb wie sevince (von sevmeklieben) lässt sich im Deutschen beispielsweise nur durch Wortkombinationen (wenn / als ich liebte) übersetzen.

Wörter werden nicht einfach beliebig aneinandergereiht, sie gehören zu Sätzen und Wortgruppen wie das zum Verkauf angebotene Haus in der Bahnhofstraße, deren Aufbau die Syntaxlehre, abkürzend auch oft Syntax genannt, untersucht. Der Begriff Grammatik bezieht sich als Oberbegriff meist auf die beiden Gebiete Morphologie und Syntax, gelegentlich auch auf die Phonologie.

Die Phonologie befasst sich mit der lautlichen Erscheinungsform von Sprache. Die Beschreibung ihrer physikalischen Grundlagen wird in der Phonetik geleistet. Jede akustisch-auditive Sprache hat ein besonderes Lautsystem, dessen Bestandteile in immer wieder neuen Kombinationen zu bedeutungstragenden Zeichen zusammengesetzt werden. Zu einem solchen Lautsystem gehören zunächst einmal einzelne Laute, die man konventionell mit Hilfe der internationalen phonetischen Umschrift (IPA) erfasst, z. B. so:

[ ʃ ] ist ein Konsonant, der in dem deutschen Wort Schule Anlaut ist,
[ ç ] ist ein Konsonant des Deutschen, der in ich und echt vorkommt.

Darüber hinaus haben Sprachen auch charakteristische Lautkombinationen und Silbenstrukturen, welche von der Phonologie untersucht werden.

In vielen Sprachen werden lautliche Einheiten in der Graphie (Schreibung) der Sprache repräsentiert. Man bezeichnet das als ein „phonographisches Schriftverfahren“ bzw. als „Phonographie“. Die Schreibung kann dabei auf die Einzellaute Bezug nehmen (Lautschrift, Buchstabenschrift), sie kann aber auch auf Einheiten wie die Silbe bezogen sein (Silbenschrift, Syllabographie). Zudem gibt es Schriftsysteme, in denen die Schriftzeichen auf die Einheit „Wort“ bezogen sind (Logographie, Begriffsschrift). Auf Normen der Schreibung bezieht man sich mit dem Begriff Orthographie. Kenntnisse der Phonologie sind notwendig, um Sprachvergleiche durchzuführen. Beispielsweise lässt man sich leicht von der unterschiedlichen Graphie bzw. Orthographie zweier Sprachen täuschen und bemerkt die Ähnlichkeit von Wörtern nicht. So entspricht das englische Wort night lautlich dem deutschen Wort Neid. Erst die Lautschrift zeigt die Gleichheit. Schrift und Schreiben werden von der Graphematik näher untersucht. Viele Sprachen der Welt verfügen nicht über Schrifterzeugnisse, sind also keine Schriftsprachen. Etliche finden sich allein in gesprochener Form. Man spricht hier von „oralen“ (mündlichen) Traditionen.

Nicht alle Sprachen der Welt verwenden akustisch-auditive Mittel. Hinsichtlich ihrer physikalischen Erscheinungsform lassen sich Lautsprachen und visuelle Sprachen, so genannte Gebärdensprachen, unterscheiden. Die typologischen Kennzeichen visueller Sprachen werden in der Gebärdensprachforschung näher untersucht. Auch dort verwendet man den Begriff „Phonologie“, da sich die funktionale Betrachtung von kleinsten bedeutungsunterscheidenden Einheiten der Sprache ebenso auf gebärdete Elemente beziehen lässt (Papaspyrou et al. 2008).

Auf die verschiedenen Arten der Wahrnehmung (auditiv und visuell) bezieht man sich in der neueren Sprachforschung mit dem Ausdruck Modalitäten. Auch lautsprachliche Kommunikation weist einen visuellen Anteil auf, den man in Abgrenzung von den Gebärden, den Einheiten visueller Sprachen, zusammenfassend als Gestik bezeichnet, wobei auch die Mimik und Körperhaltungen im Raum einbezogen werden.

Im Verlauf seines Lebens eignet sich jeder Mensch eine, zumeist sogar mehrere Sprachen an. Als linguistisches Teilgebiet beschäftigt sich die Spracherwerbsforschung mit diesen Prozessen. Die verschiedenen, im Verlauf eines Menschenlebens erworbenen Sprachen bezeichnet man in Anlehnung an den angloamerikanischen Sprachgebrauch in chronologischer Reihenfolge als L1, L2, L3, L4 usw. (L = language, Sprache). Die erste Sprache, die ein Kind erwirbt, wird als „Erstsprache“ (L1) bezeichnet. (Der früher häufig genutzte Ausdruck „Muttersprache“ wird im deutschsprachigen Raum aufgrund seiner ideologischen Implikationen heutzutage seltener verwendet.) [ 1 ]

Auf alle nach der Erstsprache erworbenen Sprachen bezieht man sich mit dem Oberbegriff Fremdsprache. Manchmal wird für jede Fremdsprache einfach die Abkürzung „L2“ (language 2) gewählt. Meist gibt man jedoch genauer an, in welcher chronologischen Reihenfolge die Sprache individuell erworben wurde und spricht dann von „L1“, „L2“, „L3“, „L4“ usw. Bei Deutsch als Fremdsprache steht das Deutsche also vor dem Hintergrund biographisch früher erworbener Sprachen. Recht häufig ist es für Lernende die zweite oder dritte Fremdsprache, also eine L3 oder L4. Von der (meist schulischen) Vermittlung in anderen Ländern (Deutsch als Fremdsprache im Ausland) unterschieden wird ein Spracherwerb im Inland (Deutsch als Zweitsprache).

