Germanistische Sprachwissenschaft
 

7   Elemente und Verfahren der Wortbildung

7.1   Die morphologische Sprachanalyse

7.2   Wortbildung I: Komposition oder Zusammensetzung

7.3   Wortbildung II: Ableitung (Derivation) und Konversion

7.3.1   Wortbildung beim Verb und Aktionsarten

7.3.2   Fachliche und nichtdeutsche Morpheme im Wortschatz

7.3.3   Abkürzung und Kurzwort

7.3.4   Morphem und Silbe

Aufgaben (1–31) mit Lösungen

Literatur

Internet-Einstiege

Unterkapitel:    7.1   7.2   7.3  

7.1   Die morphologische Sprachanalyse

Die Morphologie (Formenlehre) ist einer der traditionellen Schwerpunkte der Sprachwissenschaft und z. T. der Philologie seit dem Altertum. Vereinfacht gesagt, ist sie die Lehre von der Gestalt der Wörter einer Sprache. Der Begriff wurde anfänglich von Goethe (1796) für eine von ihm geplante Lehre von der Gestalt der Lebewesen verwendet: Er dachte an eine vergleichende Morphologie im biologischen Bereich.[ 1 ] In der Linguistik ist die „Morphologie“ sowohl die sprachliche Struktur selbst als auch die Lehre von diesen Strukturen. Der Anklang an die Biologie lebt noch weiter in der Rede vom Wortstamm oder der Wurzel eines Wortes. In Kap. 5 wurde dafür schon der Terminus Basismorphem eingeführt.

Der Ausdruck Morphem wird verwendet für die kleinsten bedeutungstragenden Einheiten, und zwar sowohl für selbstständige Wörter wie für Wortteile, die eine eigene Funktion (Bedeutung) haben. Man unterscheidet grob lexikalische Morpheme und grammatische Morpheme wie Artikel oder Konjunktionen. Die lexikalischen Morpheme werden auch als Grundmorpheme oder als freie Morpheme bezeichnet. Besonders im Falle von entlehnten Wörtern werden manche ehemals freie Morpheme nur als Wortbildungselement benutzt, wie z. B. das mono in dem von Admoni geprägten Begriff „Monoflexion“ oder in dem Wort monolateral. Römer (2006, S. 133) spricht dann von einem Konfix. Auch bio- ist ein häufiges Konfix.

Die grammatischen Morpheme sind nur z. T. frei. Für die Deklination der Substantive und die Konjugation der Verben werden grammatische Morpheme benutzt, die nicht selbstständig vorkommen können. Das sind gebundene Morpheme, ebenso die substantivtypischen Morpheme wie -heit und -keit. Zusätzlich kennt die Morphologie Nullmorpheme, z. B. für Substantive, die zwar kein Pluralmorphem haben (die Messer), aber im Kontext als Plural verstanden werden. Die Terminologie der Morphologie ergibt sich aus verschiedenen Kriterien (Tab. 1).

Tab. 1:   Morphemtypen

Kriterium
Typ 1
Typ 2
Typ 3
Bedeutungstyp und Funktion
lexikalisches Morphem
gramma­tisches Morphem (allg.)
gramma­tisches Morphem: Flexion
Selbst­ständigkeit
frei: Brot
gebunden: Brotpreis
Konfix: Biogas
frei: als
gebunden: Anrede
frei: du bist
gebunden: kommst
Stellung / Position
Präfix: Anrede
Suffix: Ahnung
Suffix: kommst
Null­morphem: Komm!
Zirkumfix: ge – bund – en

In einem zusammengesetzten Wort wie Brotpreis sind zwei potenziell freie Morpheme aktuell gebunden, wobei beide ihre Bedeutung einbringen. Die gebundenen grammatischen Morpheme bewirken eine Bedeutungsmodifikation des Basismorphems. In dem Wort Anrede entspricht diese Modifikation durchaus der relativ abstrakten lokalen Relation, die die Präposition an (also das freie grammatische Morphem) ausdrückt. Die stellungsbezogenen Morphemtypen Prä- und Suffix sowie das seltenere Zirkumfix werden zusammenfassend als Affixe bezeichnet. Das Konfix stellt dazu eine sinnvolle Erweiterung dar, denn solche Elemente sind weder selbstständige Lexeme noch Präfixe. Als gebundene Morpheme kommen sie immer häufiger vor. (B1) gibt einige weitere Beispiele:

