Germanistische Sprachwissenschaft
 

6   Semantische Beziehungen, Merkmale und Konzepte

6.1   Grundbegriffe der semantischen Theorie

6.1.1   Traditionelle Semantik

6.1.2   Frame-Semantik

6.2   Semantische Relationen

6.3   Semantische Merkmale und Prototypen

6.3.1   Die Merkmalsemantik

6.3.2   Die Prototypensemantik

6.3.3   Semantische Primitiva

6.3.4   Konzeptuelle Metaphern

6.4   Wortschatz im Kontrast und im Unterricht

Aufgaben (1–25) mit Lösungen

Literatur

Internet-Einstiege

Unterkapitel:    6.1   6.2   6.3   6.4  

6.1   Grundbegriffe der semantischen Theorie

6.1.1   Traditionelle Semantik

Jede Sprache weist verschiedene Typen von Wörtern auf. Eine bekannte Einteilung von der Bedeutung her ist die in Inhaltswörter, traditionell Autosemantika, und Synsemantika. Als Autosemantika bezeichnet die Semantik diejenigen Lexeme, die lexikalisch selbstständig (gr. autós) und daher kontextunabhängig verständliche Wörter sind. Gegen das Kriterium ‚kontextunabhängig‘ ist allerdings einzuwenden, dass die konkrete Bedeutung kontextbezogen schwankt, und zwar sehr häufig. Man betrachte z. B. das Substantiv Fenster in den Äußerungen:

Auch ein Adjektiv wie spitz kann nicht nur auf Gegenstände bezogen werden, sondern jemand kann auch mit spitzer Stimme sprechen oder spitzfindig sein.

Die so genannten Synsemantika gelten demgegenüber als unselbstständig und kontextabhängig. Dazu rechnet man meist Wörter, die keine Bedeutungen begrifflicher Art haben, z. B. Pronomina, oder sog. „Funktionswörter“, also grammatisch wichtige, meist einfach gebildete Wörter wie Konjunktionen oder Präpositionen. Sie dienen der differenzierten Verknüpfung von sprachlichen Einheiten und tragen so zur Konstituierung von Satz- und Äußerungsbedeutungen bei. Die Annahme, dass sie unselbstständig seien, ist allerdings auch hier wieder fragwürdig. Sie sind eher Lexeme, bei denen Funktion und Bedeutung generell eng mit dem Kontext verbunden sind.

Schon die Lexeme des Kernwortschatzes sind zum Teil abgeleitet von Basislexemen, d. h. sie gehören zu einer Wortfamilie. Wortfamilien sind objektive lexikalische Gruppierungen, deren Entstehungsprinzipien in der Wortbildungslehre beschrieben sind. Diese Prinzipien sind gerade für das fremdsprachliche Lernen sehr wichtig. In neueren Grammatiken werden sie erklärt,[ 1 ] in Einzelfragen helfen Wörterbücher.[ 2 ] Eine Wortfamilie beruht meist auf einem Basismorphem, sehr häufig ist dieses das Stammmorphem eines Verbs. Die Duden-Grammatik nennt als Beispiele die Wortfamilien des Verbs ziehen (vgl. Kap. 7) und des Adjektivs klug.[ 3 ]

Während zur Wortfamilie formähnliche Wörter gehören, geht es bei einem Wortfeld um inhaltliche Ähnlichkeit. Zu einem Wortfeld gehören lexikalische Einheiten, die nach dem Prinzip des Sachbezugs, der ‘Sinnverwandtschaft‘, zusammengestellt sind. Zum Beispiel sind die Verben wandern, spazieren, bummeln Teile eines Wortfeldes, das man dem relativ neutralen Verb gehen unterordnen kann. Die Wörter eines solchen Feldes sind bei gleicher Wortart partiell synonym. Bedeutungsbeschreibungen sind, wie oben gesagt, Aussagen über das gemeinsame Sprachwissen der Sprecher des Deutschen. Die Erklärung der Differenzen zwischen ähnlichen Wörtern erfordert es, nicht nur das einzelne Wort zu betrachten, sondern vor allem sein Auftreten in verschiedenen Kontexten zu untersuchen und zu vergleichen. Dadurch kann eine Bedeutung präziser beschrieben werden, auch ihre Veränderung durch den Sprachwandel.

Wenn man Wörter aufgrund ihrer Ähnlichkeit in semantischer Hinsicht gruppiert, betrachtet man den Wortschatz von seinem Inhalt und oft von seinem Realitätsbezug her. Man fragt dann z. B., wie in einer Sprache eine bestimmte Art der Fortbewegung bezeichnet und beschrieben werden kann. Diese Perspektive wird als onomasiologisch bezeichnet, abgeleitet von dem Terminus Onomasiologie (Bezeichnungslehre). Dem wird meist die umgekehrte semasiologische Perspektive gegenübergestellt (von Semasiologie oder Bedeutungslehre), bei der man von Wörtern oder Wortformen ausgeht und danach fragt, welche Bedeutungen ihnen zukommen.[ 4 ] In beiden Richtungen sollten die Ergebnisse im Wesentlichen dieselben sein, aber dennoch ist es z. B. kontrastiv ein wichtiger Unterschied, ob man fragt, wie verschiedene Sprachen denselben Inhalt ausdrücken, oder ob man zwei Wörter der beiden Sprachen als Ausgangspunkt nimmt und ihre Bedeutungen vergleicht. Auch für das Sprachlernen spielen diese Perspektiven eine Rolle.