Der Begriff „Zweitsprache“ bezieht sich nicht auf eine chronologische Abfolge und die biographisch zweite Sprache. Erfasst wird damit vielmehr eine Lebenskonstellation, bei der die Amts- und Landessprache (hier Deutsch) nicht die im Kleinkindalter erworbene Erstsprache ist. Typischerweise findet sich eine solche Konstellation in den klassischen Einwanderungsländern. Migranten behalten häufig ihre Erstsprachen als Familien- und Freundessprachen bei. Für die betreffenden Erwachsenen, Jugendlichen und Kinder kann die Zweitsprache eine L2, aber auch eine L3 oder L4 sein. Ein „Migrationshintergrund“ bedeutet aber nicht automatisch, dass Deutsch für die Personen eine Zweitsprache ist (vgl. Haar / Liedke / Riehl 2018). Ebenso kann es, je nach Sprachenwahl in Familie, Nachbarschaft oder Freundeskreis, auch Erstsprache (L1) sein, gegebenenfalls alleinige oder neben einer weiteren. Werden von Geburt an mehrere Sprachen gleichzeitig erworben, spricht man von einem „bilingualen Erstspracherwerb“.

Mit dem Dolmetschen und Übersetzen als mündlichen und schriftlichen Formen der Translation zwischen Sprachen beschäftigt sich die Translationswissenschaft. Im Prozess der Translation werden sprachliche Äußerungen Personen zugänglich gemacht, die diese Sprache nicht beherrschen. Wechseln hingegen mehrsprachige Sprecher in Gesprächen oder Texten zwischen verschiedenen der von ihnen beherrschten Sprachen, bezeichnet man das als Code Switching. Die psychische Repräsentation mehrerer Sprachen, ihre Vernetzung und die bilinguale Sprachproduktion bilden Forschungsgegenstände der Mehrsprachigkeitsforschung.

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1.2   Die Sprachenvielfalt

Die deutsche Sprache steht vor dem Hintergrund einer international und national präsenten Sprachenvielfalt. „Sprache, das heißt Sprachen“, lautet ein bekannter Buchtitel von Weinrich (2003). Einige der in diesem Buch angesprochenen Sprachen nennt  (T1)  Lautsprecher  .

Wie viele Sprachen gibt es überhaupt? Die Anzahl der weltweit vorfindlichen Sprachen geht in die Tausende; Nachschlagewerke sprechen von rund 5.000 bis 7.000 Sprachen.[ 2 ] Der Ethnologue (Lewis / Simons / Fennig 2017), das weltweit größte, auch online verfügbare Sprachenverzeichnis, führt gegenwärtig 7.111 Sprachen auf. Nur ein Teil von ihnen ist bislang linguistisch beschrieben. Dem „Weltatlas der Sprachstrukturen“ (Dryer / Haspelmath 2013), einem großen sprachtypologischen Projekt, liegen derzeit Strukturbeschreibungen von 2.676 verschiedenen Sprachen zugrunde.

Die Schwierigkeit einer exakten Zählung von Sprachen liegt darin, dass man mit guten Gründen verschiedene Kriterien zugrunde legen kann. Nicht immer ist die Einheit einer Sprache in einer bestimmten Nation oder Region und einer Sprechergemeinschaft klar erkennbar. Regionale Unterschiede in Wortschatz und Aussprache können innerhalb „einer“ Sprache erheblich sein (s. Kap. 2 zum Deutschen). Andererseits können Sprachen, die als eigenständig gelten, in großen Teilen Übereinstimmungen aufweisen. Zudem zeigt sich, dass sich Sprachen aus politischen Gründen aufspalten können: Serbisch und Kroatisch beispielweise, früher als gemeinsame Sprache Serbokroatisch erfasst, werden seit einigen Jahrzehnten gezielt zu selbständigen Nationalsprachen gemacht.[ 3 ] Allgemein sind zwei Kriterien zur Abgrenzung von Dialekten (Mundarten) von Sprachen zu nennen:

Eine weitere Schwierigkeit der Sprachenzählung bildet der Umstand, dass Sprachen und Dialekte oft viele Namen haben, manchmal aus der Volksbezeichnung abgeleitet, oft aber auch aus äußeren Gründen. Unterschiedliche Verschriftung oder Übertragung von Namensschreibungen in ganz anders geartete Schriftsysteme haben zu einer Reihe von international nebeneinander gebräuchlichen Sprachnamen geführt. Linguisten kommen aufgrund von sachlichen, systematischen Kriterien oft zu neuen Namen. Das Handbuch „Classification and Index of the World’s Languages“ von Voegelin / Voegelin (1977) hat 4.500 verschiedene Sprachen erfasst, für die insgesamt ca. 20.000 (!) verschiedene Namen existieren.

Seit dem 20. Jh. gibt es einen sehr massiven Prozess des ‚Sprachensterbens‘. Zum Beispiel schätzt man, dass es im 19. Jh. in Brasilien noch über 1.000 Indianersprachen gab, heute sind es nur noch unter 200. Nur knapp 300 der weltweit vorkommenden Sprachen haben mehr als eine Million Sprecher, und nur 100 besitzen einen offiziellen Status. Alle anderen gelten heute in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht als mehr oder weniger bedeutungslos, 80–90 % gelten als bedrohte Sprachen. Ca. 50 Sprachen sind derzeit nur noch einem einzigen Sprecher bekannt, werden also nicht mehr aktiv praktiziert. Viele Sprachwissenschaftler und Ethnologen engagieren sich seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts für die Untersuchung und z. T. auch für den Erhalt von bedrohten Sprachen. Die Sprachenvielfalt hat für sie wissenschaftlichen Wert, sie offenbart den Reichtum an grammatischen und lexikalischen Formen. Gerade in den „kleinen“, gefährdeten Sprachen findet sich oft Überraschendes. Zum Beispiel gibt es im Kaukasus Sprachen, die die vier Kasus des Deutschen weit übertreffen: Das Lesgische liegt mit 18 Kasusformen an der unteren Grenze, das Tabasaranische hat sogar 47 Kasus.[ 4 ]

Vielfach ist der Spracherhalt eine politische Frage, er hängt von gesetzlichen und finanziellen Maßnahmen der Förderung und Aufrechterhaltung ab. Solche gezielte Beeinflussung heißt Sprachplanung, sie findet meist im Rahmen einer Sprachpolitik statt. Einige wenige Sprachen sind vollständig durch Sprachplanung entstanden. Man bezeichnet sie auch als „artifizielle Sprachen“. Die bekannteste ist das Esperanto. Andere Beispiele sind auch „Filmsprachen“ wie z. B. Klingonisch.[ 5 ]

Tab. 1 gibt eine Übersicht über einige ausgewählte Sprachen, ihre Verbreitung und geschätzte Zahl ihrer Sprecher (L1) sowie Tonbeispiele (Zahlen).