B1
hypermodern, Physiotherapie, Geophysik

Viele Wörter des Deutschen sind komplex gebildet. Eine Morphemanalyse präpariert sozusagen ihre einzelnen Bestandteile heraus und verdeutlicht ihre innere Struktur, die nicht nur für eine grammatische Beurteilung, sondern oft auch für die Rechtschreibung wichtig ist, gemäß dem „morphologischen Prinzip“ der Schreibung. Dieses besagt, dass Wörter mit demselben Stammmorphem möglichst gleich geschrieben werden, auch wenn sie sich lautlich unterscheiden (z. B. Wand – Wände, vgl. Kap. 13.4).[ 2 ]

Abb. 1:   Bestandteile des Wortes „Unzerbrechlichkeit

Abbildung 1

Wörter lassen sich u. U. in viele Morpheme zerlegen (s. Abb. 1). Allerdings werden die Morpheme nicht einfach aneinandergereiht, sie sind auch keine gleichwertigen Wortelemente. In Kurzform kann man die Funktionen folgendermaßen bestimmen:

Stammmorphem
semantisches Zentrum des Gesamtwortes
Verbpräfix
modifiziert die Stammbedeutung
Suffix substantivisch
bestimmt / indiziert Wortart und Genus Fem.
Negationspräfix
antonyme Deutung (nur bei nominaler Wortart)
Adjektivsuffix
macht aus Stamm + Präfix ein Adjektiv
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7.2   Wortbildung I: Komposition oder Zusammensetzung

Wortbildung ist generell „die Produktion von Wörtern (Wortstämmen) auf der Grundlage und mit Hilfe vorhandenen Sprachmaterials“ (Fleischer / Barz 1995, S. 5). Für den Sprachlerner ist die Kenntnis der wichtigsten Wortbildungsverfahren eine wesentliche Erleichterung, da er dadurch evtl. die Bedeutung eines für ihn neuen Wortes erschließen kann. Die kontextbezogene Sinnerschließung erspart ihm häufig das Nachschlagen im Wörterbuch.

Die Wortbildungslehre baut auf den Unterscheidungen der Morphologie auf. Werden zwei oder mehr Grund- oder Stammmorpheme bzw. Lexeme miteinander kombiniert, spricht man von einer Zusammensetzung oder Komposition. Das Ergebnis ist ein Kompositum (Plural: Komposita). In Zusammensetzungen sind die Bestandteile selten gleich-wertig, auch wenn sie zur gleichen Wortart gehören. Im Deutschen steht bei fast allen Komposita der bestimmende Teil, das Bestimmungswort, vor dem bestimmten, dem Basislexem oder Grundwort. Das heißt, das vorangehende Morphem determiniert das nachfolgende semantisch.

Fast alle Wortarten sind zur Komposition fähig. Hier nur einige Beispiele:

B2
Verb + Adj.
röstfrisch, tropfnass
Adj. + Adj.
schwerkrank, lauwarm
Subst. + Adj.
hilfsbereit, hitzebeständig
Verb + Subst.
Laufstall, Schlafraum

Wegen der semantischen Festlegung des Basiswortes bezeichnet man solche Komposita als Determinativkomposita. Viele deutsche Komposita können nur durch Wortgruppen in durchaus nah verwandte Sprachen wie das Englische oder Französische übertragen werden:

B3
das Kleinkind
le petit enfant
Staatsfeiertag
national holiday
Meinungsaustausch
exchange of views

Die folgenden Merkmale deutscher Komposita lassen sich also offenbar nicht auf andere Sprachen übertragen:

In einem Punkt können Wortgruppen aber ähnlich sein: Auch sie können begriffliche Einheiten darstellen. In fachlichem Zusammenhang sind es im Deutschen meist Komposita, die terminologisch benutzt werden. Vergleicht man die Wortgruppe weißer Fisch mit dem Kompositum Weißfisch, ist die Zusammensetzung eher fachlich (Ickler 1997, S. 109). Ein Fisch muss dann nicht unbedingt weiß sein, um als Weißfisch eingeordnet zu werden.