Die Wortfeldtheorie versucht, vor allem die lexikalisch-begrifflichen Ausdrücke einer Sprache nach semantischen Feldern zu ordnen. Dafür müssen zunächst einmal Kriterien der Einteilung von der Inhaltsseite her gefunden werden. Um interne Gliederungen eines Wortschatzes oder Wortfeldes zu verdeutlichen, greift die Lexikologie gern auf eine terminologische Unterscheidung von Saussure zurück: die paradigmatische (vs. Syntagmatische) Beziehung.[ 5 ] Man kann z. B. die Gebrauchsbedingungen oder die semantische Potenz eines Verbs der Fortbewegung dadurch ermitteln, dass man in gegebene Äußerungen einige oder alle Verben des Wortfeldes einsetzt und prüft, ob das möglich ist bzw. welche Veränderung sich dadurch jeweils ergibt.

Abb. 1:   Beispiel für eine paradigmatische Zusammenstellung

schreiten
schlendern
Die Museumsbesucher   –
gehen
–   durch die Ausstellung.
schleichen
wandern

In Abb. 1 werden einige Beispiele für Alternativen eingebracht. Hier ist das Verb schleichen im Kontext fragwürdig, es könnte mit einem Sternchen * oder einem Fragezeichen (?) markiert werden. Beide Zeichen stehen für eine Abweichung bis hin zur Verletzung von Gebrauchskonventionen. Das ist in grammatischen Fragen etwas einfacher herauszufinden. Im semantischen Bereich gibt es aber keine expliziten Regelfestlegungen. Es geht eher um eine Art semantische Verträglichkeit. Das Verb schleichen passt deswegen nicht so gut zu dem Beispielsatz, weil die damit verbundene Heimlichkeit nichts mit einem Museumsbesuch zu tun hat. Umgangssprachlich wird schleichen jedoch auch für allzu langsames Gehen verwendet.

6.1.2   Frame-Semantik

Der Ansatz der Frame-Semantik wird von der Kognitiven Linguistik (neben Begriffen wie Schema und Skript) ausgearbeitet, um alltägliche Wissenskomplexe zu beschreiben (für eine Übersicht s. Busse 2012 und Löbner 2015).

Den Begriff Frame (Rahmen) könnte man als situationsbezogenes Sprachwissen erläutern. Einen Frame kann man sich erschließen durch Fragen des Typs: Was passiert genau bei dem Ereignis X? Wer und was gehört zu diesem Ereignis? Solche Ereignisse sind z. B. eine Hochzeit oder ein Kindergeburtstag. Sie sind also oft mit kulturell geprägter Erfahrung verbunden. Generell sind Frames Konzepte, die sich durch eine hohe Stabilität auszeichnen. Die Semantik untersucht lexikalische Konzepte, die an Begriffe oder Inhaltswörter gebunden sind. Soweit es um Handlungsabläufe geht, passen ‚Skript‘ oder ‚Szenario‘ besser.

Der Ansatz geht zentral auf die Arbeiten von Charles Fillmore zurück und wurde von diesem im Rahmen der Konstruktionsgrammatik ausgebaut. In der Konstruktionsgrammatik werden diejenigen Verknüpfungen von Konzepten, die sich auch in Satzkonstruktionen nachweisen lassen, analysiert. Mit einem Verb wie fragen sind z. B. als Situationselemente SPEAKER, TOPIC und ADDRESSEE verbunden, da die Tätigkeit des Fragens außer dem Fragesteller und dem Fragethema einen wissenden Adressaten (Auskunftgeber) erfordert. Ein anderes Verb, pflegen, ruft als beteiligte Konzepte

  1. ein hilfsbedürftiges Subjekt oder Lebewesen,
  2. ein zum Helfen fähiges Subjekt,
  3. eine geeignete, pflegetypische Situation

auf. Hier berühren sich semantische und grammatische Theorie im Begriff der semantischen Rollen, der in die Valenzgrammatik eingegangen ist (s. Kap. 9.5). Man vermutet, dass die semantischen Rollen universal sind, während die grammatischen Beziehungen etwa zwischen Verb und Akkusativobjekt, „Konstruktionen“ genannt, in jeder Sprache anders sind.

Ein weiterer Begriff ist von der Kognitiven Linguistik in die Diskussion eingebracht worden. Die traditionellen Sachgebiete, nach denen Wortschatz geordnet werden kann, werden hier als konzeptuelle Domänen (Begriffsfelder) bezeichnet, z. B. „Raum“, „menschlicher Körper“, „Krankheit“, „Reise“. Der Ausdruck „Wortfeld“ wird spezifischer auf eine Zusammenstellung von begrifflichen Einheiten derselben konzeptuellen Domäne bezogen. Die oben angesprochene Mehrdeutigkeit von Autosemantika in verschiedenen Kontexten lässt sich dann als Übertragung aus einer konzeptuellen Domäne in eine andere auffassen. Aus kognitionslinguistischer Sicht würde man also z. B. sagen, dass die in der Domäne „Computer“ verwendeten Konzeptualisierungen (speichern, Zugang, Fenster etc.) z. T. der Domäne „Haus“ entliehen wurden.

