13.1 Grundbegriffe der Phonologie
13.2 Das Vokalsystem des Deutschen
13.4 Orthographische Prinzipien im Deutschen
13.5 Weitere Assimilationen und Reduktionsprozesse
13.6 Erkenntnisse zum Deutschen als Fremd- und Zweitsprache
Während die Phonetik auf die genaue Erfassung der materiellen Gestalt sprachlicher Produktionen abzielt, geht es der Phonologie um die Beschreibung der Funktionen, die mit bestimmten Gestalteigenschaften verbunden sind. Nikolaj Sergejewitsch Trubetzkoy, der als einer der Begründer der Disziplin gilt, beschreibt dies in den „Grundzügen der Phonologie“ (1939) folgendermaßen:
„Der Schallstrom, den der Phonetiker untersucht, ist ein Kontinuum, das in beliebig viele Teile gegliedert werden kann. […] Für den Phonologen sind gewisse Elemente des Schallstromes wirklich unwesentlich. […] Der Anfang jeder phonologischen Beschreibung besteht in der Aufdeckung der in der betreffenden Sprache bestehenden bedeutungsdifferenzierenden Schallgegensätze.“ [ 1 ]
Alle Laute unterscheiden sich voneinander (s. Kap. 12), aber nicht alle physikalisch feststellbaren Unterschiede werden sprachlich genutzt. Schon die scheinbar einfache Tatsache, dass man bestimmte dynamische Umweltveränderungen als Sprachlaute wahrnimmt, verweist auf komplexe mentale Leistungen, auf ein vorhandenes Sprachwissen, also eine psychische Größe. Die Phonologie geht noch einen Schritt weiter und untersucht die in einer Sprache aufweisbaren Phone im Blick auf ihre Leistung. Phone haben keine Bedeutung, sondern dienen „nur“ als Trägermaterial für die bedeutungstragenden sprachlichen Einheiten Morphem und Wort. Sie erlauben es, Morpheme und Wörter voneinander zu unterscheiden. In den verschiedenen Sprachen werden die einzelnen Phone unterschiedlich genutzt. Einige finden sich in manchen Sprachen überhaupt nicht. Andere lassen sich in der einen Sprache austauschen, ohne dass sich dabei die Wortbedeutung ändert, während ein solcher Tausch in der anderen Sprache ein anderes Wort ergibt.
Um die bedeutungsdifferenzierende Qualität eines Lautes zu erfassen, wurde in der Phonologie der Begriff „Phonem“ entwickelt. Phoneme sind Laute, die zu einer bestimmten Sprache gehören und deren Wörter voneinander unterscheiden können. Nicht jedes in einer Sprache zu beobachtende Phon ist ein eigenes Phonem. Manchmal erfüllen auch mehrere Laute dieselbe Differenzierungsfunktion. Um anzuzeigen, dass man sich auf die Phoneme einer Sprache bezieht, wählt man eine Notation in Schrägstrichen, z. B. /r/, /ç/, /ʃ/. Die Phone einer Sprache erfasst man demgegenüber durch phonetische Notation in eckigen Klammern, z. B. [ʁ], [ç], [χ], [ʃ] (vgl. Kap. 12.5). In diesem Zusammenhang spricht man auch von einer „etischen“ (die phonetische Einheit betreffenden) und einer „emischen“ (die phonologische Einheit betreffenden) Perspektive.
Einen weiteren Untersuchungsbereich der Phonologie bildet die Graphemik als Lehre von der Schreibweise der Phoneme. Um anzuzeigen, dass man die graphemische Dimension betrachtet, verwendet man zur Notation einen dritten Klammertypus, die Spitzklammer. Sie erfasst die orthographische Schreibweise der Laute, z. B. <r>, <ch>, <sch>. Auch hier findet sich eine „etische“ und eine „emische“ Perspektive. Die etische Einheit, z. B. ein Buchstabe, ein Betonungsstrich etc., wird „Graph“ genannt. Eine (aus einem oder mehreren) Graphen bestehende funktionale Einheit, die einen Sprachlaut abbildet, nennt man Graphem. Um einen Laut abzubilden, werden manchmal mehrere Graphen benötigt. Man spricht dann von einem mehrteiligen Graphem. Beispiele im Deutschen sind <ch> und <sch>.
Die Differenzierung von Phon, Phonem, Graph und Graphem erweist sich gerade für den Sprachvergleich als sehr nützlich. So kann man z. B. feststellen, dass es auch im Englischen ein Phonem /ʃ/ gibt, sich aber die graphemische Umsetzung als <sh> vom Deutschen unterscheidet. Auch das Phonem /r/ ist in beiden Sprachen vorhanden. Seine graphemische Umsetzung ist identisch (<r>). Allerdings entspricht dem Phonem im Englischen ein anderes Phon [ɹ], das sich im Deutschen nicht findet. Einen Überblick über die Phone, Phoneme und Grapheme des Deutschen finden Sie in den unten stehenden Lauttabellen (Tab. 1 und 2). Die einzelnen Laute und Prinzipien der Schreibung werden in den folgenden Abschnitten noch näher erläutert.
Um die Phoneme einer Sprache zu erfassen, verwendet die Phonologie das Verfahren der Minimalpaaranalyse. Als Minimalpaare bezeichnet man die Gegenüberstellung von lexikalischen Einheiten, die sich nur durch einen einzigen Laut unterscheiden (s. (B1)). Die Orthographie einer Sprache lässt Minimalpaare oft nicht erkennen; ihr Nachweis erfolgt daher ausgehend von phonetischen Umschriften.
Lässt sich bei der Minimalpaaranalyse keine semantische Differenz aufweisen und sind die Laute einander hinreichend ähnlich, bestimmt man sie als Allophone eines Phonems. Phoneme, die mehrere Allophone umfassen, werden als „Archiphoneme“ bezeichnet.[ 3 ]
Komplementär verteilte Allophone sind durch gegenseitigen Ausschluss gekennzeichnet. Im Deutschen gilt dies z. B. für [ç] und [χ], denn [ç] tritt nur nach hellen Vokalen und [χ] nur nach dunklen Vokalen auf (B2).
Sind die Allophone hingegen beliebig austauschbar, ohne dass sich ein anderer Wortsinn ergibt, spricht man von „freier Variation“ (freies Allophon). Im Deutschen stehen z. B. verschiedene Aussprachen des Phonems /r/ als Zungenspitzen-, Zäpfchen- oder Reibelaut in freier Variation (s. Kap. 13.3).