Ein etwas abweichender Fall sind die „Bindestrichkomposita“ wie Goethe-Institut und Duden-Grammatik. Ihre Komposition wird als eine lockere betrachtet. Alle Zusammensetzungen von deutschen Wörtern mit andersartigen Elementen (Namen, Ziffern, Fremdwörtern) werden auf diese Weise mit Bindestrich ‚verkoppelt‘.

Eine Komposition gleichberechtigter Morpheme findet man nur bei den deutlich selteneren Kopulativkomposita. Die einzelnen Teile sind dabei von derselben Wortart und gehören derselben semantischen Kategorie an. Ihre Reihenfolge ist (im Prinzip) umkehrbar, was bei Determinativkomposita nie möglich ist. Beispiele dafür sind

B4
Radiowecker / Weckerradio
schwingschleifen (fachsprachlich festgelegt, aber bei Umkehrung sinnvoll)
süßsauer (sauersüß)

Häufiger sind Beispiele wie in (B5), Verknüpfungen von Namen, die im Prinzip austauschbar sind, die Abfolge ist gewohnheitsbedingt oder willkürlich festgelegt:

B5
Nordrhein-Westfalen, die Strecke Frankfurt-Würzburg

Bei Determinativkomposita entstehen so genannte Fugen. Wenn zwei oder mehr Wörter zusammengesetzt werden wie in Staatsfeiertag, können hier Fugenelemente verschiedener Art auftreten. Das liegt daran, dass sehr viele Komposita aus Wortgruppen entstanden sind, weshalb das Bestimmungswort eine ehemalige Genitivendung aufweisen oder auch eine Pluralform haben kann:

B6
die Zeit eines / des Lebens
die Lebenszeit
die Leber von Hühnern
die Hühnerleber

Solche Morpheme kann man als verblasste oder (im Kompositum) funktionslos gewordene Flexionsmorpheme auffassen. Aber ein Teil der Elemente in der Fuge sind nur scheinbar Suffixe von Bestimmungswörtern, denn sie gehören gar nicht zu dessen Flexion. In solchen Fällen kann man von einem „Fugen-s“ oder allgemeiner von einem „Fugenelement“ sprechen. Zum Beispiel gibt es im Genitiv femininer Substantive keinen s-Laut, wohl aber manchmal ein Fugen-s: [ 3 ]

B7
Arbeit – s – tag,   Geburt – s – tag,
Liebe – s – leben,   Funktion – s – verlust

Man bezeichnet das Fugen-s daher auch als „unparadigmisch“ (Römer 2006, S. 30) oder „unparadigmatisch“ (Donalies 2007, S. 32). Die betreffenden Einheiten haben nämlich keine grammatisch-semantische Funktion und können daher auch als „Pseudomorpheme“ gesehen werden. Laut Eisenberg markieren sie eine morphologische Grenze (1999, S. 231 f.). Dadurch gehören sie zur lexikalischen Form des Wortes, also zum Vokabellernstoff von Deutschlernenden.[ 4 ] Eine gewisse Systematik gibt es für das Fugen-s nur in Teilbereichen, vor allem nach bestimmten Substantivsuffixen:

Abb. 2:   Regelhaftes Auftreten des Fugen-s in Komposita

-heit, -keit
-ung, -schaft
-ion, -ität
}

+   [ s ]   +   Basislexem, Beispiel: das Verteilungsproblem

Gelegentlich tritt dasselbe Bestimmungswort einmal mit und einmal ohne Fugenelement (in (B8) an den Genitiv erinnernd) auf. Das Fugen-s von Landsmann ist ausnahmsweise sogar bedeutungsunterscheidend gegenüber einem (veraltenden) Synonym zu Bauer:

B8
das Landleben, der Landmann, der Landsmann, das Landeskrankenhaus.