Die Frame-Semantik inspiriert Lexikologen dazu, Wörter auf die dazugehörigen Rahmen hin zu untersuchen und die Ergebnisse in Datenbanken festzuhalten. In der Spracherwerbsforschung (vgl. Fischer / Stefanowitsch 2008) verspricht man sich von der Konstruktionsgrammatik genaueren Aufschluss über die Strukturen des Sprachwissens.[ 6 ]

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6.2   Semantische Relationen

Lexeme weisen verschiedene Arten von Relationen untereinander auf. Die Semantik hat dafür folgende grundlegende Einteilung vorgenommen (auch diese Bezeichnungen sind von onoma (Name) und sema (Zeichen) abgeleitet):

  1. Synonymie
  2. Antonymie
  3. Homonymie
  4. Polysemie
  5. Hyponymie und Hyperonymie
  6. Metapher
  7. Metonymie

Synonymie kann zwischen zwei lexikalischen Elementen bestehen, die grundsätzlich, in einer bestimmten sprachlichen Umgebung oder auch in einer Situation dieselbe (oder eine sehr ähnliche) Bedeutung haben. Sonnabend und Samstag sind Synonyme, wobei aber die regional unterschiedliche Gebrauchshäufigkeit zu beachten ist. Die beiden Lexeme sind daher nicht frei austauschbar. Synonymie ist zentral innerhalb eines Wortfeldes: Hier besteht meist partielle Synonymie. Sprachgeschichtlich traten Synonyme im deutschen Sprachgebiet durch die Vielzahl von Territorialsprachen und Ortsmundarten im 15. Jh. gehäuft auf. Zum Beispiel gab es mindestens 12 Bezeichnungen für den Fleischer (Metzger, Fleischhacker, Knochenhauer …).[ 7 ] Einige davon existieren weiter nebeneinander. Synonymie kann ausgeweitet werden auf Wortgruppen und Anordnungen im Satz. Das „Studienbuch Linguistik“ [ 8 ] gibt folgende Wort- und Satzbeispiele:

B1
anfangen – beginnen
Die Nadel ist zu kurz. – Die Nadel ist nicht lang genug.
Man hat Cäsar ermordet. – Cäsar wurde ermordet.
Es war schwer, die richtige Antwort zu finden. – Die richtige Antwort zu finden war schwer.Die richtige Antwort war schwer zu finden.

Die in Kap. 5 angesprochenen Konnotationen (Nebenbedeutungen) können dazu führen, dass keine Synonymie zustandekommt. Konnotationen, die allgemein bekannt sind und im Wörterbuch berücksichtigt werden, müssen dann als Teil der Wortbedeutung betrachtet werden. Oft sind sie aber an bestimmte Sprechergruppen gebunden. So können mit einem Wort wie „Hippie“ oder „Sozialdemokrat“ z. B. je nach Sprechendem positive oder negative Einschätzungen der so benannten Personen verbunden sein. Im Extremfall handelt es sich um eine individuelle Assoziation aufgrund persönlicher Erfahrungen. Der Begriff sollte daher nur mit näheren Angaben gebraucht werden.

Synonyme bieten Umschreibungsmöglichkeiten. Für Sprachlerner, aber auch für Deutsche, die ihren Schreibstil verbessern wollen, sind Synonymwörterbücher entstanden.[ 9 ]

Antonyme sind solche Lexeme, die logisch nicht kompatibel sind, es handelt sich um semantische Gegensatzpaare. Solche Gegensatzpaare gibt es in verschiedenen Wortarten. Das Metzler-Lexikon nennt als Beispiele: tot – lebendig, Ruhe – Bewegung, öffnen – schließen.

Besonders bei einem Teil der Adjektive wird die Antonymie als wichtige Beziehung, die auf Polarität beruht, erachtet. Während tot / lebendig, weiß / schwarz echte Gegensätze sind, sind bestimmte andere Adjektive graduierbar, d. h. steigerbar. Es entspricht der Logik, dass eine Aussage wie „X ist heiß“ impliziert: „X ist nicht kalt“. Aber Wahrnehmungen sind relativ. Ein Ton kann als sehr laut beurteilt werden, ein anderer wird im Bereich der ‚normalen‘ Lautstärke oder als relativ leise eingeordnet. Immerhin kann man hier Maßeinheiten festlegen und eine Objektivierung erreichen. Bei der Bewertung von Handlungen ist eine derartige Festlegung kaum möglich. Eine bestimmte Handlung kann z. B. als dumm, ziemlich dumm oder auch als ziemlich intelligent eingeschätzt werden.

Bei antonymen Ausdrücken ist das allgemeine Phänomen der Neutralisierung zu beachten: Das Adjektiv groß ist z. B. Antonym von klein, so wie dick von dünn; dennoch spricht man in Fragen wie:

B2
Wie groß ist er?     Wie dick ist das Seil?

nur allgemein von den Eigenschaften Größe und Dicke. Das heißt, auch wenn eine Person relativ klein oder ein Seil relativ dünn ist, spricht man neutral von ihrer Größe, entsprechend geht es beim Seil um seine Dicke. Ein Problem bei solchen Adjektiven, die von einer solchen gedachten Skala her interpretiert werden, kann ihre Vagheit werden, jedenfalls dann, wenn genaue Angaben erwünscht sind.

Häufig wird Antonymie, gerade bei Adjektiven, nicht durch semantisch gegenteilige Lexeme ausgedrückt (freundlich – feindlich), sondern durch die Wortbildung, durch negierende Vorsilben oder Endsilben:

B3
a)  freundlich – unfreundlich
b)  implizit – explizit
c)  lustvoll – lustlos

Homonyme sind bedeutungsverschiedene Wörter, die historisch möglicherweise früher verschiedene Formen hatten, sich aber lautlich und / oder graphisch so entwickelt haben, dass sie in der Wortform deckungsgleich (geworden) sind. Einem Ausdruck entsprechen dann zwei Lexeme. Zum Beispiel heißt ein Vogelkäfig auch Bauer, was mit der Bezeichnung für den Landwirt formal (d. h. in der äußeren Form) übereinstimmt, aber ansonsten mit dieser nichts zu tun hat. Das eine Lexem ist ein Homonym des anderen, zwischen ihnen besteht die Beziehung der Homonymie. Nicht selten besteht die Formengleichheit nur partiell, Genusunterschiede können auftreten (die Kieferder Kiefer); auch einzelne Wortformen können unterschiedlich sein. So unterscheidet sich bei dem Substantiv Bank der Plural der beiden Bedeutungsvarianten (die Bänke vs. die Banken), die etymologisch zwar zusammenhängen, heute aber als Homonyme gelten.[ 10 ] Auch orthographische Ungleichheit kommt vor: Die beiden Verben malen und mahlen sind, wenn man die Lautseite im Auge hat, homophon; wegen des orthographischen Unterschieds sind sie aber keine Homographen. Homonymie kann darüber hinaus in Texten durch Wortformen entstehen, die kontextuell erschlossen, d. h. einem Lexem zugeordnet werden müssen. Das Wort Summen kann z. B. als substantiviertes Verb, aber auch als Plural von die Summe gelesen werden.

Von Polysemie (Mehrdeutigkeit) spricht man dann, wenn ein Wort durch Ausdehnung seines Gebrauchs im Laufe der Zeit eine Art Aufspaltung oder Ausdifferenzierung seiner Bedeutung erfahren hat, was sehr häufig der Fall ist. Man unterscheidet dann mehrere Lesarten oder Teilbedeutungen. Ein Beispiel ist das Wort Brücke, das laut Wörterbuch Hermann Paul drei konkrete und eine übertragene Bedeutung hat:

B4
Brücke
a)  Weg über ein Hindernis
b)  Zahnersatzteil
c)  die Kommandobrücke bei einem Schiff
d)  eine Verbindung

Polysemie ist nicht immer leicht abzugrenzen von Homonymie. Z. B. ist Schloss, etymologisch betrachtet, eigentlich ein polysemes Wort, im oben genannten Wörterbuch erläutert als:

B5
Schloss
a)  Vorrichtung zum Verschließen
b)  Wohnsitz eines Vornehmen

Der ursprüngliche Bedeutungszusammenhang ist aber für heutige Sprecher unbekannt: Im 13. Jh. wurde Schloss als Lehnübertragung (s.u.) zu dem lateinischen Wort exclusa bzw. clusa (auch übertragen im Wort Klause) im Sinne von ‚befestigte Anlage, Burg‘ eingeführt; die Vorstellung des Befestigtseins trat später zurück, eine herrschaftliche Wohnanlage wurde so genannt. Daher vermuten die meisten Sprecher heute, dass die beiden Wortbedeutungen nichts miteinander zu tun hätten, die Lexeme also Homonyme sind.

Aus der häufigen Polysemie von Wörtern des Kernwortschatzes resultiert eine Eigenschaft der Umgangs- oder Alltagssprache, die manchmal halb vorwurfsvoll als Ungenauigkeit, als Vagheit oder Unschärfe beschrieben wird. In Wahrheit ist die Mehrdeutigkeit von Lexemen aber als ein Vorteil der Gemeinsprache zu betrachten: Der Wortschatz ist kleiner, als er sonst sein müsste, und die Sprecher können ihre Sprechweise flexibel anpassen.

Hyponyme und Hyperonyme sind Begriffe, die in logischer Relation zu anderen gesehen werden. Inhaltlich zusammenhängende Begriffe werden hierarchisch geordnet vorgestellt und im Allgemeinen in der Form von Baumgraphen (Baumdiagrammen) dargestellt. Dabei wird das Oben und Unten in der Graphik als ein Mehr oder Weniger an Abstraktheit gedeutet. Die Hyponyme sind zunehmend spezifischer, konkreter. Mithilfe solcher Beziehungen ordnet oder klassifiziert man Gegenstandsbereiche nach sachlogischen Kriterien. Das Hyperonym ist der jeweils übergeordnete Begriff. Blume ist z. B. hyperonym zu Tulpe; Tulpe ist umgekehrt ein Hyponym von Blume (vgl. Abb. 2).

Abb. 2:   Baumdiagramm zur Darstellung von Hyponymie

Abbildung 2

Unter einer Metapher wird, allgemein gesagt, ein bildlicher Ausdruck verstanden, der durch die Übertragung einer Bezeichnung entsteht. Das Verb metapherein bedeutete im Griechischen ‚anderswohin tragen‘. Der Terminus entstammt der klassischen Rhetorik, in der die Metapher eine Stilfigur ist. Die Metapher beruht auf einem Vergleich, ist in der sprachlichen Form vom Vergleich aber deutlich unterschieden. Bei der Metapher liegt eine Übertragung aufgrund von Ähnlichkeiten der äußeren Gestalt, der Eigenschaften, der Funktion oder Verwendung vor. Ein Beispiel für Metaphorik ist die Redeweise von „Schafen“ und „Hirten“ in der katholischen Kirche, wenn es um die Gläubigen und den Klerus (Priester, Geistliche) geht. Wörter aus bestimmten Wortfeldern wurden und werden gern als Metaphern in Komposita verwendet, z. B. die Bezeichnungen für Körperteile:

B6
Schraubenkopf, Versfuß, Goldader, Flaschenhals, Tischbein

Eine Metonymie liegt vor, wenn (ebenfalls nach rhetorischer Lehre) ein Ausdruck durch einen anderen ersetzt wird, der zu ihm in einer realen Beziehung (zeitlich, räumlich, kausal oder anders) steht. Hierbei geht es also nicht um Ähnlichkeit, sondern eher um einen tatsächlichen Zusammenhang, um eine real vorhandene Beziehung. Eine Fülle von Metonymien entsteht ganz alltäglich, weil sie Verkürzungen ermöglichen:

B7
Haben Sie jemals Goethe gelesen?
statt: (ein) Werk von Goethe
Berlin hat bisher nicht Stellung genommen.
statt: die Regierung in Berlin
Das Management ist in dieser Frage nicht einig.
statt: Die Gruppe der Manager
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6.3   Semantische Merkmale und Prototypen

In Kap. 5 wurde der Unterschied zwischen der Bedeutung (dem Inhalt) eines Worts und seiner Gebrauchsbedeutung, der Referenz eingeführt. Ein Sprecher referiert mit einem Wort auf Gegenstände und Sachverhalte, die dann als Referent des Wortes gelten. Allerdings kann er sich nicht direkt auf einen Gegenstand beziehen, sondern nur auf entsprechende „gedankliche Einheiten in der Vorstellungs- und Erfahrungswelt der Menschen“.[ 11 ] Im Rahmen einer Situation kann ein Sprecher sich bei einer „aktuellen Referenz“ [ 12 ] Freiheiten erlauben. Eine unkonventionelle Referenz kann eine Übertragung (Metapher) sein und (langfristig) zu einer Bedeutungsausweitung oder -verschiebung führen. Wortbedeutungen können dann zusätzliche Aspekte bekommen, sie werden ausgebaut, es entsteht Polysemie. Diese Überlegungen zeigen bereits, dass die Beschreibung von Bedeutungen und ihren Veränderungen schwierig, aber auch interessant ist (vgl. Gerd Fritz 2006).

6.3.1   Die Merkmalsemantik

Das bekannteste Verfahren der Bedeutungsanalyse beruht auf einer Bedeutungsbeschreibung, die schon Aristoteles entwickelt hat. Es wird als Merkmalsemantik bezeichnet und besteht in dem Versuch, Wortbedeutungen in Teilbedeutungen zu zerlegen. Jede begriffliche Wortbedeutung ist demnach eine Art Merkmalbündel. Die strukturelle Semantik verfolgt das Ideal, ein Inventar aller denkbaren semantischen Merkmale zusammenzustellen, mit dem alle Wortbedeutungen beschrieben und miteinander verglichen werden können. Damit die semantischen Merkmale distinktiv sein können, müssen sie „Seme“ sein, also elementare, nicht weiter zerlegbare Einheiten; außerdem sollen sie generell sein (Löbner 2015, S. 276). Die allgemeinsten und universal vorhandenen Bedeutungsmerkmale sind Unterscheidungen wie belebt vs. unbelebt, männlich vs. weiblich vs. neutral, räumliche Anordnungen wie oben vs. unten. S. Löbner (2015, S. 272) illustriert die Angabe gemeinsamer semantischer Merkmale und auch die Schreibweise der Merkmale (Großbuchstaben in eckigen Klammern) so:

Mädchen – Frau – Tante – Königin
[MENSCH] [WEIBLICH]
Junge – Mann – Onkel – König
[MENSCH] [MÄNNLICH]

Die Lexeme Kind und Person dagegen haben kein Geschlechtsmerkmal. In tabellarischen Aufstellungen wird das Vorhandensein eines Merkmals mit [ + ], das Fehlen mit einem Minuszeichen dargestellt (binäre Analyse) (vgl. Löbner 2015, S. 272 ff.). Der Begriff Kind kann von daher als [- männlich / weiblich], aber auch als [+ neutral] dargestellt werden. Viele der verwendeten Merkmale sind Hyperonyme. Ihre Hyponyme in einem Wortfeld lassen sich allerdings nicht immer klar gegen andere abgrenzen. Ein bekanntes Beispiel ist das Wortfeld der Namen für Gewässer im Deutschen (B8). Zum Beispiel ist unklar, ob es eine Größenhierarchie gibt zwischen Weiher, Tümpel, Teich und See:

B8
Bach, Fluss, Strom, Kanal, Weiher, Teich, Meer, See, Tümpel, Pool u. a.

Unterscheidungen wie diese entstehen in einer Sprache nicht aus einem systematischen Einteilungsbedürfnis, wie das in einer Wissenschaft oder einem Fach der Fall ist, sondern die einzelnen Gewässernamen kommen unter verschiedenen Perspektiven und Aspekten, unabhängig voneinander zustande. Daher gibt es oft die Möglichkeit, zwei oder drei Bezeichnungen für dasselbe Gewässer zu verwenden.

Schwierig ist die Analyse oft auch bei kulturell bestimmten Merkmalspaaren wie erwachsen / kindlich, natürlich / produziert oder bei den Funktionen von Gebrauchsgegenständen.[ 13 ] Insgesamt gab und gibt es viel Kritik an den Beschränkungen einer binären Merkmalsanalyse, die viele Bedeutungsbeziehungen schlecht erfassen kann.[ 14 ] Somit ist auch das Bedeutungswissen der Sprecher nicht adäquat zu erklären.

6.3.2   Die Prototypensemantik

Anders geht die sog. Prototypensemantik (Prototypentheorie) vor. Sie gehört zur Kognitiven Linguistik (vgl. Kap. 3.4.1). Ihr Ausgangspunkt ist die ebenfalls schon von Aristoteles stammende logische Kategorie: Wortbedeutungen sind Kategorien, nach denen Menschen die Wirklichkeit einteilen. Die mentale Tätigkeit heißt Kategorisierung. Anhand von Studien zur Farbwahrnehmung stellte man fest, dass es viele Übergangsstufen gibt, bei denen Farbzugehörigkeit graduell beurteilt wird, ausgehend von den klaren, prototypischen Farbwahrnehmungen. In weiteren Exprimenten zu Wortbedeutungen stellte sich eine ähnliche Orientierung an Prototypen heraus, also an „Exemplaren, die die Kategorie am besten repräsentieren“ (Löbner 2015, S. 323). Ein beliebtes Beispiel für einen Zweifelsfall ist der Pinguin, der in den Augen der meisten Sprecher des Deutschen kein typischer Vogel ist, weil er schwimmt und keine flugtauglichen Flügel hat.[ 15 ] In ähnlicher Weise wurden Sprecher befragt, was für sie ein typischer Schlafanzug, ein typischer Apfel oder eine typische Tasse ist. Dass sich dabei Übereinstimmungen herausstellten, auch hinsichtlich der untypischen Vertreter der Kategorie, kann nicht überraschen. Die Frage, was als typisch und weniger typisch gilt, wird in einer Sprechergemeinschaft sozial entwickelt und ausdifferenziert.