Tab. 1:   Einige Sprachen, geschätzte Sprecherzahlen und Vorkommen [ 6 ]

Sprache
geschätzte
Sprecherzahl
Vorkommen
Tonbeispiele
Arabisch
284
(250
 Mio.
 Mio. als L2)
Nordafrika, Naher Osten, Arabische Halbinsel
  (T2)   Lautsprecher   einsprachig
  (T3)   Lautsprecher   zweisprachig
Chinesisch (Mandarin)
941
 Mio.
China, Taiwan, Südostasien
  (T4)   Lautsprecher   einsprachig
  (T5)   Lautsprecher   zweisprachig
Deutsch
92
(200
 Mio.
 Mio. als L2)
Deutschland, Österreich, Schweiz
  (T6)   Lautsprecher   einsprachig
Englisch
370
(1.500
 Mio.
 Mio. als L2)
USA, UK, Kanada, Irland, Australien / Neuseeland, Südafrika u. a.
  (T7)   Lautsprecher   einsprachig
  (T8)   Lautsprecher   zweisprachig
Ewe
3
,7 Mio.
Ghana, Togo
  (T9)   Lautsprecher   einsprachig
(T10)   Lautsprecher   zweisprachig
Italienisch
60
(65
 Mio.
 Mio. als L2)
Italien, Schweiz
(T11)   Lautsprecher   einsprachig
(T12)   Lautsprecher   zweisprachig
Japanisch
128
 Mio.
Japan
(T13)   Lautsprecher   einsprachig
(T14)   Lautsprecher   zweisprachig
Koreanisch
76
 Mio.
Nordkorea, Südkorea
(T15)   Lautsprecher   einsprachig
(T16)   Lautsprecher   zweisprachig
Russisch
159
(150
 Mio.
 Mio. als L2)
Russland und Nachbar­staaten
(T17)   Lautsprecher   einsprachig
(T18)   Lautsprecher   zweisprachig
Tschechisch
10
 Mio.
Tschechische Republik
(T19)   Lautsprecher   einsprachig
(T20)   Lautsprecher   zweisprachig
Türkisch
63
 Mio.
Türkei, Europa
(T21)   Lautsprecher   einsprachig
(T22)   Lautsprecher   zweisprachig


Sprachen sind keine klar abgegrenzten und zuverlässig zählbaren „Größen“. Ebenso problematisch ist die Frage nach der Anzahl ihrer Sprecher. Hier lassen sich aufgrund mangelnder Erhebung des tatsächlichen Sprachengebrauchs nur Schätzwerte angeben, die von anderen, statistisch erhobenen Daten (z. B. Einwohnerzahl, Staatsangehörigkeiten, Fremdsprachenlernende an Schulen) ausgehen. Wenngleich die Zahlenangaben also nicht verlässlich sind und aus linguistischer Perspektive auf Forschungsdesiderate weisen, lassen die gegenwärtigen Schätzungen gleichwohl einige Konturen des Forschungsfelds erkennen.

Deutsch gilt als Erstsprache von ca. 92 Millionen, als Fremd- und Zweitsprache von ca. 200 Millionen Menschen, teilweise außerhalb von Deutschland.[ 7 ] Es gehört zu den großen Weltsprachen und nimmt in entsprechenden Ranglisten gegenwärtig Rang 10 oder 11 ein. Einige der in Tab. 1 genannten Sprachen stehen dem Deutschen vergleichsweise nahe, andere weisen typologisch große Unterschiede zum Deutschen auf, was für die Lehre und den Erwerb von Deutsch als Fremd- und Zweitsprache bedeutsam ist.

Das Interesse, eine Sprache als Fremdsprache zu erlernen, spiegelt deren sprachen-politische Bedeutung und die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen den beteiligten Ländern. Zur Sprachpolitik gehört es daher auch, das Erlernen der jeweiligen Nationalsprache als Fremdsprache im Ausland zu fördern. Anders als die Fremdsprache Englisch wird Deutsch selten als erste Fremdsprache (L2) erlernt, sondern bildet für Lernende häufiger die dritte oder vierte Fremdsprache. Nach Angaben des Auswärtigen Amts lernen gegenwärtig ca. 15 Millionen Menschen weltweit Deutsch als Fremdsprache an Schulen, Universitäten und anderen Einrichtungen im Ausland.[ 8 ] Rund 87 % von ihnen sind Schüler, zumeist der Sekundarstufe II. Die meisten Lerner (über 2 Millionen) finden sich in Polen. Jeweils über eine Million Deutschlerner gibt es in der Russischen Föderation, in Großbritannien und in Frankreich, jeweils über 400.000 in den USA und in der Türkei, je 230.000 in Japan und in Kamerun, 120.000 in China.

