10.2 Die Bedeutung der Verben für die Satzbildung
10.3 Verbtypen und Satzstrukturen
10.3.1 Transitivität, Rektion und Valenz
10.3.3 Das System der Modalverben im Deutschen
10.3.5 Besondere Verbtypen und Satzkonstruktionen
10.3.5.1 Verb-Nomen-Gefüge, Funktionsverbgefüge
10.3.5.2 Verben mit Infinitivkonstruktionen
10.3.5.3 Sprechhandlungsverben (Verba dicendi)
10.3.5.4 „Persönliche“ und „unpersönliche“ Verben
10.3.6 Tempus: grammatikalisierter Zeitbezug
10.3.6.1 Sechs oder zwei Tempora?
10.4 Modus und Modalität: Indikativ und Konjunktiv
10.5 Aktiv und Passiv („Genus verbi“)
Gegenüber den nominalen Wortarten ist das Verb durch die Konjugation deutlich abgehoben. In der Schulgrammatik ist das Verb das „Zeitwort“, durchaus zu Recht: Das konjugierte Verb bewirkt die zeitliche Fixierung des Geschehens durch das Tempus, zum anderen den Realitätsbezug durch den Modus (Indikativ, Konjunktiv oder Imperativ) der Verbform. Ulrich Engel [ 1 ] verdeutlicht das so:
„Denn das finite Verb, das den Satz konstituiert, legt den Wirklichkeitsgehalt eines Sachverhaltes fest, besagt also, ob dieser Sachverhalt zutrifft, zutraf, angeblich zutrifft, unter bestimmten Voraussetzungen zutrifft, zutreffen soll, oder ob jeweils das Gegenteil gilt (der Sachverhalt trifft nicht zu usw.).“
Die morphologischen Besonderheiten der Wortart Verb sind keine Universalie. In der chinesischen Sprache ist ein Wort nur durch die Wortstellung und semantisch, durch seinen Kontext, als verbartig oder substantivartig erkennbar. Sehr häufig sind bei einem silbischen Wort verschiedene Wortarten möglich:
Wegen der fehlenden Formmerkmale können also chinesische Verben nur semantisch als Verb identifiziert werden, sie sind keine „Zeitwörter“. In Interlinear-Übersetzungen wird das chinesische Verb deshalb mit dem Infinitiv wiedergegeben:
Wilhelm von Humboldt hat sich mit dem Unterschied zwischen der Grammatik der chinesischen und der indoeuropäischen Sprachen beschäftigt. Er schrieb 1826 dazu:
„Die Chinesische Sprache kennt, grammatisch zu reden, kein flectirtes Verbum, sie hat eigentlich gar kein Verbum, als grammatische Form, sondern nur Ausdrücke von Verbal-Begriffen, und diese stehen beständig in der unbestimmten Form des Infinitivs, einem wahren Mittelzustande zwischen Verbum und Substantivum.“ [ 2 ]
Eigentlich müsste in der Interlinear-Übersetzung [ 3 ] oben statt der Infinitive wissen und kommen der jeweilige Verbstamm verwendet werden, denn dieser ist die eigentliche, wirklich unflektierte Grundform, also wiss- und komm-. Der Verbstamm liegt nicht nur den Ableitungen der Wortfamilie zugrunde, sondern auch der morphologisch zweiteiligen Infinitivform selbst (Stamm + Suffix -en).
Grammatisch ist der Infinitiv neutral, er gilt im Deutschen als Zitierform und lexikographische Grundform. das macht ihn unmittelbar zur Nominalisierung geeignet. Er bekommt dann Deklinationsmerkmale im Genitiv. Außerdem sind die beiden Partizipien infinite (= ungebeugte, unkonjugierte) Verbformen. Alle drei Formen stehen außerhalb von temporalen oder Subjekt-Bezügen (vgl. Tab. 1). Wenn die Partizipien als Adjektive eingesetzt werden, werden sie ebenfalls dekliniert. Sie wurden deshalb in der Geschichte als besondere Wortart angesehen und „Verbaladjektive“ genannt.[ 4 ]
Unter morphologischem Aspekt werden mindestens zwei Kriterien angewendet:
Häufig wird vermutet, dass die unregelmäßigen Verben des Deutschen Relikte der Sprachgeschichte sind und allmählich aus dem Deutschen verschwinden. Aber davor schützt sie ihre häufige Verwendung. Zählungen haben ergeben, dass zwar von 4.000 Verben nur 4,7 % unregelmäßige Formen haben. In Texten kommen genau diese Verben aber mit sehr hoher Gebrauchsfrequenz vor: 50–60 % der Verbformen in Texten sind „starke Verben“.
Angesichts der differenzierten Morphologie der Verben und ihrer großen Relevanz für die Satzbildung ist es nicht erstaunlich, dass die Darstellung des Verbsystems in den Grammatiken sehr viel Platz einnimmt.
Die große Zahl der Verbformen im Deutschen verdankt sich der Tatsache, dass nicht nur einfache flektierte Formen (Bsp. du gehst) zu berücksichtigen sind, sondern auch zwei- oder dreiteilige, bei denen finite und infinite Formen beteiligt sind, wie (du) bist gegangen. Das schulgrammatische System beinhaltet die Kategorien (Tab. 1):
Tab. 1: Einfache Verbformen am Beispiel von gehen
Verbstamm geh-
In der linken Spalte findet man die grammatischen Kategorien, die an der einzelnen Verbform festzustellen sind. Es handelt sich nach Eisenberg um „ein System von gleichzeitigen Klassifikationen“ (1998, S. 197). Die übliche Einteilung der Verbformen nach „Personen“ sollte allerdings korrigiert werden, denn die Formen richten sich nach den Subjekttypen:
Tab. 2: Typen und Bildung der Präsensformen
Während die traditionelle 1. und 2. „Person“ an die Sprecher- und die Hörerdeixis gebunden sind, also an genau ein bestimmtes Subjekt, ist die „3. Person“ nicht an die Pronomina er / sie / es gebunden, sondern passt zu jedem Subjekt symbolischer Art und zu den Anaphern. Diese Verbform ist daher die allgemeine deskriptive Verbform.[ 8 ] Aus funktionsbezogenen Einsichten heraus werden im Verlauf des Kapitels noch weitere Korrekturen am schulgrammatischen System vorgeschlagen.
In der angloamerikanischen Linguistik spielt die Verb(al) Phrase eine wichtige Rolle. Für das Deutsche ist der Begriff umstritten. Damit meint die Generative Linguistik das maximale Prädikat, also Verb + Objekte. In Bezug auf Deutsch wird der Begriff meist enger gefasst. Unter Verbalphrase versteht z. B. eine Schulgrammatik [ 9 ] alle einfachen und komplexen Verbformen (in den Beispielen eingeklammert):
Mehrteilige Verbformen hat auch das Englische, nicht aber die Klammerstruktur des Satzes. Von daher lehnen viele Linguisten (auch die GdS) den Begiff Phrase als unpassend für die deutsche Sprache ab, mit mehreren Gründen:
Es ist daher sinnvoll, den Phrasenbegriff hier zu vermeiden und die mehrteiligen deutschen Verbformen im Prädikat als Verbalkomplex zu bezeichnen. Auch von Verbalperiphrasen ist häufig die Rede.
Grundsätzlich dienen Verben zur Darstellung von Handlungen, Zuständen und Vorgängen. Sie erfassen Wirklichkeit als veränderliche, als in Bewegung befindliche. Viele grammatische Eigenschaften von Verben haben mit semantischen zu tun. Besonders im Vordergrund solcher Betrachtungen steht die große Gruppe der Verben, die mit menschlichem Handeln oder mit Tätigkeiten zu tun haben. Sie werden entsprechend einer traditionsreichen Einteilung der Verben Tätigkeitsverben oder, etwas enger gefasst, Handlungsverben genannt. Davon werden Prozessverben oder Vorgangsverben und gelegentlich Zustandsverben unterschieden.