Allophone werden in der phonemischen Notation zusammengefasst. Die Kategorie wird meist nach ihrem „typischen Vertreter“ klassifiziert. Für das Deutsche haben sich aber auch Notationen aufgrund einer leichteren Schreibung eingebürgert. Die Laute [ç] und [χ] werden z. B. oft als Phonem /x/ zusammengefasst, die verschiedenen R-Laute als /r/.
Die Einheit „Phonem“ wird im Anschluss an Roman Jakobson in der Merkmalsphonologie noch weiter aufgespalten. Dabei werden die Eigenschaften, mit denen sich Phoneme voneinander unterscheiden, als distinktive Merkmale aufgefasst und als binäre, d. h. zweiseitige Oppositionen beschrieben: Es wird gekennzeichnet, ob eine bestimmte Eigenschaft vorhanden ist (+) oder nicht (–). Jedes Phonem wird als Bündel distinktiver Merkmale erfasst.[ 4 ] Ausgehend von diesem Ansatz lassen sich z. B. Vokalphoneme im Deutschen anhand von Merkmalen wie hoch, niedrig, hinten, rund und lang voneinander differenzieren.[ 5 ] Diese Art der Beschreibung erweist sich als ökonomisch. Zur Differenzierung von 20 oder 30 Phonemen werden ca. 6 bis 10, zur Beschreibung aller Sprachen der Welt rund 30 Merkmale als notwendig erachtet.[ 6 ] Eine nicht unproblematische Frage bildet bei einem entsprechenden Ansatz allerdings der gewählte Merkmalskatalog; verschiedene Beschreibungen des Deutschen setzen zum Teil unterschiedliche Merkmale als distinktiv an. Eine Weiterentwicklung findet der merkmalstheoretische Ansatz in der Merkmalsgeographie, die mit mehrdimensionalen Räumen und Merkmalshierarchien arbeitet. Verschiedene Sichtweisen werden bei Hall (2011) detaillierter dargestellt; als neuere Entwicklung im Kontext der Generativen Grammatiktheorie wird dort auch die Optimalitätstheorie angesprochen.
Die Frage, welche Laute im Standarddeutschen genutzt werden, ist weitgehend unstrittig, wenngleich die Frage nach der Anzahl der Phoneme zum Teil unterschiedlich beantwortet wird. Zur Transkription der standardsprachlichen Aussprache werden rund 40 bis 45 IPA-Zeichen benötigt; den so erfassten Lauten entsprechen ca. 33 bis 40 Phoneme. Differenzen ergeben sich z. B. aus der Frage, ob Laute einbezogen werden, die sich nur in Lehnwörtern finden; zum Teil ergeben sie sich auch aus unterschiedlichen theoretischen Ansätzen.
Der Kernbestand der Vokale umfasst im Deutschen etwa 16 bis 20 Laute. Die Zahlenangabe in verschiedenen Darstellungen schwankt, unter anderem, weil nicht alle auftretenden Laute phonemisch gewertet werden.
Da Fremdsprachenlernende oft zuerst wissen wollen, „wie man bestimmte Buchstaben ausspricht“, geben wir im Folgenden zunächst einen ersten Überblick über die Vokale ausgehend von ihrer Erfassung durch die lateinische Buchstabenschrift. Für das Deutsche lassen sich als Monophthonge differenzieren
Die Auflistung zeigt eine Systematik, die in vielen phonologischen Beschreibungen des Deutschen theoretisch aufgenommen wird: Man geht von einer durchgehenden Opposition von
in bedeutungsdifferenzierender Funktion aus und wertet das Merkmal „Länge“ phonematisch. Entsprechende Belege liegen in Minimalpaaren wie den folgenden vor:
Für das Deutsche werden entsprechend /iː/, /ɪ/, /yː/, /ʏ/, /eː/, /ɛ/, /ɛː/, /øː/, /œ/, /aː/, /a/, /oː/, /ɔ/, /uː/ und /ʊ/ als vokalische Phoneme gewertet.
Wie die Lautschrift zeigt, geht die Differenzierung von langen und kurzen Vokalen mit Ausnahme von [a] und [ɛ] auch mit einer qualitativen Distinktion einher. So wird die Langform [iː] beispielsweise mit einer größeren Zungenhebung produziert als das näher am Zentralvokal liegende, kurze [ɪ]; die Langform [øː] unterscheidet sich im Grad der Mundöffnung von [œ] usw.
Einige phonologische Arbeiten zum Deutschen (z. B. Maas 2006) werten Lautlänge nicht als ein phonematisches Merkmal, sondern führen sie auf die Betontheit einer Silbe zurück (vgl. Kap. 14). So werden die Merkmale Lautquantität und -qualität unbetonter Silben bei wortübergreifendem, zusammenhängendem Sprechen oft neutralisiert. Das [i] im Wort die wird in Äußerungen wie „Die Fliege ist riesig.“ z. B. nicht wie bei einer Zitation als Einzelwort lang, sondern (im Vergleich zu Fliege und riesig) kurz gesprochen – es sei denn, das Wort wird zusätzlich durch Akzentuierung hervorgehoben.[ 7 ] Man verzichtet daher auf die Klassifikation als „Langvokal“ oder „Kurzvokal“ und nimmt stattdessen eine Opposition zwischen „gespannten“ und „ungespannten“ Vokalen an. Phonematisch wird als /i/, /y/, /e/ usw. notiert; manchmal wird das System auch noch weiter reduziert.
Gespannte Vokale werden mit größerem Muskelaufwand artikuliert. Sie sind näher am „äußeren“ Rand des Vokaltrapezes angesiedelt. Wenn sie betont sind, werden gespannte Vokale immer lang gesprochen. Ungespannte Vokale werden mit geringerem Muskelaufwand artikuliert und weisen einen höheren Grad der Zentralisierung auf. Im Vokaltrapez liegen sie also näher zur Mitte. Ungespannte Vokale werden unabhängig von der Betontheit der Silbe immer kurz gesprochen.
Betrachten wir nun einige Vokale des Deutschen etwas näher. Die den Phonemen /iː/, /ɪ/, /yː/, /ʏ/, /eː/, /ɛ/, /ɛː/, /øː/ und /œ/ entsprechenden Laute sind durch Hebung der Vorderzunge gekennzeichnet. Man bezeichnet sie daher als „Vorderzungenvokale“. Unter den Vorderzungenvokalen finden sich im Deutschen vier Laute, für die eine Rundung der Lippen kennzeichnend ist: /yː/, /ʏ/, /øː/ und /œ/.
Die den Phonemen /oː/, /ɔ/, /uː/ und /ʊ/ zuzurechnenden Laute sind durch Hebung der Hinterzunge gekennzeichnet und werden daher „Hinterzungenvokale“ genannt. Für alle ist eine Rundung der Lippen typisch.