Betrachtet man das Verhältnis von Sprache und Staat, so zeigt sich schnell, dass für die meisten Länder der Welt Mehrsprachigkeit den Normalfall darstellt. Den rund 7.000 Sprachen der Welt stehen derzeit ca. 194 größere und kleinere Staaten gegenüber. Der einfache Fall, dass eine Sprachgemeinschaft mit einer Nation zusammenfällt, ist selbst innerhalb Europas mit seinen relativ homogenen Sprachgemeinschaften nicht die Regel:

„Sprachgrenzen und Staatsgrenzen waren in Europa zu keiner Zeit synchronisiert. Nur in wenigen Gebieten des europäischen Kontinents decken sich sprachgeographische und territoriale Grenzen, und zwar dort, wo die geopolitischen Verhältnisse naturgegeben sind. Das einzige klassische Beispiel in Europa ist der Inselstaat Island mit seiner sprachlich homogenen Bevölkerung.“ [ 9 ]

Die in einem Staat verwendete Amts- und Bildungssprache kann für große Teile der Bevölkerung eine andere Sprache sein als die, die in Familie und alltäglichem Umfeld verwendet wird. Dies ist häufig in Ländern mit einer Kolonialvergangenheit der Fall. Im Anschluss an Charles Ferguson wird für eine Sprachkonstellation, in der verschiedene Sprachen gesellschaftlich nebeneinander existieren und für unterschiedliche Lebensbereiche verwendet werden, der Ausdruck Diglossie verwendet.[ 10 ] KS, Student aus Togo, ist mit einer diglossischen Konstellation der Sprachen Ewe und Französisch aufgewachsen:

Tonbeispiel: (T23)   Lautsprecher   Sprachkonstellation in Togo

Die Erstsprachen werden somit nur in begrenzter Funktion als „Heimsprachen“ oder „Familiensprachen“, nicht jedoch in öffentlicher oder wissenschaftlicher Funktion verwendet und sind für entsprechende Zwecke nicht ausgebaut – eine Situation, wie sie für das Deutsche bzw. die deutschen Dialekte über Jahrhunderte hinweg ebenfalls bestanden hat (vgl. Kap. 2.2).

Zweitspracherwerb findet in allen Staaten der Welt statt. Auch Deutschland ist nicht einfach ein Land, in dem nur Deutsch gesprochen wird. Für einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung Deutschlands ist Deutsch eine Zweitsprache. Zudem besitzen einige andere Sprachen in bestimmten Regionen Deutschlands einen Status als weitere Amtssprachen.

Im Norden Deutschlands findet man verschiedene homogene Sprachgemeinschaften, so genannte autochthone Minderheiten, die schon lange auf deutschem Gebiet wohnen. Sprachen, die von solchen relativ stabilen Sprachgemeinschaften neben der offiziellen Sprache eines Staates gesprochen werden und als regionale Amtssprachen anerkannt sind, nennt man auch Binnenfremdsprachen. Zu ihnen gehören in Deutschland das Friesische, Sorbische und Dänische.

Das Friesische ist Muttersprache von ca. 433.000 [ 11 ] Menschen, von denen die meisten in den Niederlanden leben. In der deutschen Region Friesland sind 75 % der Bevölkerung friesischsprachig. Das Westfriesische besitzt dort den Status einer regionalen Amtssprache und ist auch als Regionalsprache der EU anerkannt. Das Sorbische wird heute nur noch von rund 60.000 Sprechern im äußersten Südosten Deutschlands, nahe der tschechisch-polnischen Grenze, beherrscht. Sorbisch ist eine westslawische Sprache, dem Polnischen wie dem Tschechischen ähnlich. Das dänische Sprachgebiet liegt in Schleswig.

In den letzten fünfzig Jahren sind viele weitere Sprachen als Binnenfremdsprachen hinzugekommen, die – anders als die oben genannten – nicht als Amtssprachen in bestimmten Regionen Deutschlands dienen und als „Migrantensprachen“ bezeichnet werden. Die Vielfalt der Migrantensprachen in Deutschland ist bislang nicht untersucht; statistische Zählungen erfassen lediglich die Staatsangehörigkeiten von zugewanderten Menschen, die wiederum keinen verlässlichen Rückschluss auf die von ihnen gesprochenen Erstsprachen zulassen. Die ausländische Bevölkerung in Deutschland liegt im Jahre 2019 bei 10,9 Millionen.[ 12 ] Etwa 19,3 Millionen Menschen in Deutschland werden von der Statistik als „Personen mit Migrationshintergrund“ geführt; [ 13 ] dies entspricht einem Bevölkerungsanteil von rund 23 %. 6.087.000 Menschen (31,6 %) gelten als Personen mit Migrationshintergrund, haben aber keine eigene Migrationserfahrungen. Häufige Herkunftsländer bilden die Türkei, Polen, Russland und Kasachstan. Viele Zuwanderer stammen auch aus Syrien, Italien, Spanien, Griechenland, Kroatien und Rumänien, zudem aus zahlreichen weiteren Ländern, die in den Statistiken oft nur zusammenfassend ausgewiesen werden.[ 14 ] Zu den häufigsten Herkunftsländern von Asylbewerbern im Jahre 2018 zählten nach Angaben des BAMF Syrien, der Irak, der Iran, Nigeria, die Türkei, Afghanistan, Eritrea und Somalia.[ 15 ]

In welchem Ausmaß in Familie und Freundeskreis auf die verschiedenen Migrantensprachen zurückgegriffen wird, ist bislang ungeklärt. Im Mikrozensus 2014 an einer kleineren Stichprobe erhoben wurden erstmals auch Selbsteinschätzungen der Sprachkompetenz im Deutschen. Rund 11,4 % bezeichneten sie als „muttersprachlich“. 35,8 % schätzten sich als „fließend“ ein. (19,4 % der Befragten machten keine Angaben.) 256.238 Personen wurde 2018 eine Teilnahmeberechtigung für einen Integrationskurs und somit einen Sprachkurs „Deutsch als Zweitsprache“ ausgestellt.[ 16 ] Laut einer 2017 durchgeführten Befragung des statistischen Bundesamts [ 17 ] sprechen durchschnittlich 56 % der Menschen mit Migrationshintergrund zuhause Deutsch. Die Zahl variiert in Abhängigkeit von der Aufenthaltsdauer. Zu den häufigsten anderen Familiensprachen gehören Türkisch, Russisch, Polnisch und Arabisch.

Eine ähnliche Sprachensituation findet sich auch in Österreich. Dort gelten verschiedene Sprachen als „Minderheitensprachen“ und werden z. T. durch spezielle Programme in den Schulen gefördert.[ 18 ] In der Schweiz ergibt sich aufgrund der offiziellen Mehrsprachigkeit im Staat eine etwas andere Konstellation.