Der Oberbegriff Tätigkeit umfasst außer Verben für zweckhaftes Handeln auch Verben für so genannte Verrichtungen und spontane Aktivitäten (lachen, spielen, warten, husten, aufschreien). Die Gesamtgruppe ist eine offene Klasse, sie wird immer wieder durch neue Wortbildungen erweitert. Der Handelnde ist typischerweise eine Person; auch ein nichtmenschliches Subjekt wird zumindest als Handlungsträger vorgestellt, wenn z. B. über einen Sturm gesagt wird, er habe einen Baum „wie ein Streichholz umgeknickt“. Der grammatische Oberbegriff für Handlungsträger, also die Satzrolle (vgl. Kap. 9), ist Agens [ 10 ], ein Verb wie umknicken gilt entsprechend als agentivisch.
Einige Beispiele für Prozessverben sind: fallen, wachsen, abbrechen, sterben, erkranken, sich entwickeln. Schwieriger einzuordnen sind Verben, deren Bedeutung keine Vorgangsdynamik aufweist. Nach Helbig / Buscha gibt es „stative“ Verben oder Zustandsverben.[ 11 ] Als Beispiele werden dort sich befinden, liegen, sein, stehen, umgeben, wohnen genannt. Diese Zustände sind aber oft zeitlich begrenzte, was die Abgrenzung zu den Handlungsverben erschwert. Das einzige klare Zustandsverb im Deutschen, das auch in Opposition zu werden als Verb der Veränderung steht, ist sein.[ 12 ]
In Kap. 9 wurden die Begriffe Valenz und Rektion eingeführt zum Verständnis der Beziehungen zwischen Verb und zugeordneten Satzgliedern. Einen Teil dieser Beziehungen erfasste man traditionell mit der Unterscheidung von Transitivität und Intransitivität:
Warum können nicht alle Verben passivisch verwendet werden? Handlungsverben wie schneiden sind im Allgemeinen transitiv, was mit ihrer Valenz zusammenhängt: Die Handlung erfordert „Mitspieler“, den Schneidenden und ein Objekt des Schneidens. Das Akkusativobjekt dient der Versprachlichung des Gegenstandes, auf den die Handlung gerichtet ist. Traditionell wurde zusätzlich unterschieden, ob der Gegenstand durch die Handlung erzeugt (effiziert) wird oder von ihr betroffen (affiziert) ist. An einem Beispiel:
Prozessverben wie fallen sind intransitiv. Allerdings können einige Intransitiva wie das Bewegungsverb fahren in (B5) auch den Wechsel zum transitiven Verb vollziehen. Auch bei anderen Verben lassen sich zwei Verwendungen erkennen, was zu Paarungen von transitivem und intransitivem Verb führt (GdS 1997, S. 1863):
Eine kleine, grammatisch besondere Gruppe bilden die Kopulaverben, zentral steht hier das Verb sein. Sie zeichnen sich durch eine Nominativ-Ergänzung aus, indem sie einen auf das Subjekt bezogenen Satzteil regieren, der Prädikativ genannt wird (B6, s. Kap. 9.3).
Kopulaverben im engeren Sinne sind sein, werden und bleiben; im weiteren Sinne gehören auch scheinen, heißen und die passivischen Formen von nennen dazu. Sie haben kein Objekt, binden aber eine Nominativergänzung an das Subjekt an. Bei einigen Verben wie nennen und ansehen als gibt es auch ein Objektsprädikativ (B6c). Der Kasus zeigt hier an, dass die Adjunktorphrase (eingeleitet durch wie oder als) auf das Objekt zu beziehen ist.
Der größte Teil der deutschen Verben, laut Eisenberg der „Löwenanteil“ (2013, S. 58), ist gemäß Valenzgrammatik zweistellig, regiert also – neben dem Subjekt – entweder ein reines Kasusobjekt, ein Präpositionalobjekt oder auch eine lokale Ergänzung (vgl. Kap. 11).
Die Hilfsverben bzw. Auxiliarverben haben spezielle Aufgaben, weil sie als finite Verben in Verbindung mit einer infiniten Form eines anderen Verbs komplexe Prädikate (Periphrasen) bilden. Die Charakterisierung „Verben mit Spezialfunktionen“ (Duden-Grammatik) wird ihrer Bedeutung etwas besser gerecht.[ 13 ] Denn alle diese Verben können im Deutschen auch selbstständig das Prädikat eines Satzes bilden, und ihre Bedeutungen sind nicht ganz unwichtig für die Periphrasen:
Tab. 3: Verben mit Hilfsverb- und Vollverbverwendung
Die Auxiliarverben sind insofern wichtig, als sie Zeitbezug und Wirklichkeitsgehalt der Aussagen angeben, also zentrale Prädikatsfunktionen wahrnehmen. Man betrachtet die infiniten Partizipien (beendet, begonnen und gefeiert) deshalb als Vollverben oder Hauptverben (nach Engel), weil diese Verben mit ihrer Valenz für die Satzstruktur wichtig sind. Sein und werden als Kopulaverben regieren zwar kein Objekt, bestimmen aber auch die Satzstruktur, da sie ein prädikatives Satzglied erfordern (langweilig, alt in Tab. 3). Bei werden ist zu beachten, dass es für seine Funktion im Passiv ein anderes Partizip besitzt als für seine anderen Funktionen:
Die Notwendigkeit von Periphrasen mit Hilfsverben erklärt die GdS aus der sprachgeschichtlichen Tatsache, dass das germanische Verbsystem „defektiv“, d.h im Vergleich zu Latein und Griechisch ergänzungsbedürftig war (1997, S. 1247). Es scheint allerdings, dass in der Nachahmung des klassischen Vorbilds Latein an einigen Stellen übertrieben wurde (siehe unten).
Die kleine Gruppe der Modalverben (MV) kommt im Deutschen außerordentlich häufig vor. Oft werden sie den Hilfsverben zugeordnet, historisch waren sie auch die ersten Hilfsverben. Sie werden hier getrennt behandelt, weil sie im Deutschen eine sowohl morphologisch und syntaktisch als auch semantisch besondere Klasse von Verben bilden. Man kann bei den modalen Verben mit (reinem) Infinitiv einen Kernbereich und ein modales Umfeld (eine Peripherie) unterscheiden. Das sieht gemäß GdS so aus:
Tab. 4: Modalverben und modalverbähnliche Verben
Außerhalb des Kernbereichs erfordern diese Verben also eine Infinitivphrase mit zu zur Bildung des komplexen Prädikats. Das Verb brauchen steht an der Grenze, weil zumindest die negative Form die Verbindung mit dem reinen Infinitiv zulässt.
Die Form möchte ist eigentlich die Konjunktivform von mögen. Sie hat einen eigenen Stellenwert als MV mit indikativischer Bedeutung bekommen, um einen Wunsch auszudrücken. Nur im Süddeutschen kann statt möchte auch mag verwendet werden, sonst hat „ich mag“ eine andere Bedeutung: eine Vorliebe oder Wertschätzung für etwas.[ 14 ] Formale Besonderheiten der Modalverben sind:
In semantischer Hinsicht gilt: Die Modalverben sind zumindest in ihren Grundbedeutungen auf Handlungen angelegt. Modalverben haben mit der Verbalisierung einer Zielsetzung und der Planung einer Handlung durch den Sprecher zu tun. Sie nehmen auf einen Planungsprozess Bezug und bringen bestimmte Redehintergründe der angesprochenen Handlung ins Spiel, z. B. Voraussetzungen oder situative Umstände, die abgewogen werden (sollten).[ 15 ]
Wesentliche Voraussetzungen am Handelnden selbst, die im Planungsprozess eine Rolle spielen, sind: Wille – Erlaubnis – Wunsch – Notwendigkeit – Möglichkeit – Fähigkeit.[ 16 ] Im Rahmen der pragmatischen Theorie der Modalverben (seit Ehlich / Rehbein 1972) werden diese Modalitäten bezogen auf die Phasen des Entscheidungsprozesses, der jeder Handlungsausführung vorausgeht. Von daher lassen sich die Modalverben des Deutschen in zwei Gruppen einteilen: Modalitäten der Handlungsalternative (können, müssen, dürfen) und des Handlungsziels (möchten, wollen, sollen, werden) (Brünner / Redder 1983).