Die verschiedenen Laute besitzen eine jeweils andere Kieferstellung. Für das Deutsche sind vier Öffnungsgrade des Mundes phonematisch relevant, die im Vokaltrapez durch entsprechende Striche dargestellt werden (vgl. Kap. 12.5). Andere Sprachen weisen z. T. weniger Abstufungen auf. Mit einer engen Kieferstellung verbunden sind /iː/, /ɪ/, /yː/, /ʏ/, /oː/, /ɔ/, /uː/ und /ʊ/. Eine halbgeschlossene Mundstellung ist für /eː/, /øː/, /œ/ und /oː/ kennzeichnend. Mit einer halboffenen Kieferstellung sind /ɛ/, /ɛː/ und /ɔ/ verbunden. Den weitesten Öffnungsgrad weisen die Vokale /aː/ und /a/ auf. Einige Probleme und Diskussionspunkte der phonologischen Erfassung werden im Folgenden angesprochen.
So sind zum einen für die Phoneme /aː/ und /a/ unterschiedliche Notationen festzustellen. Die ihnen entsprechenden Phone sind im Deutschen durch neutrale Zungenlage gekennzeichnet, für die kein eigenes phonetisches Zeichen zur Verfügung steht.[ 8 ] Da die phonetischen Umsetzungen von /aː/ und /a/ nah beieinander liegen, werden die beiden Phoneme meist nur durch Notation eines Längezeichens differenziert. In manchen Arbeiten werden auch die Symbole [a] und [ɑ] genutzt, um das Vokalsystem des Deutschen durchgehend ohne Bezug auf Vokalquantitäten zu erfassen.[ 9 ] Der üblicherweise als [ɛː] notierte Laut wird aus diesem Grund manchmal auch als [æ] notiert und von [ɛ] unterschieden.[ 10 ]
Eine zweite Frage ist, ob ein Phonem /ɛː/ als eigenes Phonem des Deutschen angesetzt werden sollte. Zwar kann bei besonders deutlichem Sprechen zwischen den Beeren und Bären im Wald differenziert werden.
Diese Unterscheidung geschieht im Süddeutschen sowie bei überdeutlichem Sprechen, z. B. bei einem Diktat. Im Norddeutschen wird ansonsten zumeist [eː] artikuliert.[ 11 ] Der Verzicht auf eine phonematische Wertung von /ɛː/ ergäbe ein ausgeglicheneres Bild des Vokalsystems – so ließe sich jeder Langvokal zu genau einem Kurzvokal in Opposition setzen. Versteht man den Laut hingegen als eigenes Phonem, ergibt sich ein weniger ausgewogenes Bild, bei dem einem Kurzvokal zwei Langvokale gegenüberstehen. Festzuhalten bleibt, dass für ein Wort wie „Mädchen“ zwei unterschiedliche Aussprachen festzustellen sind, denen jeweils Standardqualität zugeschrieben werden kann.
Eine besondere Stellung im Deutschen besitzt der Zentralvokal [ə], der auch als „Schwa“ bezeichnet wird. Er findet sich in unbetonten Vor- und Endsilben, deren einst volltönige Umsetzung im Verlauf der Sprachgeschichte reduziert wurde (vgl. Kap. 2.2).
Der Schwa-Laut wird daher meist nicht als eigenes Phonem betrachtet, sondern den Phonemen /eː/ oder /ɛ/ zugerechnet.[ 12 ] In den unbetonten Vorsilben wird manchmal ein etwas zu [e] oder [ɛ] hin verschobener Laut artikuliert ([gɘˈbeːtə], [bɜˈvaɪ̯zə]). Meist werden die Phone aber in einer breiten Notation als [ə] transkribiert. Neben dem Schwa-Laut selbst ist für das gegenwärtige Deutsch auch sein Wegfall charakteristisch (Schwa-Elision). Von Schwa-Elision betroffen sind die Endungen -en, -el, -eln. Durch den (standardisierten) Schwa-Ausfall kommt es zu rein konsonantischen Silben, die in IPA durch ein Subskript unter dem betreffenden Laut ([̩ ]) gekennzeichnet werden.
(T18) haben [ˈhaːbm̩], hatten [ˈhatn̩], essen [ˈɛsn̩], Mantel [ˈmantl̩], Windeln [ˈvɪ̯ndl̩n]
Ein weiterer, im Deutschen auftretender zentralisierter Vokal ([ɐ]) wird ebenfalls nicht als eigenes Phonem, sondern als Allophon des Phonems /r/ betrachtet. Man bezeichnet ihn als „vokalisiertes r“. Der Laut findet sich als Aussprache von <r> nach Vokalen, wodurch es zum Auftreten von (zusätzlichen) Diphthongen kommt. Er bildet auch die Standardumsetzung der Endung -er.
Zum Kernbestand des deutschen Lautsystems gehören drei Diphthonge, die meist phonematisch gewertet werden (/aɪ/, /aʊ/, /ɔɪ/). Bei ihnen bildet der Gleitlaut jeweils den zweiten Bestandteil. Bezogen auf die Änderung der Kieferstellung werden sie als schließende Diphthonge, bezogen auf die Änderung der Tonhöhe auch als steigende Diphthonge bezeichnet. Beispiele gibt B10.
Als weiterer Diphthong wird manchmal noch /ʊɪ/ aufgeführt, dessen Vorkommen allerdings auf wenige Interjektionen (hui, pfui) beschränkt ist. Die Notation der Phone ist unterschiedlich. In vielen Arbeiten werden sie als [aʊ], [aɪ], [ɔɪ] notiert, wobei man sich an möglichen Endpunkten der Artikulationsbewegung orientiert, die jedoch in der Aussprachepraxis kaum erreicht werden.[ 14 ] Andere Arbeiten notieren bei den Diphthongen demgegenüber die tatsächlich erreichten Endpunkte der Bewegung als [ao̯], [ae̯] und [ɔʏ̯] oder [ɔø̯].[ 15 ] Nicht in allen phonologischen Arbeiten wird den Diphthongen ein eigener Phonemcharakter zugesprochen: Statt einer monophonematischen Wertung als Bestandteile eines Phonems (z. B. /aʊ/) werden sie manchmal auch biphonematisch als Kombination von zwei Phonemen (/a/ + /ʊ/) gewertet. Ausgehend von Wörtern wie Region, speziell, Duell, sozial oder Suada werden für das Deutsche zum Teil auch mehrere öffnende bzw. fallende Diphthonge aufgeführt (u. a. [ɪoː], [ɪɛ], [ɪaː], [ʊaː]). Bei ihnen wird der jeweils erste Bestandteil als Gleitlaut realisiert.