Hinzu kommt, dass sich die verschiedenen Varianten des Deutschen z. T. hinsichtlich der Verwendung von Fugenelementen unterscheiden, vgl. z. B. Bahnhofsgaststätte (D, A) versus Bahnhofbuffet (CH); z. T. finden sich auch innerhalb einer Varietät verschiedene Umsetzungen (z. B. Fabrikarbeiter (D, CH), Fabriksarbeiter (A, auch D).[ 5 ]

In semantischer Hinsicht bieten die Komposita Schwierigkeiten, die Muttersprachlern meist gar nicht bewusst werden. Das Bestimmungswort kann nämlich in durchaus verschiedenen Verhältnissen zum Basiswort stehen. Eichinger (2000, S. 39) zeigt verschiedene Typen von Determinativkomposita am Beispiel von Komposita zu Farbe (vgl. Tab. 2).

Tab. 2:   Typen von Determinativkomposita mit dem Grundwort Farbe

Enthaltenes
Blei-, Bronze-, Wasser-, Kalk-, Leim-, Latexfarbe
Instrument
Malerfarbe, Fingerfarbe
bemaltes Objekt
Aluminium-, Eier-, Eisen-, Metall-, Ofen-, Plakat-, Stofffarbe
Zweck
Deck-, Grundier-, Rostschutz-, Schutz-, Stempel-, Vorstreichfarbe
Vergleich / Typ
Eierschalen-, Erd-, Fleisch-, Leucht-, Rosen-, Scharlach-, Modefarbe
Wirkung
Fluoreszenz-, Kenn-, Kontrast-, Schock-, Signalfarbe
Art und Weise
Grund-, Komplementär-, Lieblings-, Misch-, Spektral-, Standardfarbe
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7.3   Wortbildung II: Ableitung (Derivation) und Konversion

Wird ein Wortstamm oder ein lexikalisches Morphem (einfach oder komplex) durch ein oder mehrere Morpheme erweitert oder durch eine Abwandlung des Stammmorphems verändert, spricht man von Derivation (Ableitung). Dieses Wortbildungsverfahren kommt bei allen Hauptwortarten sehr häufig vor. Dazu dienen vor allem Suffixe. Sie bewirken meist eine Änderung der Wörtart, Präfixe tun das selten. Der Ausgangspunkt für solche Vorgänge, also die Derivationsbasis, ist zumeist ein Verb, das dann als Zentrum einer Wortfamilie gilt:

B9
verbal:
sprech – en
personenbezogenes Substantiv:
der Sprech – er
Verbalabstraktum:
das Ge – spräch
Adjektiv:
ge – spräch – ig

Wenn das Verb Basis ist, so wie in (B9), ist das abgeleitete Substantiv, hier Sprecher, eine deverbale Bildung; das Adjektiv gesprächig erscheint allerdings wegen seiner formalen Anlehnung an das Substantiv als eine desubstantivische Ableitung. Das Wort Gespräch wird aus semantischen Gründen in die Gruppe der Verbalabstrakta eingeordnet, die sich inhaltlich auf etwas Nichtgegenständliches, meist Handlungen und Vorgänge, beziehen.

Ein Beispiel für eine Wortfamilie, die ein Adjektiv als Derivationsbasis hat, zeigt (B10):

B10
Adjektiv:
krank
Verb:
er – krank – en
Substantiv:
Krank – heit

Als Basis für die Bildung eines Substantivs aus einem Verb kommt nicht nur der Infinitivstamm in Frage, sondern bei unregelmäßigen Verben auch der des Präteritums oder des Partizips, z. B. bei Schnitt oder Gang.