Dass werden als Modalverb verstanden wird, ist eine relativ neue Einsicht. Die Nähe zu den Modalverben zeigt sich schon an der Überlegung: Wer etwas tun kann und will, wird es auch tun (Übergang zur Realisierung des Plans); das mit werden gebildete Futur ist von daher eigentlich nicht temporal, sondern modal gekennzeichnet (vgl. Redder 1999).
Interessant ist auch eine nähere Betrachtung des Modalverbs sollen, mit dem eine Relation zu einer externen Wollensinstanz als Redehintergrund verbunden ist. Wenn jemand will, dass ich etwas tue, dann soll ich es tun, das ist sozusagen das in eine Sprechsituation importierte Wollen eines anderen.[ 17 ] Wenn jemand ein Medikament einnehmen soll, steht meist eine ärztliche Anweisung dahinter. Leider wird in der Schul- und DaF/DaZ-Grammatik häufig ein verkürztes Verständnis nahegelegt, wonach mit sollen eine Abschwächung von müssen gemeint ist. So formuliert eine Übungsgrammatik [ 18 ]:
„Das Modalverb sollen lässt eine freie Entscheidung zu, während es bei müssen keine Entscheidungsfreiheit gibt.“
Ob und welche Freiheiten der Handelnde hat oder sich nimmt, entscheidet sich an situativen Umständen und an der Unbedingtheit des Wollens, auch wenn Zwänge ins Spiel gebracht werden.
Neben diesem deutlichen Handlungsbezug der Grundbedeutungen der Modalverben hat sich noch eine andere Art der Nutzung entwickelt. Es geht dabei um die Geltung und Wahrheit von Sachverhalten. Man nennt das den inferentiellen oder epistemischen (wissensbezogenen) Gebrauch von MV, bei dem Annahmen, Vermutungen und Schlussfolgerungen eine Rolle spielen können.[ 19 ]
Dabei wird auch der Verbmodus wichtig. Eine Annahme kann z. B. mit dem Konjunktiv II von dürfen oder sollen ausgedrückt werden. Bei müssen kann sowohl der Indikativ als auch der Konjunktiv den inferentiellen Charakter zeigen.
Bei wollen und sollen ist der epistemische Charakter nicht immer deutlich zu erkennen. Er liegt in der Berufung des Sprechers auf andere Wissensquellen, auf externe Information (sollen) oder die Behauptung des Handlungsträgers selbst (wollen). Eindeutigkeit besteht, wenn über vergangene Handlungen gesprochen wird wie in (B10a). Eine Äußerung wie (B10b) wäre aber isoliert zweideutig.
a) Der Manager soll Geld veruntreut haben.
Der Manager will nichts davon gewusst haben.
Mit der epistemischen Verwendung ist eine Distanzierung des Sprechers gegenüber dem Sachverhalt oder der Äußerung darüber verbunden, was meist mit der Zuverlässigkeit der Quelle zu tun hat.[ 20 ]
In gewisser Hinsicht ähnlich wie die Modalverben ist das Verb lassen. Es regiert ebenfalls einen reinen Infinitiv und dient manchmal als Umschreibung für dürfen. Es verhält sich aber syntaktisch anders, denn es kann ein Akkusativ-Objekt regieren (B11a). Das gilt auch für die Wahrnehmungsverben mit Infinitiv (B11b):
Gewisse formale und semantische Merkmale von Verben versucht man im deutschen Zusammenhang traditionell als Aktionsarten, bei kontrastiver Orientierung eher mit dem Terminus Aspekt zu beschreiben. Der Ausgangspunkt ist dabei die Theorie der verbalen Aspekte, die vor allem an den slawischen Sprachen entwickelt wurde. Das Russische gilt als Prototyp der Aspektsprachen, weil es an den Verbformen (fast) durchgängig den perfektiven und den imperfektiven Aspekt unterscheidet. Ein Sachverhalt, der zu einem bestimmten Zeitpunkt abgeschlossen ist, wird an der Verbform perfektiv „markiert“. Beim perfektiven Aspekt ist der Sprecher in das Geschehen involviert, da sein „Blickpunkt inmitten des Geschehens“ liegt („Binnenperspektive“).[ 21 ] Mit der imperfektiven Form wird die Handlung als ganze bzw. „von außen“ betrachtet. Meist gibt es für diese Perspektiven verschiedene Infinitive und für die meisten Verben entsprechende Formenpaare, wie bei diesen beiden russischen Verben (aus Heinold 2015, S. 67):
Im Deutschen finden sich z. T. vergleichbare Verbpaare, wie schlafen – ausschlafen. Aber die Partikel auf hat keineswegs immer die Funktion, ein imperfektives Verb perfektiv zu machen. Da, wo solche Differenzierungen auftreten, spricht man für das Deutsche besser von durativer (schlafen) versus transformativer (ausschlafen) Aktionsart. Damit lassen sich zeitliche Verläufe, die zur Verbbedeutung gehören, kennzeichnen. Simone Heinold (2015, S. 36) plädiert dafür, die ausufernde und unübersichtliche, z. T. auch missverständliche Terminologie in diesem Bereich (vgl. Kap. 7) deutlich zu reduzieren. Außer der durativen und der transformativen Aktionsart ist noch die iterative für wiederholte Handlungen und Vorgänge sinnvoll, was im Deutschen häufig in der Wortbildung erkennbar wird, z. B. bei plätschern, klingeln, streicheln. In der GdS ist von einer „Ereignisperspektivierung“ bzw. von Aspektualität die Rede. Die Autoren empfehlen die Unterscheidung transformativ vs. nicht transformativ.[ 22 ]
Im Deutschen kann regelhaft das Partizip II als eine resultative oder transformative Form gelten, im Gegensatz zum Partizip I, das Unabgeschlossenheit impliziert, der Vorgang wird als ablaufender gedacht.[ 23 ]
Ein wichtiges grammatisches Phänomen in diesem Zusammenhang ist die Frage des Gebrauchs von sein – alternativ zu haben – als finitem Verb für die Bildung des Perfekts, wie in dem Satz: Er ist nach Hause gefahren. Auch die Tatsache, dass sich nicht jedes Partizip II für eine attributive Verwendung in der Nominalphrase (NP) eignet, hängt mit dem transformativen Charakter zusammen. Zum Beispiel kann man nicht von einem gefahrenen Bus sprechen, wohl aber von einem abgefahrenen Bus.
Das sein-Perfekt kommt vor bei intransitiven und zugleich transformativen Verben. Damit können sowohl Ortsveränderungen als auch andere Veränderungen am Satzsubjekt gemeint sein, wie z. B. bei wachsen. Das sein-Perfekt stellt die Veränderung am Träger des Vorgangs ergebnishaft dar, das Endresultat ist ein neuer Zustand. Beim sog. Zustandspassiv wird ein Partizip prädikativ verwendet. Möglich ist das nur bei transformativen und zugleich transitiven Verben:
Tab. 5: Das Partizip II als prädikatives Adjektiv
Bewegungsverben können z. T. aspektuell verschieden aufgefasst werden, was dann auch zu differenter Perfektbildung führt, so z. B. rudern: Man kann „über den See rudern“, dann wird rudern in perfektiver Bedeutung, also als Verb der Ortsveränderung, genommen (Perfekt: „Wir sind über den See gerudert.“). In dem Satz „Wir haben den ganzen Tag gerudert.“ steht hingegen die Tätigkeit im Vordergrund, also Rudern als Beschäftigung. Dieses insgesamt recht klare Phänomen wird durch die sprachlichen Gepflogenheiten im Süden Deutschlands etwas verwischt, wo man sowohl bei Verben der Bewegung als auch der Ruhe (also ohne Veränderung am Subjekt) die Perfektbildung mit sein bevorzugt, etwa „Er ist dort gesessen.“
Mit einigen grundlegenden Verben lässt sich ebenfalls eine Perspektivierung des Ereignisses durchführen. Das protoypische transformative Verb ist werden, in klarer Opposition zu sein. In Verbindung mit Substantiven oder Adjektiven kann werden vielfältige Veränderungen ausdrücken (erkranken = krank werden). Im Deutschen, ähnlich wie in den romanischen Sprachen, besteht zudem die Möglichkeit, Handlungsverben durch ihren reflexiven Gebrauch zu Prozessverben zu machen bzw. als solche zu nutzen:
Auch auf die einzelnen Phasen eines Vorgangs kann man Bezug nehmen durch die Kombination mit speziellen Verben:
Zusätzlich weist die Umgangssprache im Deutschen die verlaufsbetonende, durative (nicht transformative) Fügung mit der Präposition am auf:
In der englischen Sprache ist die Progressive-Form „is working“ eine regulär aspektuell markierte Form. Im Französischen gibt es etwas Vergleichbares in der Unterscheidung von Imparfait und Passé Simple, also ebenfalls in einem eng begrenzten Bereich.