Die betreffenden Kombinationen fanden als Übernahmen aus anderen Sprachen in das Deutsche Eingang. Statt als Diphthong ([ʁɛˈgɪ̯oːn], [ʃpɛˈtsɪ̯ɛl], [ˈsʊ̯aːda]) werden sie z. T. auch biphonematisch oder als Konsonant-Vokal-Kombinationen erfasst ([ʁɛˈgjoːn], [ʃpɛˈtsjɛl], [ˈsʋaːda]).[ 16 ]
In verschiedenen Beschreibungen des Deutschen werden auch Lautungen von Lehnwörtern zum Bestand des Deutschen gezählt, z. B. Nasalvokale in französischstämmigen Wörtern wie Balkon, Gourmand, Teint, Fasson, Parfum. Für viele von ihnen ist allerdings eine phonologische Anpassung („Eindeutschung“) zu beobachten; dies gilt z. T. auch für Wörter, die aus dem Englischen übernommen wurden, z. B. Gameboy, Computer, mail.
Für Wörter, die in anderen Sprachen aus dem Deutschen entlehnt wurden (s. Kap. 5), lassen sich oft ähnliche Anpassungen an die jeweiligen Phonemsysteme beobachten.
Das Konsonantensystem des Deutschen umfasst etwa 19 Konsonanten. Die Zahlenangabe ist auch hier variabel, da zum Teil Konsonanten hinzugezählt werden, die aus anderen Sprachen übernommen wurden, z. B. [ʒ] in Wörtern wie (T28)
Garage [gaˈʁaːʒə].
Verschiedene konsonantische Phoneme unterscheiden sich durch das Merkmal Stimmlosigkeit bzw. Stimmhaftigkeit. Aufgrund der mit ihrer Produktion verbundenen Muskelspannung werden die stimmlosen Laute auch als „Fortes“ (Sg. Fortis, lat. stark, energisch), die stimmhaften Laute auch als „Lenes“ (Sg. Lenis, lat. schwach, sanft) bezeichnet. Analog zu den Vokalen wird von einer Opposition „gespannter“ (Fortes) und „ungespannter“ (Lenes) Laute ausgegangen.[ 17 ]
Die im Deutschen vorkommenden Plosive umfassen die stimmlosen Phoneme /p/, /t/, /k/ sowie die stimmhaften Phoneme /b/, /d/ und /g/. Treten die stimmlosen Plosive vor einem Vokal oder am Wortende auf, ist im Deutschen Behauchung charakteristisch, d. h. die Plosive werden mit starkem Druck artikuliert, der hörbar entweicht ( (T29)
[pʰ], [tʰ], [kʰ]).[ 18 ] Die Behauchung entfällt, wenn die Laute in Konsonantenverbindungen auftreten (z. B. [tʁ] wie in treffen, [ʃpʁ] wie in Gespräch). In einer breiten Notation wird die Behauchung nicht notiert. Die stimmhaften Plosive (T30)
[b], [d], [g] werden nicht behaucht.
Von besonderer Bedeutung für das Verhältnis stimmhafter und stimmloser Plosive im Deutschen ist das Prinzip der „Auslautverhärtung“. Es besagt, dass vom Schriftbild her stimmhafte Lenis-Laute (<b>, <d>, <g>) als stimmlose Fortis-Laute gesprochen werden, wenn sie am Wort- bzw. Silbenende stehen ([p], [t], [k]). Phonologisch wird die Auslautverhärtung als Neutralisierung der Oppositionen /p/ – /b/, /t/ – /d/ und /k/ – /g/ erfasst. Vom orthographischen Standpunkt aus gesehen handelt es sich um die Schreibung nach dem Stammprinzip (vgl. Kap. 13.4). Für die Endung <-ig> wird in den Aussprachewörterbüchern meist [ɪç] als Standardumsetzung angegeben. Im süddeutschen Raum unterliegt <-ig> hingegen ebenfalls der Auslautverhärtung.
Als weiterer Plosiv findet sich im Deutschen der so genannte „Knacklaut“ [Ɂ], ein kurzfristiger Glottisverschluss ohne Stimmbandbeteiligung. Er wird vor jedem vokalischen Wortanfang gesprochen (B14). Der Knacklaut kann wortdifferenzierend sein (T34). Bei schnellem Sprechen kann er vor unbetonten Silben aber entfallen (T35).
Für den Knacklaut gibt es in der Orthographie des Deutschen kein Schriftzeichen. In breiten phonetischen Transkriptionen wird er nicht erfasst, da ihm trotz des Auftretens von Minimalpaaren wie verreisen – vereisen aufgrund seines vorhersehbaren Einsatzes kein Status als Phonem zugestanden wird.[ 20 ] Sein Auftreten kann mit dem Silbenaufbau im Deutschen in Zusammenhang gebracht werden (s. Kap. 14).
Ein besonderes Kennzeichen des deutschen Konsonantensystems ist die hohe Anzahl von Frikativen. Die Phone umfassen die stimmlosen Fortis-Laute [f], [s], [ʃ], [ç], [x], [χ], den Hauchlaut [h] sowie die stimmhaften Lenis-Laute [v], [z] und [ʁ]. Der phonologische Status der Laute ist unterschiedlich.
Ausgehend von Minimalpaaren wie in (B15) werden /f/ und /v/ als eigene Phoneme erfasst.
Die Laute [s] und [z] sind zum Teil komplementär verteilt: [z] tritt nie am Wortende, [s] nie am Wortanfang auf.[ 21 ] In Mittelstellung werden sie jedoch bedeutungsdifferenzierend verwendet und daher als Phoneme /s/ und /z/ erfasst, denen das Phonem /ʃ/ gegenübergestellt wird.
Als komplementär verteilte Allophone desselben Phonems werden hingegen die Laute [ç] und [χ] erfasst: [ç] tritt jeweils nach hellen Vokalen sowie nach /r/ und /l/, [χ] nach dunklen Vokalen auf. Phonematisch notiert wird zumeist /x/ [ 22 ]. Im Anschluss an Kohler geht Pompino-Marschall für /x/ sogar von einem phonischen Dreiersystem aus ([ç], [x], [χ]), wobei die Umsetzung [x] nach [uː] und [ʊ] auftritt.
Als eigenes Phonem /h/ erfasst wird der Hauchlaut [h].[ 23 ]
Für das Phonem /r/ kommen im Deutschen eine konsonantische und eine vokalische Realisierung als komplementär verteilte Allophone vor. Eine konsonantische Realisierung findet regelhaft bei prävokalischer Stellung, eine vokalische Realisierung bei post-vokalischer Stellung statt.