Ein mit der Ableitung verwandter Fall ist die Konversion: Hierbei findet eine Änderung der Wortart statt, es entsteht also ein neues Wort, ohne dass ein Derivationsmorphem eingesetzt wird. Das passiert z. B. bei der direkten Substantivierung eines Adjektivs oder eines Verbs. Die Infinitivendung des Verbs (bei salz – en, siehe Tab. 3) gilt dabei als Flexionsmorphem, nicht als Ableitungsmorphem.[ 6 ]

Tab. 3:   Beispiele für Konversion

Basis
Konversionsprodukt
klein
der Kleine
angestellt
der Angestellte
rufen
das Rufen
das Salz
salzen
die Langeweile
(sich) langweilen
B11
erwerben
der Erwerb (Präsensstamm)
springen
der Sprung (Partizipstamm)
stehen
der Stand (Präteritumstamm)

Auch solche deverbalen Substantive sind durch Konversion entstanden, weil keine Ableitungsmorpheme (Affixe) beteiligt sind. Wichtig ist zudem die Konversion von Partizipien zu Substantiven, nach dem Muster: angestellt – der Angestellte.[ 7 ] Formal kann man die Konversion auch als Nullableitung einordnen.

Tab. 4:   Die Wortfamilie „ziehenmit Beispielen

Stamm 1
zieh-
Stamm 2
zog-
Stamm 3
zug-
Stamm 4
zucht
Stamm 5
zeug-
Verben (präfigiert, Ableitungen)
erziehen
beziehen
abziehen
aufziehen
zögern
verzögern
zügeln
züchten
züchtigen
zeugen
erzeugen
bezeugen
überzeugen
Substantive (konkret)
Ziehhar­monika
Zögling
der Zug
Aufzug
Anzug
der Zügel
die Zucht
der Züchter
das Zeug
das Zeugnis
das Erzeugnis
der Zeuge
Verbal-abstrakta
Ziehung
Beziehung
Erziehung
Verzö­gerung
Abzug
Bezug
Umzug
Unzucht
Züchtigung
Züchtigkeit
die Zeugung
Bezeugung
Adjektive
erziehbar
beziehbar
erzieherisch
zögerlich
zugig
zügig
bezüglich
züchtig

Durch die Nutzung verschiedener Ableitungsmöglichkeiten sind manche Wortfamilien weit verzweigt. Das zeigt das Beispiel ziehen, bei dem auch noch ältere Stämme eine Rolle spielen. (Tab. 4). Solche historisch früh entstandenen Morpheme sind häufig nicht mehr produktiv. Produktivität ist ein wichtiges Merkmal vieler Wortbildungsmorpheme Die meisten bisher genannten Morpheme können immer wieder neu und auch kreativ für Ableitungen verwendet werden, wovon Werbetexte zeugen. Nicht mehr produktiv ist z. B. die Derivation von Verben über die Variation des Stammvokals:

B12
sitzen
setzen
trinken
tränken
liegen
legen

Die Verschiedenheit der Substantivsuffixe, von denen die Morpheme -er und -ung die gebräuchlichsten [ 8 ] sind, bewirkt auch eine gewisse Untergliederung vieler Wortfamilien. Dadurch können weitere semantische Klassen entstehen. Bildungen auf -ung sind sehr häufig, aber nicht bei jedem Verb möglich. Wie man an dem Wort Rechnung sieht, kann das Substantiv des ersten Typs sowohl die Tätigkeit, hier das Rechnen, meinen als auch das Produkt der Tätigkeit, die (schriftlich vorgelegte) Rechnung. Auch sind nicht in jeder Wortfamilie alle im Prinzip möglichen Ableitungen vorhanden, wie Tab. 5 zeigt. Eine Ortsbezeichnung lässt sich sinnvoll nur bilden, wenn die betreffende Tätigkeit professionalisiert abläuft, so dass bekannt ist, wo der Bäcker, Metzger, Schleifer etc. ihren Ort – also Laden oder Betrieb – haben.[ 9 ] Der Ableitung auf -er ist ihre Deutung auch nicht anzusehen, Sach- und Kulturwissen sind für ein adäquates Verstehen nötig. Das Wort Sauger z. B. ist normalerweise nur für Geräte wie den Staubsauger üblich, nicht z. B. für ein Kind, das aus der Flasche trinkt; es kann aber in der Biologie auch für blutsaugende Insektenarten stehen.