Derselbe Sachverhalt oder Vorgang kann oft auf unterschiedliche Weise sprachlich benannt oder dargestellt werden. (B15) zeigt links jeweils ein Verb, das in vielen Zusammenhängen durch das rechts stehende Verb-Nomen-Gefüge ersetzt werden kann:
Solche Gefüge enthalten sehr oft Präpositionalphrasen. Der nominale Kern ist meist deverbal gebildet. Wichtig ist, dass die Phrasen in solchen Fügungen nicht als Akkusativ- oder Präpositionalobjekt zu verstehen sind, sondern als Prädikatsteil. Das zeigt sich schon daran, dass die Nomen in ihrer Determination nicht frei sind und auch nicht oder nur beschränkt erweitert werden können. Verb und Nominalphrase sind lexikalisch zusammengewachsen. Der Vorgang ist in einigen Fällen so weit fortgeschritten, dass die nominale Qualität verloren ging, indem das Nomen in das Verb inkorporiert wurde:
Einfaches Verb und Funktionsverbgefüge haben mehrere Beziehungen zueinander. Die semantische Potenz eines Substantivs wie Gespräch kommt im Funktionsverbgefüge stärker zu Geltung. Dementsprechend haben die damit kombinierten Funktionsverben (führen, zeigen und besitzen) relativ wenig semantischen Gehalt. Sie leisten einen Beitrag zur Gesamtbedeutung der Fügung; man spricht meist von einer verblassten oder reduzierten Bedeutung. Das kann so weit gehen, dass das Verb fast nur noch die Aktionsart kennzeichnet und natürlich die Aufgaben des finiten Verbs übernimmt. So wird in dem Satz „Endlich geht das Buch in Druck.“ mit dem Verb gehen vor allem der transformative Gehalt signalisiert, nicht die übliche Bedeutung des Verbs (vgl. dazu die Beispiele in Zifonun et al. 1997, S. 704).
Diese Ereignisperspektivierung über das Verb macht die Fügungen in vielen Fällen semantisch präziser bzw. verleiht ihnen eine speziellere Bedeutung im Vergleich mit dem zugrunde liegenden einfachen Verb. Die Tatsache, dass ein Buch in Druck geht, lässt sich mit dem Passiv gedruckt werden nicht genau wiedergeben. Und das Verb widersprechen sagt etwas deutlich anderes als Widerspruch einlegen, das dem juristischen Bereich zugehört.
Funktionsverbgefüge z. B. mit Verben aus (B17) charakterisieren die Schriftsprache deutlich stärker als die gesprochene Sprache. Sie haben auch bestimmte stilistische Implikationen. Einige gelten als Merkmal der Verwaltungssprache, andere als fachliche oder berufliche Ausdrucksweisen. Zum Teil handelt es sich um Fachjargon wie bei: in Serie gehen. Wieder andere sind Zeichen besonderer Höflichkeit, wie sein Bedauern zum Ausdruck bringen. Sie gehören der gehobenen Sprache an.
Die Rede von Funktionsverbgefügen hat sich seit den 1960er Jahren mit einer stilkritischen Stoßrichtung gegen die Amts- und Verwaltungssprache verbreitet.[ 24 ] Heute wird die Bezeichnung häufiger kritisiert (Eisenberg 32013, Storrer 2006).
Infinitivformen können nicht nur bei den Modalverben als Teil des Prädikats auftreten, sondern auch bei sehen, hören und einigen ähnlichen Verben. Dann handelt es sich um einen reinen Infinitiv, wie in „Ich sehe ihn kommen.“ Da diese Konstruktion einer lateinischen sehr ähnlich ist, spricht man vom AcI („Accusativus cum Infinitivo“). Das betrifft im Deutschen vor allem Wahrnehmungsverben und das Verb lassen.
Neben ihrem Status als Grund- und Nennform des Verbs (mit Übergängen zum Substantiv) haben die Infinitivformen auch im Satz wichtige Aufgaben. Charakteristisch dafür ist die vorangestellte Infinitivpartikel zu, die auch Verbaffix genannt wird. Sie ist notwendig, um den Infinitiv als grammatisch integrierte Verbform zu kennzeichnen. In ähnlicher Weise wie Nebensätze eignen sich Infinitivkonstruktionen – man kann hier auch von Infinitivphrasen sprechen – dazu, Sachverhalte (Handlungen, Vorgänge) in einer abhängigen Position im Satz zu verbalisieren.
Ein solcher Infinitiv – mit seinen zugehörigen Ergänzungen (eingeklammert) – ist abhängig vom übergeordneten finiten Verb des Satzes. Er ist also dessen Komplement und wird semantisch-syntaktisch vom finiten Verb her verstanden. Bei vorhaben, etwas zu tun gibt die Infinitivkonstruktion den Inhalt des Vorhabens an. Sie ist somit das Akkusativobjekt zu vorhaben. Verschiedene andere Satzrollen sind je nach Valenz des Verbs ebenfalls üblich, z. B. als präpositionale Ergänzung zum Verb interessieren:
Ein großer Teil der Infinitivergänzungen sind allerdings attributiv zu verstehen, weil sie von einem Nomen oder Adjektiv abhängig sind:
Das Nomen Idee ist dadurch definit, dass es mit der Infinitivphrase als Attribut inhaltlich bestimmt wird.
Eine weitere, häufig angeführte semantische Teilgruppe der Verben sind die Sprechhandlungsverben (verba dicendi), sehr ähnlich sind die Verben des Meinens und Denkens (verba sentiendi). Beispiele für die erste Gruppe sind mitteilen, berichten, melden, erzählen, schreiben, für die zweite Gruppe annehmen, meinen, vermuten. Diese Verben traten bereits früh in den Vordergrund grammatischer Betrachtungen, weil sie mit der Redewiedergabe („indirekte Rede“) verknüpft sind, die im Deutschen eine formale Besonderheit aufweist: Speziell für die Redewiedergabe stehen die Formen des Konjunktiv I (in einigen Grammatiken Konjunktiv Präsens bzw. Konjunktiv Perfekt genannt) zur Verfügung. Bei der alltäglichen Redewiedergabe wird allerdings meist der Indikativ verwendet, wie in (B21a) und (B21b). In Medientexten und vielen literarischen Texten wird hingegen der Konjunktiv I bevorzugt (vgl. B21c,d).
a) Er meint, dass er alles richtig gemacht hat.
b) Seine Mutter sagt, dass er früh zu Bett gegangen ist.
c) Der Regierungssprecher teilte mit, es sei zu einer Einigung gekommen.
d) Er fragte, ob sie Hunger habe.