Neben der (gesprochenen und geschriebenen) deutschen Sprache haben sich im deutschsprachigen Raum auch mehrere visuelle Sprachen entwickelt, die als eigenständige Sprachen anerkannt sind: [ 19 ] die Deutsche Gebärdensprache (DGS), die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) und die Schweizerdeutsche Gebärdensprache (SDGS). Auch für Gebärdensprachsprecher ist das Deutsche eine Zweitsprache, deren Struktur sich von denen der visuellen Sprachen nicht nur in ihrer physikalischen Grundlegung unterscheidet. Über die DGS informiert das „Handbuch der Deutschen Gebärdensprache“ (Eichmann / Hansen / Heßmann 2012). Strukturen der SDGS werden bei Boyes Braem (1995) vorgestellt.

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1.3   Die Einteilung von Sprachen

Gemeinsamkeiten und Unterschiede von verschiedenen Sprachen der Welt lassen sich aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Kriterien beschreiben. Zum einen kann die typologische Beschreibung danach fragen, welche Merkmale eine bestimmte Sprache zum gegenwärtigen Zeitpunkt besitzt und welche anderen Sprachen diese Merkmale ebenfalls aufweisen. Einen solchen Zugang bezeichnet man als synchron.

Ein anderer möglicher Zugang der Sprachklassifikation ist diachron. In diesem Fall fragt man nach einer gemeinsamen historischen Vorform, aus der heraus sich unterschiedliche Sprachen entwickelt haben. Die Sprachen weisen dann eine genealogische Beziehung auf. In diesem Zusammenhang ist oft von einer „Sprachfamilie“ die Rede; metaphorisch wird z. B. von „Tochtersprachen“ gesprochen. Als anschauliches Bild wurde in der Sprachforschung des 18./19. Jh. auch die Metapher des Baumes genutzt (Wurzeln, Stämme, Zweige). Für etliche Sprachen der Welt kann die Herausbildung aus einer gemeinsamen Grundsprache aufgrund vieler schriftlicher Belege nachgewiesen werden. Dies gilt z. B. für die Entstehung der so genannten „romanischen“ Sprachen aus dem Lateinischen. In anderen Fällen ist eine gemeinsame Ursprache nicht schriftlich belegt, kann jedoch aufgrund von Indizien erschlossen werden.

Abb. 1:   Verschiedene Sprachengruppen („Sprachfamilien“)

Abbildung 1

Die gegenwärtige Einteilung von Sprachen in verschiedene Sprachengruppen ist in vielen Fällen genealogisch orientiert. In anderen Fällen ist die zusammenfassende Gruppierung eher geographisch-regional und durch synchrone Ähnlichkeiten begründet. Das ist beispielsweise bei den so genannten „Indianersprachen“ oder bei den afrikanischen Sprachen der Fall. Häufig wird auch eine bestimmte Sprache in verschiedenen Klassifikationen unterschiedlich zugeordnet. So ist z. B. die Verwandtschaft von Finnisch und Ungarisch weniger offensichtlich als die von Finnisch und Estnisch. Uralische und altaische Sprachen werden manchmal zusammengefasst, manchmal nicht. Die Menge der angenommenen Sprachfamilien ist umfangreich, was angesichts der Anzahl der Sprachen nicht überrascht. Abb. 1 enthält einige Beispiele für als gesichert geltende Einteilungen in verschiedene Gruppen. Die Gesamtheit der von Linguisten unterschiedenen Sprachengruppen ist damit natürlich noch keineswegs erfasst.

Deutsch wird aufgrund seiner Entstehungsgeschichte der so genannten indoeuropäischen Sprachfamilie zugeordnet.[ 20 ] Viele der größeren und kleineren Sprachen Europas gehören der indoeuropäischen Sprachfamilie an. Die Gruppe wird in Kap. 2.2 genauer dargestellt. Darüber hinaus werden in Europa jedoch auch Sprachen gesprochen, die genealogisch anderen Gruppen zuzuordnen sind, unter ihnen Finnisch, Ungarisch und Baskisch, eine Sprache, deren Genese nach allgemeiner Auffassung ungeklärt ist, so dass sie keiner Gruppe oder Familie zugeordnet werden kann.

Die genealogische Zugehörigkeit zu einer Sprachengruppe lässt vermuten, dass sich der Erwerb anderer Sprachen der gleichen Gruppe als „leichter“ erweist. Allerdings können sich die Mitglieder einer „Sprachfamilie“ aus synchroner Perspektive unterschiedlich darstellen. So gilt etwa die Flexion, d. h. die grammatisch bedingte Formveränderung von Wörtern, als typisches Merkmal indoeuropäischer Sprachen (vgl. Kap. 2.2). Im Englischen und Niederländischen wurde das Formensystem der Substantive (Kasus) hingegen anders als im Deutschen, Polnischen oder Russischen weitgehend abgebaut.[ 21 ] Der Erwerb der Kategorie „Kasus“ und ihrer Formen ist für Deutsch lernende Engländer oder Amerikaner also ebenso notwendig wie für chinesische Deutschlernende, deren Sprache nicht nur kasuslos ist, sondern überhaupt keine Flexion besitzt.

Andererseits können Sprachen trotz unterschiedlicher Herkunft ähnliche Strukturen aufweisen. So findet sich das Phänomen der inneren Flexion (die Bildung von Umlautformen wie in SchadenSchäden) z. B. im Deutschen ebenso wie im Arabischen, zwei genealogisch nicht verwandten Sprachen.

Oftmals ist es nicht leicht zu entscheiden, wie Gemeinsamkeiten zwischen Sprachen einzuordnen sind. Insbesondere im Wortschatz finden sich oft Ähnlichkeiten, die jedoch nicht auf eine gemeinsame Sprachgeschichte, sondern vielmehr auf (geschichtlich bedingte) Kontakte zwischen Sprachen und ihren Sprechern zurückzuführen sind. Manchmal gehen diese Ähnlichkeiten auch auf eine dritte Sprache zurück. So weisen viele Sprachen der Welt gegenwärtig aufgrund von Entlehnungen z. B. aus dem Englischen oder Lateinischen Ähnlichkeiten im Wortschatz auf.