Die konsonantischen Phone [ʀ] („Zäpfchen-r“), [ʁ] („Reibe-r“) und [ɾ] („Zungenspitzen-r“) werden als freie Allophone des Phonems /r/ aufgefasst. Wie empirische Untersuchungen [ 24 ] zeigen, wird /r/ in prävokalischer Stellung in der heutigen deutschen Standardsprache in 89 % der Fälle als uvularer Frikativ realisiert, der entweder stimmhaft ([ʁ], 40 %) oder stimmlos ([χ], 30 %), z. T. (19 %) auch nur approximativ, d. h. mit schwacher Reibung artikuliert wird. In nur rund 6 % aller Fälle findet sich in der gesprochenen Standardsprache eine Umsetzung als „Zäpfchen-r“ ([ʀ]). Das als tap realisierte „Zungenspitzen-r“ ([ɾ]) ist regional verbreitet und kennzeichnend für den süddeutschen Raum.
Manchmal biphonematisch als Abfolge von zwei Phonemen, manchmal monophonematisch als weitere Phoneme neben /t/, /s/, /p/ und /f/ aufgefasst werden die Affrikaten /ts/ und /pf/. Eine monophonematische Wertung der Laute wird in der Notation oft durch Bindung angezeigt ([t͡s], [p͡f]). Für /pf/ im Anlaut ist zu beobachten, dass [p] in der Artikulation entfallen kann.
Den im Deutschen vorkommenden Nasallauten [m] und [n] wird jeweils phonemischer Status zugesprochen (/m/, /n/). Die Einschätzung von [ŋ] wie in dem Wort Junge ist umstritten. Während einige Arbeiten aufgrund von Minimalpaaren wie in (B20) auch [ŋ] als Phonem betrachten, es also mit Schrägstrichen notieren (/ŋ/), fassen andere Arbeiten den Laut als eine allophonische Variante von /n/ auf, die durch eine phonologische Assimilations- und Tilgungsregel aus der Kombination [ng] hervorgeht. Der Laut wird orthographisch als Digraph <ng> verschriftlicht.
Die im Deutschen vorkommenden Konsonanten umfassen zudem die Phoneme /l/ und /j/, die aufgrund von Minimalpaaren wie in (B21) identifiziert werden können.
Charakteristisch für [l] ist im Deutschen die Artikulation am Zahndamm (alveolar), während in anderen Sprachen die Notation [l] z. T. einen apiko-dentalen oder postal-veolaren Laut bezeichnet. Das Phon [j] zählt die Duden-Grammatik als stimmhaften, dorsalen Frikativ zu den Obstruenten. Der Übergang zu Vokalen ist bei diesem Laut aber fließend, weshalb er meist als „Halbvokal“ bezeichnet und als Approximant erfasst wird. Bei Notationen von Wörtern wie Nation, Union etc. wird er als Alternative zu einer diphthongischen Notation gewählt.
Bei der Beschreibung der Konsonanten gesondert zu berücksichtigen sind Assimilationsprozesse. In der Schreibung werden sie nicht abgebildet. Als Assimilation bezeichnet man die Ersetzung von Lauten durch andere, die den jeweiligen Bezugslauten artikulatorisch ähnlicher sind. Die Assimilation kann dabei den Vorgängerlaut (regressive Assimilation) oder den Folgelaut betreffen (progressive Assimilation).
Typische regressive Assimilationen im Deutschen sind die Ersetzung des Lautes [n] vor [g] durch [ŋ] und [n] vor [b] durch [m]. [ŋ] findet sich zudem als standardisierte Umsetzung von <n> in der Kombination <nk>. Eine standardisierte progressive Assimilation betrifft Konsonantenabfolgen, in denen Fortes und Lenes aufeinander treffen. Sie bedingt die Entstimmlichung der Lenes. So führt die Folge [p] + [b] in einem Verb wie abbeißen zur Entstimmlichung des [b]. Eine weitere progressive Assimilation betrifft die Abfolge -ben, in der der Nasallaut bilabial statt alveolar produziert wird [bm̩].
Von besonderer Relevanz sind diese Phänomene für die Fremdsprachenlehre: Der „ausländische Akzent“ von Deutschlernenden kann unter anderem darauf zurückgeführt werden, dass andere Assimilationsregeln angewendet werden als die im Deutschen üblichen.
Zur Verschriftlichung des Deutschen wird ein phonographisches („den Laut schreibendes“) Verfahren verwendet, die lateinische Alphabetschrift, die auch bei zahlreichen anderen Sprachen Anwendung findet. Ein phonographisches Verfahren ist dadurch gekennzeichnet, dass die Grapheme auf die Einheit Phonem bezogen sind.
Hinsichtlich ihrer Phonem-Graphem-Relationen unterscheidet man phonologisch flache und phonologisch tiefe Systeme. Phonologisch flache Schriftsysteme sind durch eine hohe Korrespondenz von Lauten und Schriftzeichen gekennzeichnet; dies ist z. B. im Türkischen der Fall. In phonologisch tiefen Schriftsystemen hingegen werden über phonologische Prinzipien hinaus auch morphologische und lexikalische Phänomene in der Schreibung abgebildet. Als phonologisch tiefe Schriftsysteme werden z. B. Englisch und Französisch angesehen. Das Deutsche nimmt eine mittlere Position ein. In seine Schreibung finden sowohl phonologische als auch morphologische Momente Eingang.[ 26 ]
Betrachtet man das Verhältnis von Phonemen und Graphemen, so lässt sich für das Deutsche keine 1:1-Relation feststellen (s. B23). Dasselbe Graphem steht zum Teil für unterschiedliche Phoneme (a). Andererseits bestehen für dasselbe Phonem häufig unterschiedliche Schreibweisen (b); man spricht hier von Allographen.
Der Schreibung des Deutschen liegen mehrere orthographische Prinzipien zugrunde. Unterscheiden lassen sich u. a.
Spezifisch für das deutsche orthographische System sind die so genannten Umlaute (<ü>, <ö>, <ä>). Die Schreibweise beruht auf dem Stammprinzip. Die Umlaute werden auch als Morphophoneme bezeichnet, da sie morphologische Information tragen. Sie finden sich im Zusammenhang der Pluralbildung (vgl. Mutter – Mütter, Koch – Köche), von Verniedlichungsformen (Diminutiven, z. B. Häuschen, Krönlein) sowie beim Konjunktiv II (vgl. hatte – hätte, wurde – würde, konnte – könnte).