Ein zweites Merkmal, das syntaktisch wichtig ist, wird ebenfalls an den Beispielsätzen deutlich: Unabhängig vom Modus ziehen diese Verben sehr häufig Nebensätze (sog. Inhaltssätze) nach sich (s. Kap. 11).
Hierbei geht es um das Verhältnis zwischen Verb und Subjekt: „Unpersönliche Verben“ lassen als Subjekt nur es zu, z. T. kommen sie sogar ganz ohne grammatischen Subjektausdruck vor, sofern ein anderes Element – in (B22b) die Dativergänzung mir – die erste Stelle im Satz einnimmt:
Laut GdS geben solche Prädikate eine „pauschale Charakterisierung“.[ 25 ] Nach Brinkmann (1971, S. 754) ist das es-Subjekt bei bestimmten Verben ein „allgemeines Zeichen für Vorhandenes (noch nicht näher Expliziertes)“. Das gilt für Aussagen über physikalisch und psychologisch beschreibbare Vorgänge und Zustände (Wetter und Temperatur sind besonders klare Fälle); sogar ein Verb, das sonst ein persönliches Subjekt hat (klopfen), kann dann als ein Art Geräuschverb verstanden werden:
Bei den Wetterverben (B22) und einigen anderen wie ‚Es gibt X.‘ und (B23b) ist besondere Berücksichtigung im Fremdsprachenunterricht nötig. Das semantisch ‚nichtssagende‘ es-Subjekt ist bei ihnen lexikalisch festgelegt. Wenn es fehlt, wird der Satz grammatisch falsch oder unverständlich, da das Verb dann eine andere Bedeutung annimmt (Beispiele aus der GdS, Zifonun et al. 1997, S. 1079):
Man kann die Konstruktion mit es und auch die Reflexivität entweder als Lexembestandteil oder als Teil der Valenz des Verbs auffassen. Wichtig ist, dass hier verschiedene Varianten von Verben vorliegen: Das Verb stehen + Lokalergänzung ist ein anderes Verb als stehen in der verbalen Fügung ‚es steht gut / schlecht um X‘, ebenso bei den Verben gehen, handeln und kommen.
Auch bei der Reflexivität geht es um das Verhältnis zwischen Prädikatsverb und Subjekt. Bestimmte Verben werden im Satz reflexiv konstruiert. Das kann eine feste Eigenschaft des Verbs oder aber eine Gebrauchsmöglichkeit sein.
„Das Reflexivpronomen dient bei ihnen dazu, als Pronomen der Identität ein besonders enges Verhältnis zwischen Subjekt und Prädikat herzustellen.“ [ 26 ]
Funktional gehört das Reflexivpronomen sich in die Wortgruppe der Anaphern, wie die anaphorischen Pronomina er / sie / es (vgl. Kap. 8): Sie führen nach Hoffmann (2016, S. 50) „etwas in Gespräch oder Text Eingeführtes oder noch Präsentes jenseits einer Satzgrenze“ (er / sie / es) oder satzintern (sich) fort. Zwei Beispiele:
Auch die GdS spricht hier von einer syntaktisch gebundenen Anapher.[ 27 ] Nur für deskriptive Aussagen ist sich möglich, ansonsten wird eine deiktische Form als Ersatz verwendet: Ich ärgere mich. Im linearen Ablauf des Satzes wird ein Reflexivum als „Rückbezug“ gedeutet.[ 28 ] Die Reflexivität ist in (B25) eine feste Eigenschaft des Verbs. Besonders häufig tritt Reflexivität auf, wenn es um innere Zustände und Prozesse geht.[ 29 ] Es gibt aber wesentlich mehr Verben im Deutschen, die sowohl reflexiv als auch nichtreflexiv vorkommen. Bei diesem Wechsel ändern sich Valenz und Verbbedeutung mehr oder weniger stark. Helbig / Buscha, ebenso die Duden-Grammatik, sprechen dann von „reflexiven Verbvarianten“ nichtreflexiver Verben. Beispiele sind etwa:
In vielen Grammatiken wird an solchen Fällen „echte“ und „unechte Reflexivität“ unterschieden, oder man spricht von teilreflexiven Verben. Es ist nicht immer leicht anzugeben, welche Verben Reflexivität tatsächlich als Eigenschaft besitzen, also immer reflexiv vorkommen.
Von den reflexiven Verben sollten auch reflexiv gebildete Prädikate normaler transitiver Verben unterschieden werden. Das Reflexivum (Reflexivpronomen) ist dabei nicht lexikalisch gefordert, aber zur Beschreibung selbstbezogener Handlungen nötig:
Grammatisch ist zu beachten, dass eine Reihe von Verben eine Dativergänzung verlangt, was bei sich formal nicht hervortritt, wohl aber bei deiktischen Reflexiva (mir und dir), z. B. bei den Verben:
Wo Missverständnisse möglich sind oder Verstärkung angebracht erscheint, kann als Zusatz selbst benutzt werden. Das kleine Teilsystem der Reflexiva wird ergänzt durch pluralische, die Wechselseitigkeit ausdrücken, besonders einander.
Ein häufiger Fehler beim Reden über Tempora ist die Verwechslung von zwei Dimensionen:
Vergleicht man die deutschen temporalen Formen mit dem historischen Vorbild der lateinischen Verben, so zeigt sich, dass deren Formenparadigma anders aufgebaut ist. Es bildet durch Tempussuffixe sechs Tempora, jedes Verb verfügt über solche synthetisch am Stamm gebildeten (einteiligen) Formen. Die meisten Grammatiken der deutschen Sprache verzeichnen nun ebenfalls sechs Tempora, analog zum Lateinischen. Jedes deutsche Verb verfügt aber nur über zwei synthetische Formen, die temporal sind, nämlich das Präsens und das Präteritum. Diese beiden drücken, allgemein gesagt, die Unterscheidung von Gegenwärtigkeit und Vergangenheit des jeweiligen Vorgangs oder der Handlung aus, und zwar deiktisch, also mit Bezug auf die Sprecher-Origo (vgl. Kap. 8). Dagegen sind die Partizipformen, wie oben schon erläutert, zwar aspektuell bestimmt, aber nicht temporal. Tab. 6 stellt die synthetischen Tempora den analytisch gebildeten Tempusformen, zu deren Bildung haben oder sein erforderlich ist, gegenüber:
Tab. 6: Die Tempusformen im Deutschen
Betrachtet man die semantisch-inhaltliche Seite, werden die Unterschiede zum Lateinischen und zu den romanischen Sprachen noch größer. Das Präsens drückt im einfachsten und häufigsten Fall aus, dass die Handlung oder der Vorgang zum Zeitpunkt der Sprechhandlung stattfindet.[ 31 ] Prüft man die Verwendung genauer, so geht es nicht immer um eine tatsächliche Gleichzeitigkeit, sondern um die (mental gegebene) Gegenwärtigkeit für den Sprecher. Auch der, der über Bevorstehendes oder Geplantes redet, verwendet dafür im Allgemeinen das Präsens, oft in Kombination mit einer temporalen Angabe wie morgen oder nächstes Jahr. Das politisch-philosophisch gemeinte Bonmot von Frank Lloyd Wright scheint unbeabsichtigt auch auf den Tempusgebrauch zuzutreffen:
„The future is now. All that we can conceive of the future is now so that tomorrow is really today.“
In sachbezogenen und wissenschaftlichen Texten ist das Präsens auch das normale Tempus für allgemein gültige, nicht zeitabhängige Aussagen. Außerdem wird das Präsens gern zur Vergegenwärtigung von Vergangenem genutzt, sei es literarisch als „historisches Präsens“, sei es in einer mündlichen Erzählung oder in einer Zeitungsüberschrift („Steinschlag tötet Wanderer“).