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1.4   Sprachkontakt

Der Begriff Sprachkontakt bezieht sich auf die erkennbaren Einflüsse von Sprachen aufeinander, die durch vielfältige Kontakte ihrer Sprecher zustandekommen. Das „Metzler Lexikon Sprache“ beschreibt das als „Aufeinandertreffen zweier oder mehrerer Sprachen meist durch geographische Nachbarschaft ihrer Sprecher“ , z. B. in Grenzgebieten. Als frühes Beispiel kann man die Kontakte zwischen Römern und Germanen nennen, die in der Vorgeschichte der deutschen Sprache für eine Vielzahl lexikalischer Übernahmen aus dem Lateinischen gesorgt haben. Wörter wie Kopf (lat. caput[ 22 ], Fenster (lat. fenestra), Becher (lat. bicarium) oder Münze (lat. moneta) sind bereits seit den Anfängen des Deutschen bekannt, haben alle sprachgeschichtlichen Veränderungen mitgemacht, sich sprachlich an das Deutsche angeglichen und sind daher nur für Eingeweihte noch als ursprünglich lateinische zu erkennen.[ 23 ] Wörter wie Keller, Wein und Kaiser haben mit der Übernahme politischer Praktiken und Kulturtechniken zu tun. Manche lateinische Wörter wurden sogar in verschiedenen Phasen mehrfach entlehnt. Das lateinische Wort cellarium (Vorratskammer) wurde z. B. in der „ersten lateinischen Welle“ [ 24 ] zu ahd. kellari, später Keller; in der „zweiten lateinischen Welle“, nach der Lautverschiebung (s. Kap. 2.2), wurde es noch einmal übernommen zu Zelle. In dieser Phase (frühes Mittelalter) war Latein besonders im christlichen Sprachgebrauch einflussreich. Darüber hinaus ist Latein bis in die heutige Zeit hinein wesentlich für die Terminologie der wissenschaftlichen Fächer.

Ein anderes Beispiel für Sprachkontakt: Bei den Sprachen der Balkanregion gibt es – obwohl keine Sprachfamilie vorliegt – so viele Ähnlichkeiten, dass man diese Sprachgruppe als „Sprachbund“ bezeichnet. Harald Haarmann (1993) stellt das „Sprachengewirr“ in Europa in seinem Buch mit dem Untertitel „Geschichte und Zukunft der Sprachnationen zwischen Atlantik und Ural“ ausführlich dar.

Verschiedene sprachliche Phänomene des Deutschen lassen sich durch Sprachkontakt erklären. Die typische Anfangsbetonung des Deutschen beispielsweise gilt als Reflex früher Kontakte von germanischen zu finnisch-ugrischen Sprachen im Ostseeraum; diese Sprachen haben durchgängig Anfangsbetonung.[ 25 ] Abweichungen von dieser Grundregel gibt es wiederum im Deutschen, besonders auffällig bei Entlehnungen aus dem Französischen wie reparieren. Das Saarländische ( (T24)  Lautsprecher ) bietet ein anderes Beispiel für französischen Einfluss auf den Wortschatz.

Mit den verschiedenen sprachlichen Auswirkungen des Sprachkontakts befasst sich die Sprachkontaktforschung (Riehl 2014a). Sie ergänzt sprachvergleichende Untersuchungen, indem sie zeigt, wo und welche wechselseitigen Beeinflussungen von Sprachen stattgefunden haben und aktuell stattfinden.

Zum Teil sind – gerade im Kolonialzusammenhang – durch Sprachkontakt auch Sprachmischungen entstanden, von denen sich manche zu eigenen Sprachen verfestigt haben. Die Bevölkerung des kolonisierten Landes musste sich für den Handel und im amtlichen Verkehr der Kolonialsprache bedienen, oft ohne sie in Schulen oder Sprachkursen lernen zu können. Das Ergebnis war zunächst eine in jeder Hinsicht stark reduzierte Verkehrssprache auf Basis der dominanten „Spendersprache“: Ein Teil von deren Wortschatz wurde lautlich angepasst an die Landessprache (indigene Sprache), auch ein Teil der Grammatik der europäischen Sprache wurde adaptiert, d. h. oft stark vereinfacht und mit Elementen einer oder mehrerer lokaler Sprachen vermischt. Man nennt eine solche reduzierte Mischsprache Pidgin oder Pidginsprache.[ 26 ] Einige dieser Pidginsprachen wurden von folgenden Generationen als Erstsprache erworben und in Wortschatz und Grammatik ausgebaut, später teilweise oder ganz standardisiert. Man spricht dann von Kreolsprachen.

Ein frühes Beispiel für eine Pidginisierung und anschließende Entwicklung zu Kreolsprachen bieten die romanischen Sprachen. Grundlage war das in den römischen Kolonien gesprochene Volkslatein der ersten Jahrhunderte n.Chr. Prozesse des Ausgleichs und der Assimilation dieses Lateins an germanische Gegebenheiten führten, kurz zusammengefasst, zu den später als Italienisch, Spanisch, Französisch etc. standardisierten Sprachen.[ 27 ] Mit solchen Vorgängen beschäftigt sich außer der Sprachkontaktforschung und der Sprachgeschichtsforschung auch die Kreolistik.