Tab. 5:   Verschiedene Typen von Substantiven [ 10 ]

semantischer Typ
rechnen
schleifen
Geschehen, Ergebnis
Rechnung
Schleifung, Schliff
Akteur, Person
Rechner
Schleifer
Instrument
Rechner
(Schleifmaschine)
Ortsbezeichnung
------
Schleiferei

Bei den Verben gibt es noch eine sehr auffällige Besonderheit, die für das Deutsche typisch ist: die so genannten trennbaren Verben oder Partikelverben. Anders als Präfixe wie das be- in bestehen sind diese Morpheme teilweise selbstständig. Das zeigt sich am Infinitiv orthographisch nicht, ist aber an der Betonung erkennbar, die sie im Unterschied zu Präfixen tragen. In den meisten Grammatiken heißen sie Verbpartikeln (vgl. Duden-Grammatik 2016, S. 708 ff.).

Syntaktisch wird die Eigenständigkeit der Verbpartikeln im Präsens und Präteritum deutlich: Ich fange an. Bei der Ableitung innerhalb der Wortfamilie werden die Partikeln zu Präfixen: der Anfang, anfänglich. Die Verbpartikeln stellen wegen der dadurch entstehenden Verbklammer, z. B. im Präsens, häufig ein Problem für Sprachlerner dar (s. Kap. 9). Bei einem Teil von ihnen gibt es außerdem orthographische Unklarheiten. Die Rechtschreibreform von 1996 hat viele Komposita im Verbbereich zunächst getrennt, z. B. fern liegen statt fernliegen und abhanden kommen statt abhandenkommen. Ein Teil der Änderungen wurde 2006 aber wieder zurückgenommen.[ 11 ]

Tab. 6:   Unterschied zwischen Verbpräfixen und Verbpartikeln

Verb mit Präfix
Verb mit (betonter) trennbarer Verbpartikel
erfinden
auf – stellen
entzücken
aus – machen
vermischen
durch – führen
gefallen
ein – fallen
umfahren
um – steigen
missfallen
zu – steigen
zerbrechen
nach – machen
überfallen
über – ziehen

Während die Verbpartikeln selbstständigen Wörtern aus dem adverbialen Bereich entsprechen, sind andere Wortbildungsmorpheme auf frühere Substantive oder Verben zurückzuführen. So stammt das Adjektivsuffix -bar aus der Wortfamilie gebären (ahd. beran für tragen) und das Suffix -lich (wie in einheitlich) geht zurück auf das ahd. Wort līh (Körper, Gestalt), das dem heutigen Wort Leiche zugrundeliegt.[ 12 ]

7.3.1   Wortbildung beim Verb und Aktionsarten

Aktionsarten sind ein traditionelles germanistisches Thema. Sie werden hier unter Wortbildungsaspekten, in Kap. 10 unter dem Aspekt ihres Einflusses auf die Satzbildung besprochen.

Bestimmte Morpheme bei Verben geben eine Einordnung der meist zeitlichen „Verlaufsweise“, die man als Aktionsart bezeichnet hat. Darunter versteht z. B. Eisenberg [ 13 ]

„die sprachliche Kennzeichnung der Art und Verlaufsweise eines Vorgangs, besonders die objektive Darstellung der Phasen eines Geschehens, z. B. ‚Einsetzen‘ (erblühen), ‚Verlauf‘ (blühen), ‚Enden‘ (verblühen) … Außerdem versteht man darunter auch die Darstellung der Intensität eines Geschehens, z. B. die Frequenz (flattern) und die geringere oder größere Stärke (hüsteln, ritzen).“

Eine ausführliche Darstellung bietet die Grammatik von Helbig / Buscha. Zentral für die Theorie der Aktionsarten sind zwei Geschehensarten, nämlich die durative (oder imperfektive, zeitlich unbegrenzte) und die resultative oder perfektive (das Geschehen wird auf einen Abschluss hin betrachtet). Abb. 3 gibt eine Übersicht.

Abb. 3:   Aktionsarten in der Germanistik  (Heinold 2015, S. 28)

Abbildung 3

Interessant, gerade für den Fremdsprachenunterricht, ist die Tatsache, dass bestimmte Wortbildungsmittel im verbalen Bereich eine Aktionsart signalisieren und durch Wortbildung verändern können. Dem durativen Verb schlafen steht das transformative Verb einschlafen gegenüber. Im Deutschen legen vor allem einige Präfixe und Suffixe eine bestimmte Aktionsart nahe (Tab. 7). Allerdings gibt es im Deutschen weder eine durchgängige Markierung dieser semantischen Merkmale noch haben die Morpheme zuverlässig eine Aktionsartbedeutung.