Was in dieser Theorie betrachtet wird, ist die extensionale Bedeutung eines Begriffs: Wieviele und welche ‚Vertreter‘ hat er in der Realität? Diesbezüglich gibt es offenbar häufig unscharfe Grenzen. Die Prototypensemantik mündet allerdings von ihrem anderen Ausgangspunkt dann auch wieder in Merkmallisten. Am Beispiel Vogel: Die Merkmale prototypischer Vögel – in Deutschland offenbar das Rotkehlchen – gelten als (notwendige und hinreichende) Bedingungen für die Zuordnung zu dieser Kategorie, aber andere Vogelsorten entsprechen der Kategorie ebenfalls, indem sie mindestens ein notwendiges Merkmal besitzen. Neu ist, dass auch eine graduelle Zugehörigkeit (Ähnlichkeit) akzeptabel ist.[ 16 ]

6.3.3   Semantische Primitiva

Einen Schwerpunkt der sprachvergleichenden semantischen Untersuchung bildet der Zusammenhang von Wort und kultureller Praxis, ausgehend von dem jeweiligen Begriffsrepertoire. Wierzbicka (1997) spricht in diesem Zusammenhang von „kulturellen Schlüsselbegriffen“, die von denjenigen, die nicht Mitglieder der betreffenden Gesellschaft sind, oft nicht richtig verstanden werden können. Ausgehend von den Sprachen Englisch, Russisch, Polnisch, Deutsch und Japanisch untersuchte sie unter anderem Wörter wie Freundschaft, Freiheit oder Vaterland, deren begriffliche Deutung und Konnotationen in verschiedenen Sprachen unterschiedlich ausgebildet sind, was evtl. mit den gesellschaftlichen Praktiken der Sprecher zusammenhängt. Es fragt sich allerdings, ob man innerhalb einer Sprachgemeinschaft von einheitlichen „cultural scripts“ ausgehen kann. Je mehr ein Begriff weltanschaulich-politisch geprägt ist, wie das beim deutschen Wort Vaterland der Fall ist, desto umstrittener ist er. Kulturell einheitlicher scheinen Wortbedeutungen wie die von Freundschaft und Sprechhandlungen [ 17 ] wie „Sich Entschuldigen“ oder „Auffordern“ zu sein.

Insgesamt ist Wierzbickas Ziel die Entwicklung eines Beschreibungssystems, mit dem sich Bedeutungen in allen Sprachen darstellen lassen. Das sollen „universale semantische Konzepte“ sein, sog. semantische Primitiva, um eine nicht ethnozentrisch geprägte Methodik zu gewinnen. Daraus ergibt sich eine sehr einfache Beschreibungssprache mit ca. 60 Wörtern, die sie als „natural semantic meta-language“ bezeichnet. Tab. 1 zeigt Beispiele.

Tab. 1:   Wierzbickas universale Beschreibungssprache

einfache nominale Einheiten
ich, du, jemand, etwas, Leute, Körper
Determinatoren, Quantoren
dies, das selbe, anders; eins, zwei, manche, alle
zentrale Attribute
gut, schlecht, groß, klein
Verben für mentale Tätigkeiten
denken, wissen, wollen, fühlen, sehen, hören
sprechbezeichnende Ausdrücke
sagen, Wort, wahr
Handlungs- und Bewegungsverben
tun, passieren, bewegen
Wörter für Existenz und Besitz
es gibt, haben
logische Konzepte
nicht, vielleicht, kann, weil, wenn
Begriffe für Zeit und Raum
vorher, nachher, lange Zeit, wo, hier, unter

Entsprechende Ausdrücke sollen aus der Zielsprache entnommen werden. „Primitiva“ im Sinne der Forscherin sind sie dann und deshalb, weil sie nicht mehr weiter durch andere definiert werden können. Auch einige einfache syntaktische Regeln zur Formulierung einer Bedeutungsbeschreibung gehören zur Meta-Sprache. Mit einem solchen Basisrepertoire [ 18 ] wird versucht, z. B. emotionale Ausdrücke wie „anger“ (Ärger) als kognitives Szenario zu umschreiben (Wierzbicka 1999, S. 87):

Analysen wie die von Wierzbicka sind für den Fremdsprachenunterricht wichtig, weil sie sprachübergreifende Bedeutungsvergleiche erlauben. Sie haben zudem das Interesse an einer „kulturkontrastiven Bedeutungserklärung“ hervorgerufen, um auch komplexe „klassische“ kulturgebundene Konzepte wie Geburtstag, Weihnachten, Taufe ebenso wie alltägliche Ausdrücke wie Frühstück, Wald, ältere Dame stärker als früher auf ihren gesellschaftlichen Zusammenhang zu beziehen (s. dazu Liedke 2008).