Als Kolonialsprache trat Deutsch in wesentlich geringerem Ausmaß in Erscheinung als Englisch oder Französisch.[ 28 ] Die relativ kurze Zeit des deutschen Kolonialismus im Deutschen Kaiserreich des 19. Jahrhunderts betraf vor allem Namibia („Deutsch-Südwestafrika“), Togo, Kamerun und einige weitere Länder.[ 29 ] Nach dem Ersten Weltkrieg wurden fast alle Kolonien aufgeben. In Namibia besitzt das Deutsche heute den Status einer anerkannten Minderheiten- und Verkehrssprache. Im kolonialen Zusammenhang entstand dort auch eine deutsch basierte Mischsprache (Küchendeutsch, Namibian Black German). Auch in Papua-Neuguinea entwickelte sich ein deutsch basiertes Pidgin (Unser Deutsch, Rabau Creol German). Zudem gab es den Vorschlag, die deutsche Sprache von vornherein in einer pidginisierten Form zu lehren (vgl. Mühleisen 2005).[ 30 ]

In der Sprachkontaktforschung wurde auch diskutiert, ob im Blick auf das Deutsche als Zweitsprache von einem neuen deutschbasierten Pidgin gesprochen werden kann. Diese Vermutung äußerte in den 1960er Jahren zuerst der Linguist Michael Clyne (1968). Man vermutete, dass begrenzte Sprachkontakte zwischen Deutschen und neu angeworbenen Arbeitskräften aus verschiedenen Ländern (Italien, Spanien, Griechenland, Jugoslawien und der Türkei) zur Entwicklung einer begrenzten Hilfssprache führen würden, die man als „Gastarbeiterdeutsch“ oder „Deutsch ausländischer Arbeiter“ bezeichnete. Eine entsprechende, überindividuell stabile Sprache konnte allerdings nicht aufgewiesen werden – „das“ Deutsch der Migranten gibt es also nicht (s. Deppermann 2013).

In der gegenwärtigen Sprachkontaktforschung versteht man die verschiedenen, durch Sprachkontakt entstandenen Formen des Deutschen als Kontinuum von „Lernersprachen“ [ 31 ] bzw. Lernervarietäten (vgl. Kap. 2.1.2). Dies gilt auch für andere Kontaktsprachen wie das „Bosnische Pidgindeutsch“, das „Halbdeutsch“ in Estland und Lettland oder das „Wolgadeutsch-Pidgin“ im Ural.[ 32 ] Das durch den deutsch-tschechischen Sprachkontakt in Böhmen entstandene „Böhmakeln“ bzw. „Kuchldeutsch“ beschreiben Morcinek et al. (2016).

Auch die gegenwärtige Tourismus-Kommunikation ist durch Sprach- und Kulturkontakt geprägt. Zu den linguistischen Auswirkungen s. Höhmann (2014).

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1.5   Sprachvergleich und Kontrastive Linguistik

Der Vergleich von Sprachen ist wichtig für viele theoretische Fragen der Allgemeinen Sprachwissenschaft:

Die Kontrastive Linguistik befasst sich primär mit dem Sprachvergleich (zu einer Einführung s. Theisen 2016). Sie geht dabei auch einer abgeleiteten Frage genauer nach: Was lässt sich aus den Unterschieden bestimmter Sprachen für die Prozesse und Schwierigkeiten des Fremdspracherwerbs ableiten? Die Disziplin wird auch als kontrastive Grammatik, Kontrastivik, komparative Linguistik bezeichnet und steht in enger Beziehung zur Sprachkontaktforschung. Eine systematische Untersuchung aller Sprachen der Welt hinsichtlich ihrer Merkmale und Unterschiede – Wilhelm von Humboldt propagierte sie – hat bisher noch nicht stattgefunden.

Spontan vergleichen alle Menschen, die eine fremde Sprache lernen, die Muttersprache und die Fremdsprache miteinander. Bei einem solchen ‚naiven‘ Vergleich wird die Muttersprache zum Maßstab gemacht, die fremde in ihren Abweichungen davon betrachtet. Ein Deutscher stellt dann z. B. fest, dass der russischen Sprache der Artikel „fehlt“. Ein russischer Deutschlerner mag sich umgekehrt wundern, wieso die deutsche Sprache grammatische Einheiten wie den Artikel hat, die man (= der russische Sprecher) nach seiner Erfahrung gar nicht braucht. Ein Linguist versucht, an solchen Differenzen einzelsprachliche oder auch generellere, übereinzelsprachliche Funktionen zu ermitteln, die mit diesem oder jenem Mittel realisiert werden können.

Linguistische Beobachtungen fließen ein in monolaterale, bilaterale und multilaterale Vergleiche. So unterscheidet man verschiedene Forschungsorientierungen, die für den Sprachvergleich wichtig sind: Konzentration auf eine Sprache, wobei die andere als Ausgangspunkt dient (monolateral), beidseitiger Vergleich zweier Sprachen (bilateral), Vergleich mehrerer Sprachen (multilateral). Immer wieder ist dabei die Frage der Übersetzung oder Übersetzbarkeit bestimmter Ausdrücke oder grammatischer Mittel eine wichtige Motivation. Als „Tertium comparationis“ [ 33 ], also als wesentlicher Bezugspunkt des Vergleichs, dienen nicht die einzelsprachlich verschiedenen formalen Eigenschaften, sondern z. B. übergeordnete Formkategorien und vor allem die Funktionen der sprachlichen Elemente. Bei einem bilateralen oder multilateralen Vergleich ergibt sich ein Geflecht von Beziehungen zwischen den jeweiligen einzelsprachlichen Formen und ihren Funktionen.

Selbst einander genealogisch oder strukturell nahestehende Sprachen haben meist unterschiedliche Formen (z. B. Flexionsendungen) entwickelt. Übereinstimmende Formen (z. B. Substantive) können unterschiedlich verteilt sein, eine Präposition kann einen anderen Kasus fordern usw. Ein wesentliches Ziel der Allgemeinen Sprachwissenschaft ist es, die analytische Beschreibungssprache und ihre Kategorien als Tertium comparationis für mögliche Vergleiche weiterzuentwickeln.

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[   1 ]Vgl. Ahlzweig (1989), (1994).

[   2 ]Haarmann (2001) nennt die Zahl 6.500, Austin (2008, S. 216) die Zahl 6.800.

[   3 ]Crystal (2010) nennt als weitere Sprachen, die linguistisch keine eigenen Sprachen sind: Hindi / Urdu, Bengali / Assamesisch, Flämisch / Niederländisch, Twi / Fante, Xhosa / Zulu.