Das Futur (Futur I) als analytische Verbform ist von der temporalen Qualität des finiten Verbs her eigentlich ein Präsens. Anders als in den romanischen Sprachen ist es auch semantisch kein echtes Zukunftstempus, viele bestreiten sogar, dass es überhaupt ein Tempus ist (Heinold 2015, S. 112 ff.). Überwiegend kommt werden + Infinitiv mit folgenden Funktionen vor:
Oben wurde werden als Modalverb eingeführt. Dem entsprechend stellen viele die modale Qualität des sog. Futurs fest:
„Das Futur drückt (bezogen auf die subjektive Einschätzung des Sprechers) gegenwärtige oder künftige Wahrscheinlichkeit aus.“ (GdS, S. 1700)
Beim Perfekt oder Präsensperfekt (laut Duden-Grammatik und GdS) wirkt sich die Präsensform von sein oder haben so aus, dass das Geschehen als bedeutsam für die Gegenwart wahrgenommen wird. Mindestens hat das Vergangene (oder sein Resultat) für den Sprecher eine mentale Präsenz.[ 32 ] Das Partizip II dient als „einzige wirklich perfektive Verbform“ [ 33 ] dazu, Handlungen und Vorgänge von ihrem Ende (Ziel oder Abschluss) her zu betrachten.Von daher hat das Präsensperfekt seine besondere Rolle in der mündlichen (erzählenden) Wiedergabe. Eine erweiterte Nutzung als Futurperfekt (traditionell Futur II) ergibt sich, wenn der Sprecher sich einen Rückblick auf ein zukünftiges Geschehen vorstellt:
Das Präteritum (Imperfekt) ist dagegen ein echtes Vergangenheitstempus: Wie groß die zeitliche Entfernung des Geschehens vom Sprechzeitpunkt genau ist, ist allerdings weniger wichtig als die Distanz des Sprechers dazu. Nach Harald Weinrich ist das Präteritum das Tempus der „erzählten Welt“. Zwar gibt es auch Alltagserzählungen von soeben Erlebtem mit dem Präsensperfekt, aber in vielen Fällen hat vor dem Erzählen bereits eine Art ‚Archivierung‘ stattgefunden, was besonders bei schriftlichen Erzählungen durch den Gebrauch des Präteritums deutlich wird.[ 34 ]
Wenn Ulrich Engel (2009, S. 496) behauptet, Perfekt und Präteritum seien „nie austauschbar“, so widersprechen ihm viele, verweisen aber als Beleg oft auf isolierte Einzelsätze. Zu berücksichtigen sind situative Zusammenhänge und auch stilistische Qualitäten; das Präteritum wirkt z. B. auch im Gesprochenen häufig offiziell, das Perfekt nicht.
Das Plusquamperfekt oder Präteritumperfekt ist parallel zum Präsensperfekt mit dem Präteritalstamm des Hilfsverbs gebildet. Auch seine Deutung ist relativ zum Tempus des finiten Verbs. Man spricht von ‚Vorvergangenheit‘, d. h. das Geschehen ist ‚abgeschlossen zu einem vergangenen Zeitpunkt‘. Grammatisch ist in bestimmten Satzgefügen häufig das Plusquamperfekt nötig, um die zeitliche Relation der „Vorvergangenheit“ auszudrücken, etwa bei nachdem. Seine semantischen Merkmale sind nach Weinrich [AUFSCHUB] und [RÜCKSCHAU]. In der Medienwelt hat diese Form recht genau bestimmbare Einsatzorte, in Tageszeitungsartikeln vor allem dann, wenn von Ereignissen die Rede ist, über die bereits berichtet wurde, die also als bekannt unterstellt werden.
Zusammenfassend zeigt sich: Mit einer Tempusform findet im Deutschen eine zeitliche Einordnung eines Geschehens statt, allerdings nicht als Aufteilung einer (objektiven) Zeitskala. Die zeitliche Bedeutung der Tempora kommt teils deiktisch, also sprechsituationsbezogen, teils durch die Aspektualität des Partizips II zustande. Bei Zukunftsbezug kommen modale Gesichtspunkte dazu bzw. überwiegen die zeitliche Deutung. Außerdem können die Beteiligten offenbar flexibel wechseln zwischen zeitlicher Deutung und nicht zeitlicher Allgemeingültigkeit.
Einen kurzen Überblick über die reichhaltige Forschungsliteratur zur Kategorie Tempus gibt z. B. die Einleitung des Kapitels F1 der GdS (1997). Eine Kritik des herkömmlichen Tempussystems bieten Bartsch (1980) und in Kurzform Ulrich Engel in seiner „Deutsche(n) Grammatik“.[ 35 ] In die Sprachlehrbücher ist die Kritik an der traditionellen Darstellung der Tempora nach lateinischem Vorbild kaum eingedrungen: „Im Tempusbereich sind alle Lehrwerke konservativ“, sagt Engel (2009, S. 495).
Bei der Darstellung der Modalverben wurden bereits einzelne Modalitäten vorgestellt: Mit einem MV wie müssen charakterisiert der Sprecher eine Handlung als Notwendigkeit. Auch mit einem Verbmodus wie Konjunktiv wird eine (Ein-)Stellung des Sprechers z. B. zur Gültigkeit seiner Aussage mitgeteilt. Der Modus ist also die grammatische Form, die jeweilige sprachliche Realisierung der „Art und Weise, wie ein Sprecher einen Sachverhalt hinsichtlich der Wirklichkeit einschätzt“, also einer bestimmten Modalität.[ 36 ] Die eigentlichen Verbmodi sind Indikativ und Konjunktiv, der Imperativ gehört gemäß Schulgrammatik ebenso dazu. Aber bei ihm ist seit langer Zeit umstritten, ob er nicht sinnvoller als ein „Satztyp“ und kommunikativ als eine eigenständige sprachliche Prozedur mit der Absicht der Lenkung des Hörers (dazu Ehlich, vgl. Kap. 17) behandelt werden sollte.[ 37 ]
Der Indikativ wird oft als „Wirklichkeitsform“, der Konjunktiv als deren Gegenteil, als „Irrealis“, bezeichnet. Das legt zumindest falsche Vorstellungen nahe. Nach Heinold hat der Indikativ „die Rolle, Gewissheit über die Realität des Ausgesagten anzuzeigen“ (2015, S. 130). Aber erstens wird im Indikativ auch Fiktives (Vorgestelltes) und Zukunftsbezogenes wiedergegeben. Zweitens werden auch Vermutungen mit diesem Modus geäußert, durch Adverbien wie wahrscheinlich oder vermutlich erkennbar gemacht. Allgemeiner gefasst: Der Indikativ ist „der Normal- oder Standardmodus“ des Sprechens.[ 38 ] Der Konjunktiv ist eine markierte Form, er dient spezifischen Ausdrucksaufgaben.
Die Annahme, dass die Konjunktivformen wie im Lateinischen parallel zum Indikativ temporal gegliedert sind, hat man korrigieren müssen zugunsten einer Zweiteilung in Konjunktiv I und Konjunktiv II gemäß den Hauptfunktionen (Tab. 7, vgl. Hoffmann 2016, S. 278 ff.).[ 39 ]
Tab. 7: Hauptfunktionen des Konjunktivs
Der Konjunktiv I ist primär für die Redewiedergabe in Gebrauch. Diese Verwendung ist weitgehend auf die geschriebene Sprache beschränkt, essenziell ist der Konjunktiv I in den Medien des öffentlichen Lebens. In der gesprochenen Sprache dominieren aber Indikativ und Konjunktiv II für die Redewiedergabe. Die Konjunktiv I-Form wird auch schriftsprachlich, also generell, immer dann durch eine entsprechende Konjunktiv II-Form ersetzt, wenn sie nicht vom Indikativ Präsens unterscheidbar ist. Das trifft für sehr viele Präsensformen zu, nicht aber für die deskriptive „3. Person“ Singular (Tab. 8). Diese ist nicht zufällig auch die in den Medien am häufigsten verwendete.