6.3.4   Konzeptuelle Metaphern

Die sprachvergleichende Untersuchung phraseologischer (phrasenhafter, idiomatischer) Erscheinungen, speziell von Metaphern, bildet einen weiteren gegenwärtigen Untersuchungsschwerpunkt der Semantik. Er ist insbesondere mit den Arbeiten von George Lakoff verbunden. Die menschliche Neigung zum analogischen Denken spiegelt sich nach Lakoff / Johnson in der Metaphorik einer Sprache wider. Der Titel ihres Werks „Metaphors we live by“ (1980) drückt bereits aus, dass Metaphern als Grundlage und ‚Motor‘ für wesentliche Erkenntnisse gesehen werden. Ausgangspunkt für die Metaphernbildung ist der menschliche Körper mit seinen Wahrnehmungsmöglichkeiten:

„the peculiar nature of our bodies shapes our very possibilities for conceptualization and categorization.“ (1999, S. 19)

Linguistik und Philosophie werden hier miteinander verbunden. Geist und Körper können – obgleich qualitativ verschieden – nicht voneinander getrennt werden; Bedeutung entsteht im „embodied mind“. Das Denken in und mit „Prototypen“ ist vom Gehirn vorgegeben (ebd). Tab. 2 stellt einige Beispiele für die von Lakoff / Johnson aufgefundenen körperbezogenen Metaphern zusammen, die sich auch im Deutschen finden lassen:

Tab. 2:   Primäre Metaphern (nach Lakoff / Johnson)

Metaphorische Organisationsprinzipien
Deutsches Beispiel
Affection is Warmth (Zuwendung ist Wärme)
Es war ein warmer Empfang.
Important is Big (Wichtig ist Groß)
Morgen ist ein großer Tag für dich.
Happy is Up (Glücklich ist Oben)
Ich bin in gehobener Stimmung.
More is Up (Mehr ist Oben)
Die Preise sind hoch (… steigen).
Understanding is Grasping (Verstehen ist Erfassen)
Ich habe die Bruchrechnung niemals begriffen.
Time is Motion (Zeit ist Bewegung)
der Lauf der Zeit

Unterschiede zwischen Sprachen zeigen sich z. B. darin, dass manche die Zukunft vor, die Vergangenheit hinter dem Körper konzeptualisieren. Im Aymara (einer in Chile gesprochenen Sprache) ist das anders: Die Vergangenheit liegt vor dem geistigen Auge, sie ist sichtbar; das kommende Jahr hingegen nicht, es liegt daher hinter dem Betrachter (Lakoff / Johnson 1999, S. 141).

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6.4   Wortschatz im Kontrast und im Unterricht

Wie in Kap. 1.5 dargestellt, kann der Sprachvergleich von verschiedenen Eigenschaften und Aspekten der beteiligten Sprachen ausgehen. Es kann nach Entsprechungen oder Übersetzungsmöglichkeiten für bestimmte Wörter gefragt werden. Der Vergleich kann semasiologisch oder onomasiologisch vorgehen. Im Vordergrund können nicht nur Wörter (bzw. Wortformen) stehen, sondern auch sprachliche Funktionen, die mit der Wortbedeutung zusammenhängen (z. B. die Verwendbarkeit des Ausdrucks). Methodisch gesagt, kann man folgende Fälle beim Vergleich zweier Lexeme oder sprachlicher Elemente aus verschiedenen Sprachen feststellen:

Zum Beispiel gleichen sich das deutsche Wort Semester und das schwedische Wort semester formal. Funktional betrachtet, entspricht dt. Semester dem schwedischen Wort termin und schwed. semester entspricht dt. Ferien, Urlaub. Es liegt also der Fall c) vor.

Funktionsunterschiede werden auch deutlich, wenn man etwa deutsche und englische Konjunktionen miteinander vergleicht. Als Beispiel kann hier das deutsche wenn und das englische when dienen. Geht man von der deutschen Konjunktion bzw. Subjunktion aus, kann man sagen: „Der deutschen Subjunktion wenn entsprechen im Englischen die Subjunktionen when und if.“ Bei einem bilateralen Vergleich hingegen müsste man festhalten, dass dem englischen if die deutschen Ausdrücke wenn und falls, dem englischen when die deutschen Ausdrücke wenn, als und wann entsprechen. Bei formaler Differenz der Ausdrücke liegt also eine Funktionsüberschneidung vor (in der Liste Fall e).

Formale Übereinstimmung oder Ähnlichkeit von Wörtern in einer größeren Zahl von Sprachen trifft man häufig an bei den sog. Internationalismen, die meist ursprünglich lateinische oder griechische Bildungselemente haben. Besonders bedeutsam sind diese Wörter im sog. Bildungswortschatz, entsprechend der 2000-jährigen Rolle von Latein und Griechisch für die Entwicklung des Deutschen.[ 19 ] Technische Begriffe wie Computer, Bezeichnungen für Musikinstrumente wie Piano, naturwissenschaftliche, medizinische sowie politische Begriffe wie Diktator existieren in vielen Sprachen. Beim Zeitunglesen können daher vertraute Wörter dem Sprachlerner das Verstehen erleichtern, im Rahmen eines kursorischen Lesens.

Beispiele wie Semester / semester, dirección / Direktion u. a. sind Hinweise darauf, dass gerade in den indoeuropäischen Sprachen, bei denen man zu Recht Ähnlichkeit annimmt, nicht selten so genannte „falsche Freunde“ (des Übersetzers) zu Irrtümern und Verwechslungen verleiten. Man spricht auch von „lexikalischen Fallgruben“ (Tab. 3).