[   4 ]Die Erklärung für eine große Anzahl von Kasus ist, dass Kasusformen die Aufgaben übernehmen, die Präpositionen im Deutschen innehaben.

[   5 ]Ein Überblick, verschiedene Beispiele und Diskussion der Argumente für und gegen eine „erfundene“ Sprache finden sich bei Crystal 2010 (S. 362–366).

[   6 ]Alle Angaben nach Crystal (2010), Cambridge Encyclopedia of Language. Vorkommen als Minderheitensprache in anderen Ländern werden dabei nicht erfasst. Andere Zahlenangaben finden sich, teils zeitbedingt, teils aufgrund anderer Kriterien bei Haarmann (1993) und Austin (2008), s. Kap. 2.1.

[   7 ]Zahlen nach Crystal (2010), Cambridge Encyclopedia of Language, s. Anm. 6.

[   8 ]„Deutsch als Fremdsprache weltweit. Datenerhebung 2015“, (www.goethe.de/resources/files/pdf35/Bro_Deutschlernerhebung_final.pdf).

[   9 ]Haarmann (1993, S. 30).

[ 10 ]Der Ausdruck „Diglossie“ wird linguistisch in einem spezielleren Sinn benutzt als seine deutsche Übersetzung „Zweisprachigkeit“ und als der Terminus „Bilingualismus“, der sich im Allgemeinen auf die Sprachfähigkeit eines Sprechers bezieht. Er findet nicht nur hinsichtlich verschiedener Sprachen, sondern auch im Blick auf verschiedene Varietäten einer Sprache Anwendung (s. Kap. 2.1).

[ 11 ]Zahl nach Crystal (2010). Z.T. wird auch die Zahl 750.000 genannt (Haarmann 2001, S. 137).

[ 12 ]Zahlenangaben lt. Statistischem Bundesamt, (www.destatis.de).

[ 13 ]Das Statistische Bundesamt definiert „Personen mit Migrationshintergrund“ folgendermaßen: „Eine Person hat dann einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit in Deutschland geboren ist.“ (www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2018/08/PD18_282_12511.htm).

[ 14 ]Vgl. www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Migration-Integration/Tabellen/migrationshintergrund-staatsangehoerigkeit-staaten.html

[ 15 ]BAMF (2019), Das Bundesamt in Zahlen 2018, (www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Broschueren/bundesamt-in-zahlen-2018.html).

[ 16 ]Zahlen nach BAMF (www.bamf.de/DE/Infothek/Statistiken/InGe/inge-node.html). Ein Integrationskurs besteht aus einem Sprachkurs im Umfang von 600–900 Stunden sowie einem Orientierungskurs im Umfang von 100 Stunden. Beide Kurse schließen mit einer Prüfung ab. Nähere Informationen zu den rechtlichen Grundlagen, Kosten und Teilnahmebedingungen der Kurse finden sich auf den Internet-Seiten des BAMF.

[ 17 ]Videopressemitteilung des Statistischen Bundesamts zur gesprochenen Sprache in Haushalten (www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/_Videos/migrationshintergrund-sprachen.html)

[ 18 ]Über die Sprachensituation und -diskussion in Österreich informiert das Österreichische Schulportal (www.schule.at/portale/politische-bildung/detail/nationale-minderheiten.html).

[ 19 ]Derzeit geht man von ca. 500.000 Personen aus, die eine europäische Gebärdensprache als Erstsprache benutzen (ec.europa.eu/education/policies/multilingualism/sign-languages_de).

[ 20 ]Die Bezeichnung „indoeuropäisch“ wurde von Franz Bopp vorgeschlagen (vgl. Kap. 3.2).

[ 21 ]Als Ersatzformen für einen Kasus wie den Dativ dienen dort präpositionale Konstruktionen (dem Jungento the boy).

[ 22 ]Das lat. Wort cupa bedeutete eigentlich Becher; das lat. Wort für Kopf, nämlich caput kam als Haupt ins Deutsche, es erscheint heute als antiquiert.

[ 23 ]Weitere Beispiele bieten Riehl (2014a) und das Lexikon „Unser tägliches Latein“ von Kytzler, Bernhard / Redemund, Lutz (52007), Darmstadt: Verlag Philipp von Zabern / Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

[ 24 ]Der Ausdruck Welle hat sich eingebürgert für Phasen mit besonders vielen Wortübernahmen.

[ 25 ]Haarmann (2001) Stichwort: Deutsch.

[ 26 ]Der Ausdruck wird als eine chinesische ‚Verfremdung‘ des englischen Worts business angesehen, vgl. Adamzik (2004, 3 f.).

[ 27 ]Vgl. dazu Schmidt (2000, S. 36 und 40).

[ 28 ]Einblick in den kolonialzeitlichen Sprachkontakt des Deutschen geben verschiedene Beiträge in Engelberg / Stolberg (2012); s. auch Plewnia / Riehl (2018). Detailliertere Ausführungen zu „Deutsch Südwest-Afrika“ finden sich bei Mühleisen (2005).

[ 29 ]Vgl. Speitkamp, Winfried (2005) Deutsche Kolonialgeschichte. Ditzingen: Reclam; Gründer, Horst (52004) Geschichte der deutschen Kolonien. Stuttgart: Schöningh UTB.

[ 30 ]Ein Beispiel findet sich in Übung 13 im digitalen Begleitmaterial.

[ 31 ]Als „Lernersprache“ bezeichnet man die Sprache von Lernenden einer Fremdsprache. Lernersprachen wichen in vielen Eigenschaften von der Zielsprache ab; sie können sich schnell verändern, aber auch verfestigen. Ein Beispiel bietet Transkript (Ts10) im digitalen Begleitmaterial.

[ 32 ]Ein Überblick über und Beispiele für entsprechende Formen des Deutschen finden sich bei Riehl (2014a).

[ 33 ]Wörtlich übersetzt: Drittes des Vergleichs.

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