Tab. 8: Die „Arbeitsgemeinschaft“ der Modi bei der Redewiedergabe
Grundsätzlich haben alle deutschen Verben Konjunktivformen. Viele dieser Formen sind aber bei starken Verben zunehmend weniger bekannt, weil seltener in Gebrauch. Zum Beispiel werden die Konjunktiv II-Formen von helfen nur noch selten verwendet (ich hälfe / vorzugsweise hülfe).[ 40 ] Eine Art Ausgleich bietet das System der „würde-Formen“, die besonders in Konditionalsätzen vorkommen. Das ist eine analytische Form aus dem Konjunktiv II von werden mit dem Infinitiv eines Vollverbs, in der Bildeweise also analog zum Futur.[ 41 ] Die Bildung dieser Form erscheint den Sprechern als einfacher im Vergleich mit dem KII, vor allem bei unregelmäßigen Verben wie schwimmen, anbieten. Zusätzlich wird sie auch für die Redewiedergabe und in höflichen Fragen gebraucht. Die Konditionalform ist zwar einerseits durch die analytische Bildung umständlicher, wie der Vergleich zeigt:
Andererseits entspricht sie der deutschen Tendenz zur Klammerbildung (Kap. 9), also den Satzbaugewohnheiten der Sprecher, und ist vom Standpunkt des Lesers in komplexen Sätzen eher verstehensfördernd. Die Fügung mit würde kann allerdings nicht so universell eingesetzt werden wie eine einfache Konjunktivform, da mit dem Verb werden der Übergang in Realität, also etwas noch Bevorstehendes, anvisiert wird (s. Redder 1999, Heinold 2015, S. 161). Das steht manchmal im Konflikt mit der Semantik von Aussagen, sowohl wenn Zustände beschrieben werden, wie auch gelegentlich in der Redewiedergabe. Das Beispiel (B28) ist zwar grammatisch möglich, stellt aber eine deutlich schlechtere Alternative zu der Formulierung Der Autor wäre erfreut … dar.
Der so genannte irreale Konditionalsatz scheint das wichtigste Anwendungsgebiet des KII und der Ersatzform zu sein. An ihm lässt sich daher die Funktion auch am besten verstehen: Eine hypothetisch gesetzte Bedingung wird im Denken auf ihre Konsequenzen hin „durchgespielt“, mögliche Ereignisse und Handlungen können ebenso durchdacht werden wie Handlungsalternativen, die man gehabt hätte, wenn nicht … Demgegenüber spielen der Wunschsatz und die Höflichkeit eine geringere Rolle. Eine höfliche Frage (Können Sie bitte …?) wird durch KII noch deutlicher höflich.[ 42 ] Und der sog. irreale Wunschsatz braucht zwar den KII, ist aber zusätzlich auf Partikeln wie doch, eine bestimmte Satzgliedstellung und eine spezielle Intonation (schriftlich mit <!> angedeutet) angewiesen:
Zusammengefasst ist die Hauptaufgabe des KI die distanzierende Markierung von nicht wörtlicher Redewiedergabe. Und mit dem KII zielt der Sprecher auf die Wissensverarbeitung des Hörers:, und zwar in Bezug auf Gedachtes, Vorgestelltes, das unter bestimmten Bedingungen wahr werden könnte oder Realität geworden wäre.
Eine der wichtigsten Verwendungen des Partizips II ist die Bildung der Passivformen. Das Passiv ist im Deutschen nur periphrastisch, also mehrteilig, möglich. Als finites Verb dient dabei vor allem werden; es handelt sich dann um die zentrale Form des Passivs, das so genannte Vorgangspassiv (auch „werden-Passiv“).[ 43 ] Ein solches Passiv wird prototypisch von den transitiven Verben gebildet, also Handlungsverben mit einem Agens-Subjekt. Auch bei Wahrnehmungsverben wie sehen, wo das Subjekt der Satzrolle „Experiencer“ zugeordnet wird, ist ein Passiv möglich. Das Vorgangspassiv stellt die Handlung unter einer anderen Perspektive dar, nicht vom handelnden Subjekt her, sondern wie einen Vorgang am grammatischen Subjekt (Patiens).
Die grammatisch-semantische Beziehung zwischen Aktiv und Passiv wird als Diathese oder als Konverse (s. GdS, Kap. F3) bezeichnet. Das syntaktische Verhältnis von Aktiv- und Passivsätzen (Tab. 9) sieht nach Eisenberg (2013, S. 125, gekürzt) so aus:
Tab. 9: Aktiv- und Passivdiathese: Der Koffer wird vom Taxifahrer getragen.
Im Beispiel ist der Koffer Patiens, weil daran die Handlung ausgeführt wird (vgl. Kap. 9). Indem er die Subjektrolle bekommt, ist er zugleich Thema des Satzes. Die Agensangabe tritt je nach Relevanz auf, tendenziell wird sie erspart. Das hat eine Konsequenz: Durch grammatische Operationen wie Passivbildung kann die Valenz reduziert werden. Das gehört zur Diathese.
Im Deutschen ist das Passiv eine grammatische Einheit, die analog zum (synthetischen) lateinischen Passiv interpretiert wird. Seine Bedeutung ergibt sich aus seinen lexikalischen Bestandteilen, ähnlich wie bei den zusammengesetzten Tempora.[ 44 ] Am Formenspektrum zeigt sich, dass das Passiv durch die verschiedenen Formen von werden temporal modifiziert wird. Ein wichtiger Unterschied ist: Für die Bildung des Perfekts wird eine andere – sprachgeschichtlich ältere – Partizipform, nämlich worden, herangezogen. Dadurch wird eine Verwechslung mit anders gemeinten Periphrasen verhindert:
a) Der Schriftsteller ist nie bekannt geworden.
(= Perfekt + Adjektiv bekannt)
b) Er ist nie anerkannt worden.
(= Passivform von anerkennen)
Der Satz (B30a) sollte allerdings auch nicht als Aktiv im engeren Sinne aufgefasst werden, da es kein Agens gibt. Das Verb sein ist hier Kopulaverb mit einem prädikativen Adjektiv. So wie hier ist bei intransitiven und reflexiven Verben grundsätzlich kein Passiv möglich, da die Satzrollen Handelnder oder Wahrnehmender nicht auftreten.
Die besondere Rolle des Verbs werden beschreiben Redder (1999, S. 324 ff.) und sprachhistorisch Nübling (32010, S. 22 f.). Es prägt den Charakter des deutschen Passivs in anderer Weise als zum Beispiel das englische, mit dem Auxiliar to be gebildete Passiv, da werden eigentlich nicht einen gegenwärtigen Zustand, sondern einen Übergang zu etwas Neuem anspricht.
In bestimmten Fällen lässt sich von geeigneten Verben auch ein so genanntes (allerdings weniger mit dem Aktiv kontrastierendes) Zustandspassiv („sein-Passiv“, vgl. (B31b)) bilden:
a) Ein Angestellter des Unternehmens wird beauftragt, die Lieferung zu kontrollieren.
b) Ein Angestellter des Unternehmens ist beauftragt, die Lieferungen zu kontrollieren.
(B31a) stellt den Fall einer einmaligen Beauftragung dar. Gemäß der Semantik von werden ist das häufig ein Plan der Firma, also zum Sprechzeitpunkt noch nicht erfolgt. Der Satz (B31b) dagegen gibt (unterstützt durch den Plural Lieferungen) einen Zustand an: Der Angestellte hat (dauerhaft) einen Kontrollauftrag, erledigt die Kontrollen also regelmäßig. Dieser Zustand ist das Resultat einer früheren Beauftragung.
Das „unpersönliche“ oder „neutrale Passiv“ (nach Engel) basiert auf der schon beschriebenen Verschiebung von Handlungscharakter zu Vorgangscharakter. Es entfernt sich insofern von der Aktiv-Passiv-Diathese, als es meist von intransitiven Tätigkeitsverben gebildet wird. Das Subjekt-Es hat weder Agens- noch Patiens-Qualität. Weil der Subjektausdruck es bei anderer Vorfeldbesetzung wegfällt, erlaubt dieses Satzmuster sogar die Bildung subjektloser Sätze, was im Deutschen ein absolutes Randphänomen ist:
a) Jetzt wird aber geschlafen!