Tab. 3:   Beispiele für „falsche Freunde“

Deutsches Wort
formal ähnlich
Bedeutung
Sprache
kalt
caldo
warm
ital.
Gift
gift
Geschenk
engl.
Rakete
raquette
Tennisschläger
frz.
Mist
mist
Nebel
engl., nl.
Hose
hose
Schlauch
engl.
wissen
wissen
wischen
nl.
Prost!
prost
dumm
rumän.

Wortübergreifende Einheiten werden von der vergleichenden Phraseologie oder der Idiomatik betrachtet. Es handelt sich hier um mehr oder weniger feste, idiomatische Wendungen, die häufig als „Phraseologismen“ oder als „phraseologische Einheiten“ bezeichnet werden. Eine Reihe von Wörterbüchern zu Redensarten des Deutschen sind entwickelt worden, um Nichtdeutschen das Verstehen von Sätzen oder Phrasen zu ermöglichen, die beim ersten Hören oder Lesen rätselhaft erscheinen müssen, wie jemandem etwas aufs Auge drücken. In vielen europäischen Sprachen gibt es einige Ähnlichkeiten in der Bildung solcher Redensarten, andererseits hat jede Sprache in diesem Bereich sehr eigenwillige und besondere Phänomene, in denen sich Historisches und Kulturspezifisches spiegelt. Zu deutschen Sprichwörtern und Redensarten existiert ein umfangreiches Lexikon (Röhrich 1991).

Wörter in zwei Sprachen, die als gegenseitige Übersetzung benutzt werden, haben fast nie einen identischen Bedeutungsumfang; dies wurde bereits von Saussure mit der Bestimmung von Sprache als System von Werten ausgedrückt, bei dem ‚benachbarte‘ Zeichen gegenseitig ihre Bedeutungen mitbestimmen (vgl. Kap. 5). Die kontrastive Analyse stößt daher sehr schnell auf ein inter- und intralinguales Geflecht von Wörtern, aber auch Morphemen und grammatischen Formen, die nicht generell, sondern nur in bestimmten Zusammenhängen als Übersetzungen möglich oder notwendig sind. So sind auch Wortfelder einzelsprachlich oft unterschiedlich strukturiert; anders als das deutsche Hyponym Getränke bezieht sich beispielsweise das italienische bibite nur auf kalte Getränke. Sprachlerner übertragen oft fälschlich die herkunftssprachlichen Konzepte auf die jeweils andere Sprache. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage, wie sich die semantische Konzeptualisierung bei Bilingualismus darstellt. Bisherige Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Begriffsfelder (anders als vielleicht anzunehmen) bei parallelem Spracherwerb in beiden Sprachen weitgehend eigenständig konzeptualisiert werden, während sie bei Fremdsprachenerwerb stärker aneinander angebunden sind.[ 20 ] Größere empirische Untersuchungen stehen hier jedoch noch aus.

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[   1 ]Siehe Duden-Grammatik (2016).

[   2 ]Ein neues Wörterbuch macht das zum Ordnungskriterium: „Wortfamilienwörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ von Gerhard Augst et al. (2009).

[   3 ]Duden–Grammatik (2016, S. 690).

[   4 ]Zugrunde liegen die griechischen Wörter onoma = Name und sema = Zeichen.

[   5 ]Nach Lutzeier hat die paradigmatische Dimension zu tun mit „Kontrasten und Zusammenhängen der Lesarten verschiedener Wörter“ (1995, S. 46).

[   6 ]Das Institut für deutsche Sprache gab einen Band (Engelberg / Holler / Proost 2011) heraus, der das „sprachliche Wissen zwischen Lexikon und Grammatik“ thematisiert.

[   7 ]Vgl. Schildt, Joachim (1991) Kurze Geschichte der deutschen Sprache. Berlin: Volk und Wissen, S. 112.

[   8 ]Linke / Nussbaumer / Portmann (21994, S. 142).

[   9 ]Ein Beispiel ist das „Wörterbuch Synonyme“ von Görner / Kempcke (2000).

[ 10 ]Eine Bank ist nicht nur eine Sitzgelegenheit, sondern auch eine Unterlage, gemäß der ersten Entlehnung aus dem Italienischen. Im 15. Jh. erfolgte eine zweite Entlehnung mit der Bedeutung ‚Wechselbank‘.

[ 11 ]Pörings / Schmitz (2003, S. 30).

[ 12 ]Vgl. Adamzik (1994, S. 55).

[ 13 ]Vgl. Schwarz / Chur (2005, S. 37 ff.) und Stolze (2005, S. 44 f.).

[ 14 ]Die kritische Bewertung der Merkmalsemantik stellt Löbner (2015, S. 280 ff.) genauer dar.

[ 15 ]Experimente von Eleanor Rosch in den 1960er Jahren beinhalteten Sprecherbefragungen auch zur Kategorie ‚Vogel‘. Vgl. auch Schwarz / Chur (2005, S. 49).

[ 16 ]Löbner (2015, S. 327 ff.) zeigt genauer, welche Probleme damit verbunden sein können. Den befragten Sprechern ist z. B. nicht immer klar, welche Eigenschaften sie als wesentliche Erkennungsmerkmale betrachten.

[ 17 ]Sprechhandlungen werden ausführlicher in Kap. 16 dargestellt.

[ 18 ]Eine deutschsprachige Zusammenstellung findet sich bei Pörings / Schmitz (2003, S. 147). Eine genauere Darstellung des Ansatzes bietet Löbner (2015, S. 289 ff.); Kritikpunkte nennt er ebenfalls (S. 292).

[ 19 ]Verschiedene Forschungsprojekte befassen sich mit der Vermittlung und der Erfassung des Bildungswortschatzes in der Schule.

[ 20 ]Vgl. Plieger (2006).

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