Die phonematisch relevante qualitative und quantitative Differenzierung der Vokale im Deutschen wurde bereits angesprochen. Ihre orthographische Umsetzung gestaltet sich als schwierig, da das lateinische Buchstabensystem nicht so viele Lautqualitäten berücksichtigt und kein eigenes Zeichen für Länge umfasst. In der Schreibpraxis des Deutschen haben sich daher mehrere Verfahren entwickelt, die zur Unterscheidung der Phoneme dienen.[ 27 ] Dabei gibt es sowohl Verfahren zur Kennzeichnung der Länge als auch zur Kennzeichnung der Kürze von Vokalen. Die Länge eines Vokals wird graphemisch folgendermaßen angezeigt:
Die Kürze eines Vokals wird ebenfalls unterschiedlich markiert:
Die orthographische Setzung von zwei Konsonanten bedeutet im Deutschen – anders als z. B. im Finnischen – also nicht, dass zwei Laute gesprochen werden (*[nass]),[ 29 ] sondern sie gibt Auskunft über den vorhergehenden Vokal. Anstelle einer Doppelschreibung von <k> wird das Graphem <ck> gewählt (s. z. B. Dreck – [dʁɛk]).
Viele Rechtschreibfehler von Deutschlernenden gehen auf Allographen oder auf die verschiedenen Prinzipien zurück, die in der Schreibung berücksichtigt werden. Sie finden sich bei muttersprachlichen ebenso wie bei zweit- und fremdsprachlichen Schreibern. Eine Fehlschreibung wie „Fata“ für „Vater“ beispielsweise lässt sich als Schreibung nach dem Lautprinzip charakterisieren, wobei der Anfangslaut von den Schreibenden zutreffend als [f] und das vokalisierte „r“ zutreffend als „a“-Laut [ɐ] wahrgenommen wurden. Weitere Schreibprobleme für Fremdsprachenlernende ergeben sich durch Übertragungen von Phonem-Graphem-Konstellationen aus anderen Sprachen, z. B. der Erstsprache oder dem Englischen.
Ausführlichere Darstellungen der Graphematik des Deutschen finden sich bei Eisenberg (2006), Neef (2005), Staffeldt (2010) und Fuhrhop / Peters (2013).
Mit der Bezeichnung „Standardaussprache“ bezieht man sich auf eine mündliche Form der Standardvarietät, die, so schreibt das Deutsche Aussprachewörterbuch (DAW), „von jedem Muttersprachler verstanden werden“ kann (2009, S. 6). Sie gilt als neutral hinsichtlich dialektaler, regionaler und umgangssprachlicher Variation und wird „besonders in offiziellen öffentlichen Situationen genutzt bzw. erwartet“; zudem gilt sie für Berufssprecher in den Medien, Sänger und Lehrende des Deutschen als Fremdsprache als „in hohem Maße verbindlich“ (ebd.).
Die Standardaussprache wird gegenwärtig in verschiedenen Wörterbüchern erfasst, u. a. dem DAW (Krech / Stock / Hirschfeld / Anders 2009) und dem Duden-Aussprachewörterbuch,[ 30 ] allerdings nicht immer übereinstimmend. Die Erfassung geschieht zunehmend auch unter Rückgriff auf empirische Untersuchungen. Sie bezieht sich aber typischerweise auf Einzelwörter und auf vorgelesene, also vermündlichte schriftliche Sprache. Das DAW unterscheidet dabei verschiedene Grade der Artikulationspräzision (sehr hoch, hoch bis mittel, vermindert). Das Duden-Aussprachewörterbuch differenziert von der Standardaussprache demgegenüber die „Zitierform“ („Explizitlautung“), der als weitere Stufe die „Überlautung“ [ 31 ] gegenübergestellt wird. Erstere erfasst Phänomene wie die Realisierung von Langvokalen in Wörtern wie die, wir etc. bei Einzelzitation. Letztere bezieht sich z. B. auf eine volltönige Realisierung reduzierter Nebensilben wie -er (vgl. (T56)
) oder eine unterbleibende Schwa-Elision in Nebensilben wie -en. Beide Phänomene finden sich vor allem in Zusammenhängen, in denen einem Schreiber etwas diktiert wird (vgl. (T57)
).
Betrachtet man demgegenüber spontan gesprochene, genuin mündliche Sprache, so kommt es insbesondere bei schnellem Sprechen zu sehr viel weitergehenden Reduktions- und Assimilierungsprozessen. Eine Nachfrage wie (T58)
„Hast du einen Moment Zeit?“ kann beispielsweise als
realisiert werden.[ 32 ] Diese Verkürzungen sind teilweise standardisiert; es handelt sich um überindividuelle Phänomene. Typische Reduktionen betreffen:
Im Bereich des Verbs ist die Endung -e in der 1. Person Präsens von einer typisch mündlichen Apokopierung betroffen (z. B. hab, sag). Auch die Endung -t in der 2. Person wird oft apokopiert.
Synkopen betreffen typischerweise den Schwa-Laut. Gibt es in einem Wort zwei mögliche Stellen für einen solchen Prozess, wird im Standarddeutschen laut GdS nur eine dieser Möglichkeiten genutzt (B26a). In der schnell gesprochenen Umgangssprache wird hingegen oft noch weiter reduziert (B26b).
Der Blick auf die alltäglichen Realisierungen im Vergleich zur Nachrichten-Aussprache erlaubt ein weitergehendes Verständnis von Prozessen des Sprachwandels und zeigt für das Deutsche eine Tendenz zur Klitisierung (Verschmelzung), insbesondere zur Enklise, d. h. zur Verschmelzung mit einem vorgehenden Wort (aufm) sowie zur Reduktion mehrsilbiger Wörter, was als synchrone Auswirkung eines bereits im Germanischen begonnenen Umstrukturierungsprozesses betrachtet werden kann (vgl. Kap. 2.2).
Die Zahl der Phoneme in den einzelnen Sprachen der Welt ist sehr unterschiedlich (vgl. Maddieson 2013a, 2013b). Die Anzahl konsonantischer Phoneme schwankt zwischen 6 und 122; ihnen entsprechen z. T. unterschiedliche Phone. Der Durchschnittswert, ermittelt über 563 Sprachen, liegt bei 22 konsonantischen Phonemen. Phonologisch genutzte Vokalqualitätsunterschiede schwanken zwischen 2 und 14.
