11.1 Nominalphrasen (NP) und Präpositionalphrasen (PP)
11.1.1 Determination in der NP und bei Namen
11.1.2 Artikelwörter und Negation in der NP
11.1.4 Didaktische Hinweise zu Nominal- und Präpositionalphrasen
11.2.1 Präpositionalobjekt und Adverbial
11.2.2 wie und als (Adjunktorphrasen)
11.2.3 Verweiswörter, Bezugswörter, Konnektoren
11.4 Infinitiv- und Partizipialphrasen
11.5.1 Koordinierte Hauptsätze
11.5.2 Untergeordnete Sätze (Nebensätze)
Wer die deutsche Sprache lehrt – egal, in welchem Bereich – braucht die Fähigkeit, beliebige Sätze des Deutschen ‚durchschauen‘ und anderen erklären zu können. Das letzte Kapitel zum Bereich Syntax hat die Aufgabe, an einigen wichtigen Satzstrukturen das Grundwissen zu erweitern und einige häufige Probleme der Satzanalyse zu verdeutlichen.
Ein Substantiv tritt sehr oft als Kern einer Wortgruppe bzw. Phrase, damit als regierendes Nomen in einer Nominalgruppe (NGr) oder Nominalphrase (NP) auf.[ 1 ] In der klassischen Wortartenlehre war Nomen ein Oberbegriff für Substantive, Pronomina und Adjektive. Diese weite Fassung des Nomenbegriffs findet man heute noch in Peter Eisenbergs „Grundriss der deutschen Grammatik“. Ansonsten wird der Begriff Nomen vielfach mit Substantiv gleichgesetzt, auch in der Fachliteratur.[ 2 ] Die „Deutsche Grammatik“ von Helbig / Buscha thematisiert nur die Wortart Substantiv und vermeidet den Ausdruck Nomen. Andere Autoren bevorzugen wiederum die international bekanntere Bezeichnung Nomen. So ist ein gewisses terminologisches Durcheinander entstanden.
Weiterführend ist hier die Begriffsklärung in der GdS (Zifonun / Hoffmann / Strecker 1997), die den Unterschied zwischen „Substantiv“ und „Nomen“ folgendermaßen verdeutlicht: Ein Substantiv gehört einer Wortart an, ist also durch sein Genus und die typische Flexion gekennzeichnet. Als Nomen tritt es in Phrasen und in Sätzen auf:
„Hingegen nennen wir ‚Nomen‘ (N) den Kopf einer ‚Nominalphrase‘ (NP), sei er durch ein Substantiv oder Adjektiv (die Kleinen) gebildet oder die Nominalisierung eines Elements einer anderen Klasse, insbesondere eines Verbs (das Singen), aber auch eines Adverbs (das Heute), eines Subjunktors bzw. Konjunktors (kein Wenn und kein Aber) oder einer Interjektion (das Ach und Weh) usw.“ [ 3 ]
Im Folgenden werden gemäß dieser Sprachregelung zur Beschreibung von Phrasen die Ausdrücke Nomen und Nominalphrase (NP) gewählt. Mit ‚Substantiv‘ ist die Wortart angesprochen. Neben der größeren Klarheit ist ein weiterer Vorteil, dass die Wörter „noun“ und „nom“ in der englisch- und französischsprachigen Linguistik ebenfalls mit ähnlicher Bedeutung eingeführt sind. Nominalphrasen können isoliert auftreten, z. B. als Titel oder Überschrift:
Sie bilden dann eine syntaktische und semantische Einheit. Meist kommen sie aber als Satzteil bzw. Satzglied vor, z. B. in einem Adverbial wie an diesem Abend. Für Präpositionalphrasen (PP) wie in diesem Beispiel trifft alles, was über die NP gesagt wurde, ebenfalls zu. Präpositionalphrasen bestehen immer aus einer Nominalphrase mit einer kasusbestimmenden Präposition, besitzen also die Struktur Präp + (NP). Die Schreibweise bedeutet, dass die Präposition als Kopf, als regierendes Element aufgefasst wird.
In Kap. 7 wurde ausgeführt, dass auch Wörter anderer Wortarten nominalisiert werden können, um die Aufgaben eines Nomens im Satz wahrzunehmen. (B2) zeigt einige Beispiele für NPs mit nicht-substantivischem Kern:
Bei solchen Konversionen ändern sich zwei Eigenschaften: Die Großschreibung markiert das Wort für den Leser als wichtiges Inhaltswort und die Hinzufügung des (un)bestimmten Artikels sorgt für eine Determination des Nomens, die für die gesamte Phrase relevant ist.