Tab. 7:   Wortbildungsmorpheme und Aktionsarten

Affix
Beispiele
Aktionsart
er-
erstarken, erblühen
resultativ (ingressiv)
ver-
verirren, verblühen
resultativ (egressiv)
ab-
abreißen, abfertigen
resultativ (egressiv)
ent-
entscheiden, entlassen
resultativ (egressiv)
-ern
plätschern
iterativ / diminutiv
-eln
hüsteln, lächeln
iterativ / diminutiv

Diese Affixe haben häufig Einfluss auf grammatische Eigenschaften der Verben (vgl. Kap. 10). Zum Beispiel ist das Präfix ver- fast immer ein Hinweis auf Transitivität, also Passivfähigkeit, des so gebildeten Verbs.

Außer der völlig unübersichtlichen Terminologie in diesem Bereich wurde zuletzt kritisiert, dass das Merkmal Intensität den ansonsten zeitlichen Charakter der Aktionsarten sprengt, so dass einige darauf verzichtet haben (vgl. Heinold 2016, S. 28 ff.).

7.3.2   Fachliche und nichtdeutsche Morpheme im Wortschatz

Verschiedene Fächer nutzen die Morphologie systematisch, um fachliche Klassenbildungen und Differenzierungen auszudrücken. So wie der Strukturalismus die Endung -em als Kennzeichnung von Systemzugehörigkeit benutzt, etwa bei den Begriffen Phonem und Morphem,[ 14 ] so hat die Chemie eine Reihe von Suffixen zur Kennzeichnung von Stoffklassen eingeführt, z. B. das Suffix -ium für die Metalle (vgl. Ickler 1997, S. 14 ff.).

Typisch ist hier der Rückgriff auf griechisch-lateinische Morpheme. Früh integrierte französische und lateinische Verben sind an dem Suffix -ieren erkennbar, das auch heute noch betonungstragend ist und sich so vom deutschen Suffixrepertoire abhebt (B13a). Bei später übernommenen Verben sind oft Stamm und Suffix ‚fremdartig’ und gehören dem bildungs- oder fachsprachlichen Wortschatz an (B13b):

B13
a) interessieren, probieren, servieren
b) definieren, konfrontieren, appellieren, multiplizieren

Mit den Präfixen und Konfixen dieser Herkunft werden auch immer wieder neue Internationalismen in den Bereichen Fach- und Bildungssprache gebildet, z. B. im Computerbereich Gigabyte.

Tab. 8:   Griechisch-lateinische Präfixe und Konfixe (Beispiele)

griechisch
lateinisch
Ausdruck von Quantitäten
mega-, giga-, tera-, mikro-, makro-, nano-, hyper-
milli-, mini-, max(i)-, super-, multi-
logische Beziehungen
a-, anti-
pro-, ob-
räumliche Beziehungen
para-, peri-, hyper-, hypo-
prä-, ab-, inter-, trans-, sub-
andere Beziehungen
syn-, dys-
cum- (kom-)

7.3.3   Abkürzung und Kurzwort

Die Gegenwartssprache ist durch viele, oft neu gebildete Abkürzungen von Namen und Wörtern gekennzeichnet. Um sie zu verstehen, muss man normalerweise den zugrundeliegenden Namen oder das gekürzte Wort in der Vollform kennen. Bei oft benutzten Abkürzungen gibt es aber auch das Phänomen, dass vielen Sprechern nur die Abkürzung, nicht aber die Vollform bekannt ist, z. B. bei der PIN-Nummer.