Bereits die europäischen Sprachen variieren in ihrem Lautrepertoire beträchtlich. So stehen den rund 40 Phonemen des Deutschen ca. 42 Phoneme im Englischen, 34 Phoneme im Französischen und 28 Phoneme im Griechischen gegenüber (vgl. Theisen 2016, S. 63). Beträchtliche Unterschiede finden sich vor allem bei den Vokalen: Während hier für das Deutsche ca. 16 Monophthonge und 3 Diphthonge zu differenzieren sind, umfasst das moderne griechische Vokalsystem z. B. nur 5 Monophthonge; Diphthonge finden sich überhaupt nicht.[ 33 ] Das Portugiesische weist demgegenüber laut IPA-Handbuch sogar 14 Diphthonge auf.
Die Zahlen weisen bereits darauf hin, dass beim Erlernen einer Fremdsprache unter Umständen viele phonologisch relevante Lautdifferenzierungen neu erworben werden müssen. Welche Probleme gibt es im Bereich der Aussprache für Deutschlernende? Kontrastive Untersuchungen weisen für verschiedene Lernergruppen je nach Herkunftssprache unterschiedliche Schwierigkeiten aus.
Eine Befragung von Lehrkräften und Lernenden über 59 Ausgangssprachen hinweg wurde in den 1970er Jahren am Goethe-Institut durchgeführt (Ortmann 1976). Ziel war die Erstellung bedarfsgerechter Lehrmaterialien. Von den Einzellauten wurde insbesondere [ç] als schwierig eingeschätzt; dies deckt sich mit Angaben zum vergleichsweise seltenen Vorkommen des Lautes in den Sprachen der Welt (Ladefoged / Maddieson 1996). Zudem wurden auch die gerundeten Vorderzungenvokale als zentrales Lernproblem genannt. Insgesamt zeigte sich jedoch, dass nicht die Einzellaute, sondern vielmehr Lautverbindungen, die im Deutschen vorkommenden Konsonantenhäufungen, als Hauptproblem beim Erlernen des Deutschen gelten können (vgl. Kap. 14).
Durch Vergleich der Phonemsysteme lassen sich einige Problemquellen aufdecken. Zwar sind Unterschiede zwischen den Lautsystemen von Erst- und Fremdsprache nicht der einzige Grund für die oft abweichende Aussprache durch Sprachenlerner. Unumstritten ist jedoch, dass sich Charakteristika der Erstsprachen in ihren Produktionen ausmachen lassen. Uriel Weinreich (1977) geht davon aus, dass im Bereich der Phone und Phoneme interlinguale Identifikationen stattfinden und bezeichnet dieses Phänomen als „phonische Interferenz“: Laute der Zweit- bzw. Fremdsprache werden durch den Filter der Erstsprache rezipiert und produziert. Einige Beispiele finden sich in den Übungen in den digitalen Materialien.
Bislang gibt es erst wenige Studien zum Erwerb der deutschen Phonologie bei Deutsch als Fremd- und Zweitsprache.[ 34 ] Eine interessante Frage betrifft die Erlernbarkeit fremdsprachlicher Laute im Erwachsenen- und Kindesalter. Beobachtungen hierzu sind zahlreich; systematische empirische Untersuchungen liegen für das Deutsche allerdings bislang nicht vor. Ausgehend von umfangreichen Studien zum Erwerb des Englischen als Zweitsprache durch spanische und chinesische Lerner setzen Flege / Fletcher das Alter, „at which non-native control of the phonology of an L2 first becomes evident“ (1991, S. 371) in einer vorsichtigen Schätzung bei ca. 5–8 Jahren an.[ 35 ] Eine Studie an 240 italienischen Einwanderern, die durchschnittlich seit 32 Jahren in Kanada lebten (Flege / Munro / Mackay 1995), erbrachte ein ähnliches Ergebnis: Von Hörern als „akzentfrei“ eingeschätzt wurden rund 78 % der Probanden, die im Alter von unter 4 Jahren, 61 % der Personen, die im Alter von 4–8 Jahren und 29 % der Personen, die im Alter von 8–12 Jahren mit Englisch konfrontiert worden waren. Nur 6 % der Personen, die nach dem Alter von 12 Jahren eingewandert waren, und keinem der Probanden, die im Alter von mehr als 16 Jahren mit dem Sprachenlernen begonnen hatten, wurde in Hörerurteilen „Muttersprachlichkeit“ zugeschrieben. Die Studien zeigten auch, dass sich wesentliche Veränderungen in der Aussprache bei erwachsenen Lernenden in den ersten Lernjahren ergeben; allerdings findet auch in späterer Zeit durchaus noch Veränderung statt: “Although adults’ pronunciation may fossilize [ 36 ] (…), it appears that some improvement is possible.” (Flege / Fletscher 1991, S. 377). Untersuchungen zur Veränderbarkeit von Artikulation durch Unterricht gibt es bislang nicht.
Zu Sprachkontrasten des Deutschen mit verschiedenen Herkunftssprachen, den sich daraus ergebenden Ausspracheschwierigkeiten und didaktischen Konsequenzen liegen verschiedene sprachspezifische Publikationen vor.[ 37 ] Als knappe Zusammenstellung mit Informationen zu 30 verschiedenen Sprachen empfiehlt sich Dieling (1992).[ 38 ] Auch die verschiedenen Sprachenvorstellungen in Krifka et al. (2014) gehen auf die Phonologie und Graphemik ein. Äußerst nützlich ist die von Hirschfeld / Kelz / Müller (2002) unter dem Titel „Phonetik international“ herausgegebene Sammlung kontrastiver Aufsätze „von Albanisch bis Zulu“, in der rund 50 Sprachen kontrastiv zum Deutschen dargestellt und didaktische Hinweise für den Unterricht des Deutschen als Fremd- und Zweitsprache gegeben werden.
Von Lautabweichungen, die auf den Spracherwerb des Deutschen als Fremd- und Zweitsprache zurückgeführt werden können, abzugrenzen ist der Fall, dass Abweichungen der Aussprache mehr oder weniger „bewusst“ als (ethnolektales) Identitätsmerkmal genutzt werden. Für die gesprochene Sprache mehrsprachiger, aber auch „einsprachiger“ deutscher Jugendlicher ist z. B. der Einsatz des Zungenspitzen-R [r], die phonetische Umsetzung von [ç] als [ʃ] sowie die Reduktion der Affrikate [ts] auf [s] charakteristisch (vgl. Kap. 2.1.2, Kap. 15.5).
Sprachkontakt kann das phonologische System einer Sprache auch verändern. Verschiedene, in Grenzregionen oder von deutschen Minderheiten im Ausland gesprochene deutsche Varietäten weisen entsprechende Erscheinungen auf (vgl. Riehl 2014a, S. 108 f.).
Diese Tabellen gibt es nicht im Buch.
Tab. 1: Vokale des Deutschen (Phoneme, Phone, Grapheme, Beispiele)
Tab. 2: Konsonanten des Deutschen (Phoneme, Phone, Grapheme, Beispiele)
[ 1 ]Wiederabdruck in Hoffmann (2010, S. 388 f.).