(Äußerung eines Vaters, der sein Kind beim nächtlichen Lesen ertappt)
b) Morgen wird hier getanzt. Da geht’s nicht.
(als Antwort auf die Frage, ob ein Restaurantraum reserviert werden kann)
Wie (B32a) zeigt, eignet sich diese Form auch für Aufforderungen. Das Verb werden qualifiziert das durch das Partizip II ausgedrückte Handlungsresultat (geschlafen) als noch nicht realisiert; der Hörer wird dazu veranlasst, die Handlung zu vollziehen.[ 45 ] In Beispiel (B32b) wird die kollektive Tätigkeit des Tanzens als ein (noch nicht realisierter) Vorgang gekennzeichnet.
[ 1 ]Engel (22009, S. 389).
[ 2 ]Humboldt (1826 / 2002, S. 130).
[ 3 ]Es handelt sich um eine Vorübersetzung, die früher zwischen die Zeilen geschrieben wurde. Meist war das eine Wort-für-Wort-Übertragung, aus der man eine angemessenere Übersetzung entwickeln kann.
[ 4 ]Laut Hermann Paul, „Prinzipien der Sprachgeschichte“, handelt es sich dabei ursprünglich um Adjektive, die in den Bereich des Verbs hinein expandiert sind. Die historische Wortartenlehre (Dyonisius Thrax) sah das Partizip sogar an der Stelle des heutigen Adjektivs.
[ 5 ]Ulrich Engel bezeichnet dagegen nur die kleine Gruppe von Verben als unregelmäßig, die Merkmale der starken und schwachen Konjugationsart kombiniert aufweisen (z. B. brennen – brennt – brannte – gebrannt).
[ 6 ]Ablautreihen und Muster bietet z. B. die Duden-Grammatik (2016, S. 452 f.).
[ 7 ]Die Äußerung „Er wird gegangen“ ist nur scherzhaft üblich, z. B. bei einer Entlassung.
[ 8 ]Eine ausführliche funktionale Erläuterung des deutschen Verbsystems gibt A. Redder (1992), die auch die terminologische Bezeichnung „deskriptive Form“ einführt.
[ 9 ]Hans Jürgen Heringer (1989) Grammatik und Stil. Praktische Grammatik des Deutschen. Berlin: Cornelsen.
[ 10 ]Der grammatische Begriff das Agens ist zu unterscheiden von der Ableitung der Agent (Person, die im Geheimauftrag einer Regierung oder Organisation unterwegs ist).
[ 11 ]Helbig / Buscha (2001, S. 68).
[ 12 ]Zu den Einsatzmöglichkeiten dieses Verbs ist mehr zu sagen, vgl. dazu Thielmann (2003).
[ 13 ]Abkürzend spricht die Duden-Grammatik (2016) von „Spezialverben“, vgl. dazu S. 421 ff.
[ 14 ]Zum Gebrauch von mögen in der Schriftsprache vgl. Brinkmann (1971, S. 392 f.).
[ 15 ]GdS: Modalverben dienen dazu, die jeweilige Handlung oder den Sachverhalt „auf der Folie von Redehintergründen, z. B. situativen Umständen, Normen oder Wissensvoraussetzungen einzuordnen“ (Zifonun et al. 1997, S. 1253).
[ 16 ]Vgl. dazu z. B. das Kapitel über Modalität bei H. Brinkmann (1971).
[ 17 ]Nach Brinkmann wird „das Subjekt unter eine fremde Instanz gestellt“ (1971, S. 390).
[ 18 ]Hall, Karin / Scheiner, Barbara (2000) Übungsgrammatik für Fortgeschrittene. Ismaning: Verlag für Deutsch, S. 130.
[ 19 ]Inferenz: Folgerung; epistemisch ist das Adjektiv zu dem griechischen Wort episteme für Wissen.
[ 20 ]Weinrich (1993, S. 309).
[ 21 ]Vgl. Lehmann, Volker (2013) Linguistik des Russischen: Grundlagen der formal-funktionalen Beschreibung. München: Kubon & Sagner.
[ 22 ]Zifonun et al. (1997, S. 1860 ff.).
[ 23 ]Admoni sagt, die Partizipien seien „aktionsartmäßig gefärbt“, andere sprechen von aspektuellem Charakter.
[ 24 ]Peter von Polenz hat die ersten Analysen zu Funktionsverbgefügen geliefert, siehe z. B. den Aufsatz von 1987: Funktionsverben, Funktionsverbgefüge und Verwandtes. In: Zeitschrift für Germanistische Linguistik 15, S. 169–189.
[ 25 ]Zifonun et al. (1997, S. 713).
[ 26 ]Brinkmann (1971, S. 205).
[ 27 ]Vgl. Zifonun et al. (1997, S. 38); ausführlichere Darstellung: S. 1355 ff.
[ 28 ]Helbig / Buscha verstehen unter „semantischer Reflexivität“ einen „Rückbezug der Handlung vom Objekt auf das Subjekt“ (1994, S. 210).
[ 29 ]Nach Brinkmann dient das Reflexivum generell dazu, „übergreifende Prozesse in immanente zu verwandeln“ (1971, S. 206).
[ 30 ]Dieses Bewusstsein ist subjektiv, es hat Zeit als objektiv gegebene Dimension, die sich auch messen lässt (Chronometrie), zur Grundlage.
[ 31 ]Engel: „Dem Präsens ist mit zeitlichen Merkmalen schlechterdings nicht beizukommen.“ (2009, S. 495). Hier übertreibt Engel aber, tatsächlich ist das aktuelle Gegebensein für den Sprecher das Kriterium für die Wahl des Präsens.
[ 32 ]Nach Engel ist das Perfekt sogar „primär eine Präsensform“ (2009, S. 494).
[ 33 ]W. Bartsch (1980, S. 92).
[ 34 ]Es kann gegen Weinrich eingewendet werden, dass er bei seiner allgemeinen Bestimmung zu sehr den Sonderfall der (belletristischen) Literatur in den Vordergrund stellt.
[ 35 ]Werner Bartsch baut eine solche Kritik in der Monographie „Tempus – Modus – Aspekt“ aus (1980).
[ 36 ]Thieroff, Rolf / Vogel, Petra M. (22012) Flexion. Heidelberg: Winter, S. 21.
[ 37 ]Eine ausführliche Darstellung der Diskussion zum Imperativ bietet Heinold (2015, S. 141 ff.).
[ 38 ]So die Formulierung in der Duden-Grammatik (2016, S. 664).
[ 39 ]In manchen Grammatiken werden Abkürzungen verwendet, vor allem: Ind. / KI / KII. Die Abkürzung „Konj I“ (z. B. bei Eisenberg) ist mehrdeutig, da auch „Konjunktion“ und „Konjugation“ gelegentlich so abgekürzt werden.
[ 40 ]Die normal gebildete Form ist hälfe, abgeleitet vom Präteritum half; daneben hat sich die inzwischen häufigere Form hülfe ausgebildet, wohl auch, um einen lautlichen Unterschied zum Präsens ich helfe zu zeigen.
[ 41 ]Vgl. dazu die kurze Beschreibung in der Duden-Grammatik (2016, § 664).
[ 42 ]Die weiteren Funktionen des Konjunktivs werden beschrieben in Hoffmann (Hg.) (2007), Artikel „Das Verb“.
[ 43 ]Die Einordnung des Passivs in die Kategorie Genus (übersetzt: Geschlecht des Verbs), wird in neueren Grammatiken nicht immer weitergeführt; auch die Duden-Grammatik (2016, § 795) spricht von Diathese.
[ 44 ]Vgl. dazu die Ausführungen in der GdS (Zifonun et al. 1997, S. 1789 ff.) und Löbner (2015, S. 152 ff.).
[ 45 ]Handlungstheoretisch wird eine solche Verwendung von werden als expeditive Prozedur (Lenkfeldprozedur) aufgefasst, vgl. zu den Prozeduren Kap. 16.