Im Bereich der Abkürzungen ist für die Beschreibung zunächst einmal zwischen gesprochenen (PIN) und nur geschriebenen Abkürzungen wie etc. (et cetera) zu unterscheiden. Ihrer Bildung nach sind die Abkürzungen in zwei große Gruppen, nämlich die Initialkürzungen (Akronyme) und die Kurzwörter, sowie eine kleine, die Mischkurzwörter, einzuteilen (Duden-Grammatik 2016, S. 744 ff.):

Tab. 9:   Abkürzungen

Typen
Beispiele
Vollständiges Lexem
Buchstabierkürzung
EU
Europäische Union
Initialkürzung
TÜV (als Wort gesprochen)
Technischer Überwachungs­verein
Silbenkurzwort
Kurzwort
Kita
Bus
Uni
Kindertagesstätte
Autobus, Omnibus
Universität
Mischkurzwörter
MatDaF (Buchreihe)
Materialien Deutsch als Fremdsprache

Grammatisch verhalten sich die Abkürzungstypen verschieden. Die Buchstabenkürzungen bekommen schriftsprachlich keine Flexionsendungen: die Jh., des Jh.; Kurzwörter dagegen schon: die Kitas, die Unis.

Im fachlichen Zusammenhang werden weitere Typen relevant, etwa das „Klappwort“: Ökonomen sprechen von Stagflation als einer Verbindung von Stagnation und Inflation.

7.3.4   Morphem und Silbe

Die Termini Präfix und Suffix werden häufig als „Vorsilbe“ und „End- / Nachsilbe“ übersetzt. Sie haben als Morpheme aber andere Eigenschaften als Silben. Eine Silbe ist eine Lautkonfiguration, die in jeder Sprache nach bestimmten Gesetzen aufgebaut ist (vgl. Kap. 14). Alle Wörter einer Sprache haben silbische Struktur, d. h. sie bestehen aus mindestens einer Silbe. Ein Morphem ist demgegenüber eine Sinneinheit. Ein Morphem kann die Form einer Silbe haben, aber auch Teil einer Silbe oder auf mehrere Silben verteilt sein. Der Unterschied zwischen Silbe und Morphem zeigt sich an der Wortgliederung:

Silbengliederung:
Un – ter – füh – rung
Morphemgliederung:
Unter – führ – ung
Unterkapitel:    7.1   7.2   7.3  

[   1 ]Dem Begriff Morphologie liegt eine griechische Wurzel zugrunde: morphe = Gestalt.

[   2 ]Über die Schreibprinzipien informieren die Duden-Grammatik und Eisenberg (32006).

[   3 ]Zu den Fugenelementen vgl. Donalies (2007, S. 30 ff.) und ausführlicher Fleischer / Barz (1995, S. 136–143).

[   4 ]Zu den verschiedenen Positionen bei der Analyse der Fugenelemente siehe Donalies (2007, S. 32 f.) und Fleischer / Barz (1995, S. 137).

[   5 ]Nähere Auskunft gibt hier das „Variantenwörterbuch des Deutschen“ (2004).

[   6 ]Vgl. Eichinger (2000, S. 39 und 167 ff.) und Fleischer / Barz (1995, S. 49).

[   7 ]Ein Wortartwechsel wird unter semantischen Aspekten auch Transposition genannt, wenn keine semantische Veränderung des Wortes stattfindet, egal ob mit oder ohne Affixe gebildet, wie bei gehen – das Gehen.

[   8 ]Vgl. Eichinger (2000, S. 78) und zu den Affixen allgemein Donalies (2007, S. 14 ff.). Substantive auf -ung sind nach Eisenberg „das eigentliche Verbalabstraktum“ (80 % der Substantive).

[   9 ]Die Scherenschleiferei geschieht heute aber immer noch oft mobil.

[ 10 ]Tab. geändert nach Eichinger (2000, S. 21).

[ 11 ]Die Regeln der deutschen Rechtschreibung findet man in der Fassung des Deutschen Rechtschreibrates (2006/2018) unter: www.rechtschreibrat.com/DOX/rfdr_Regeln_2016_redigiert_2018.pdf

[ 12 ]Vgl. dazu Nübling et al. (2006, S. 69 und 73 ff.).

[ 13 ]Eisenberg (52017, S. 501).

[ 14 ]S. auch Kap. 13.1 zu einer „emischen“ und einer „etischen“ Perspektive.

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