[ 2 ]Der hochgestellte Strich notiert in IPA die Betontheit einer Silbe; er wird vor der betreffenden Silbe notiert.
[ 3 ]Archiphoneme werden manchmal durch Majuskeln (Großschreibung) gekennzeichnet.
[ 4 ]Eine ähnliche Herangehensweise findet sich auch in der Semantik, vgl. Kap. 5.
[ 5 ]Zu Merkmalsdarstellungen der deutschen Phoneme s. Ternes (1999), Hall (2011).
[ 6 ]Vgl. Ternes (1999).
[ 7 ]Dies ist der Fall, wenn das Wort die deiktisch verwendet wird und somit in der Äußerung den Hauptakzent trägt: Die Fliege ist riesig (und nicht jene dort), s. Kap. 15.3.
[ 8 ]Unter kontrastiven Gesichtspunkten wäre die Einführung eines eigenen Zeichens (vorgeschlagen wurde [A]) wünschenswert: Sprecher des Deutschen als Fremdsprache artikulieren oft ein für das Deutsche zu helles oder ein zu dunkles [a] bzw. [ɑ], das es im Ausspracheunterricht zu korrigieren gilt.
[ 9 ]So z. B. die Duden-Grammatik (2016) und Maas (2006).
[ 10 ]So die Duden-Grammatik (2016); anders hingegen das Duden-Aussprachewörterbuch (2005), das wie die GdS [ɛː] notiert.
[ 11 ]S. dazu Hakkarainen 1995, S. 48 ff.
[ 12 ]Anders die GdS, die dem Zentralvokal aufgrund von Minimalpaaren wie Kunde – Kundin Phonemstatus zuspricht.
[ 13 ]Der runde Unterstrich [ ̯] gibt an, dass der betreffende Vokal der kürzer gesprochene Teil eines Doppellauts ist.
[ 14 ]Das Duden-Aussprachewörterbuch notiert sogar [a͜i], [a͜u] und [ɔ͜y].
[ 15 ]Da die Lippenrundung auch auf die Anfangsposition [ɔ] zurückgeführt werden kann, lässt sich die Notation [ɔe̯] ebenfalls rechtfertigen.
[ 16 ]Das Zeichen [ʋ] steht in IPA für einen Approximanten, wie er sich z. B. in engl. what findet.
[ 17 ]Eine experimentalphonetische Überprüfung der Kategorien „Fortis“ und „Lenis“ steht allerdings noch aus (vgl. Pompino-Marschall 2009, S. 191).
[ 18 ]Eine klassische Übung im Unterricht des Deutschen als Fremdsprache ist die „Kerzenübung“, bei der die Behauchung mit Hilfe einer Kerzenflamme verdeutlicht wird, die bei der Artikulation zum Zittern gebracht oder ausgeblasen wird.
[ 19 ]Zur Entstimmlichung des [d] in du s. Kap. 13.4.
[ 20 ]Vgl. Zifonun / Hoffmann / Strecker (1997).
[ 21 ]Im süddeutschen Raum findet sich der stimmlose S-Laut allerdings auch am Wortanfang. So ist z. B. in München vom [ˈsiːgəstɔɐ̯] und nicht vom [ˈziːgəstɔɐ̯] die Rede. Den Sprechenden ist die Entstimmlichung meist nicht bewusst.
[ 22 ]Hall (2011) plädiert für die Notation /ç/, da die Umsetzung [ç] häufiger auftritt; ebenso Theisen (2016).
[ 23 ]Es wird aber diskutiert, ob [h] nicht ebenfalls dem Phonem /x/ zuzuordnen sei (Hakkarainen 1995).
[ 24 ]Vgl. Krech (1997), (1998).
[ 25 ]Präteritum von sinnen.
[ 26 ]Eine mittlere Position wird auch dem Niederländischen und dem Russischen zugesprochen.
[ 27 ]Zu einer (alternativen) Interpretation orthographischer Prinzipien im Rahmen der Silbentheorie siehe Primus (2010).
[ 28 ]Historisch ist es durch die Monophthongierung ehemaliger Diphthonge zustande gekommen (vgl. Kap. 2.2).
[ 29 ]Konsonantengemination (= Konsonantenlängung, Doppelkonsonanz) findet sich z. T. aber noch in Dialekten wie dem Bairischen.
[ 30 ]Als „Klassiker“ ist zudem ein unter der Leitung von Theodor Siebs entstandenes Wörterbuch zu nennen, das seit 1898 in verschiedenen Auflagen und unter verschiedenen Titeln („Deutsche Bühnenaussprache“, „Deutsche Hochsprache“, „Deutsche Aussprache“) erschien. Wegen seines normativen Charakters, der den beobachtbaren Umsetzungen der Laute in der Alltagssprache nicht gerecht wird, wurde es aber bereits bei seinem Erscheinen kritisiert, z. B. von Wilhelm Viëtor.
[ 31 ]Damit bezieht man sich insbesondere auf die Artikulation von Schwa-Lauten in Endsilben; als Explizitlautung erfasst wird die Aussprache [ən]; als Überlautung die Realisierung als [ɛn].
[ 32 ]Vgl. Kohler (1995, S. 201).
[ 33 ]Ganz anders sah die Vokalsituation im Altgriechischen aus, für das 10 vokalische Monophthonge und 13 Diphthonge angenommen werden.
[ 34 ]Z. B. Pysch (2007).
[ 35 ]Sie wollen diese Ergebnisse aber nicht verfrüht auf eine „kritische Periode“ zurückführen (vgl. Kap. 18).
[ 36 ]Zum Begriff der Fossilierung s. Kap. 18.
[ 37 ]S. z. B. Kelz (1982) zu südostasiatischen, Balassi (1992) zu griechischen, Mahmood (2014) zu arabischen Deutschlernern.
[ 38 ]Das Buch ist leider nicht mehr käuflich erhältlich, findet sich aber noch in Universitätsbibliotheken.
[ 39 ]Die Phonemnotation folgt der „Grammatik der deutschen Sprache“.
[ 40 ]Die Notation der Phone folgt Hirschfeld / Stock (2000).
[ 41 ]Die Phonemnotation folgt der „Grammatik der deutschen Sprache“.
[ 42 ]Die Verschriftlichung <dt> findet sich nur in dem – häufigen – Wort Stadt und seinen Ableitungen, manchmal auch bei Namen (z. B. Brandt).
[ 43 ]Die Verdoppelung von <k> wird im Deutschen als <ck> geschrieben.