Es geht hier um eine sprachliche Unterscheidung, die nicht in allen Sprachen vorhanden ist. Sie bahnt, wie Hoffmann (2016, S. 97) formuliert „einen Wissenszugang beim Hörer“. Dazu steht der Artikel vor dem Nomen bzw. leitet eine Nominalphrase ein. Er erfüllt mehrere Aufgaben gleichzeitig, indem er das Genus des Substantivs ausdrückt, ebenso Numerus und Kasus. Noch wesentlicher ist aber die Markierung des Nomens als definit (bestimmt) oder indefinit (unbestimmt, s. Tab. 1).[ 4 ]
Tab. 1: Formen und Funktionen der Artikel im Deutschen
In der Logik wird Definitheit so verstanden, dass der Artikel „aus der Menge von Elementen einer Klasse eines und nur eines“ identifiziert, heraushebt und durch die Referenz eindeutig macht (vgl. Ehlich 2003, S. 318). Die Linguistik fragt dagegen nach dem Zustandekommen einer Verständigung zwischen Sprechern und Hörern. Der Oberbegriff Determination erfasst in diesem Rahmen eine Tätigkeit des Sprechers, mit der er auf das Hörerwissen Bezug nimmt. Ein in der Rede verwendetes Nomen wird darauf überprüft, ob das Gemeinte für den Hörer ohne Weiteres zugänglich ist (bekannt, vielleicht vorher schon angesprochen) oder ob dem Hörer die Neuheit dieses Gegenstandes signalisiert werden sollte, nämlich durch die indefinite Kennzeichnung. Eine „Artikelsprache“ wie die deutsche gibt also dem Hörer Hilfestellungen beim Verstehen des vom Sprecher Gemeinten, auf Basis einer Hypothese über den generellen und / oder den aktuellen Wissensstand des Hörers.
Metaphorisch könnte man sagen: Ein Hörer wird mit dem unbestimmten Artikel darauf vorbereitet, dass er mental Raum für ein neues Wissenselement „reservieren“ soll; mit dem bestimmten Artikel erfährt er dagegen, dass er ein mental schon vorhandenes sach- oder situationsbezogenes Wissen benutzen soll.[ 5 ] Wissensbasis kann das individuelle Erfahrungswissen ebenso wie das „Weltwissen“ des Hörers sein, häufig aber auch die vorherige Behandlung des Themas in diesem oder früheren Gesprächen.
Wie Tab. 1 zeigt, findet Determination auch dann statt, wenn die NP keinen Artikel enthält: Der sog. Nullartikel (Ø) bewirkt, dass Indefinitheit vorliegt.[ 6 ] Man kann hier von einer inneren oder inhärenten Determination sprechen. Kommt ein Nomen im Satz vor, findet also auch ohne Artikel immer eine Determination statt: definit oder indefinit. Ein Nomen wie Menschen in (B1) ist daher nicht nur ein Wort, sondern eine Phrase in minimaler Form und als solche das Subjekt des Satzes:
Außer der Determination mit der Alternative definit / indefinit haben beide Artikel noch eine andere Lesart, die nicht aus der Form, sondern nur aus dem Kontext zu erschließen ist: Das Nomen kann in bestimmten Fällen eine generelle Wortbedeutung bekommen. Man spricht dann auch von der „generalisierenden“ oder generischen Funktion des Artikels. Die Sätze in Tab. 2 machen eine generelle Aussage über Schriftsteller.
Tab. 2: Generischer Gebrauch der Artikel
Bei der generischen Verwendung des Nomens nimmt der Sprecher zwar eine Determination und Quantifizierung durch Singular oder Plural vor. Beides gilt aber als verallgemeinernde Äußerung, denn sowohl der Singular wie der Plural sind verallgemeinerungsfähig. Der Begriffsinhalt soll als das Wesentliche verstanden werden. Allerdings sind solche Sätze oft ohne Kontext zweideutig, besonders die definite Variante.
Einen Sonderfall stellen auch die Eigennamen dar. Ein Personenname wie Peter oder ein Städtename wie Hamburg ist zwar artikellos, aber er wird als definit verstanden. Man spricht von innerer oder inhärenter Definitheit). Von daher ist ein Eigenname mehr als ein Wort, er ist bereits eine komplexe Einheit, eine Phrase. Die GdS wählt den Oberbegriff Term für Nominalphrasen und Eigennamen, da in beiden Fällen eine bestimmte Person- oder Gegenstandscharakteristik im Wissen aufgerufen wird.[ 7 ]
Warum sind Eigennamen grundsätzlich definit? Der Eigenname ist, historisch betrachtet, eine Vorstufe und Voraussetzung des Substantivs. Das, was er benennt – sei es eine Person, eine Institution oder eine geographische Einheit –, ist immer etwas Einzelnes und Bekanntes (oder als bekannt Unterstelltes). Der Name „sichert nur die Identität eines Einzelwesens“ (Brinkmann 1971, S. 7) und ist ein „Individuenbegriff“. Der Hörer stellt nach Möglichkeit eine Beziehung zu dem (vom Sprecher gemeinten) Namensträger her. Gelingt das nicht, so kann er versuchen, die Identität des Gemeinten zu ermitteln. Anders als der Gattungsbegriff (s. Kap. 8) bedeutet ein Name wie Kurt Müller nicht: ‚irgendeine Person, die Müller heißt‘ oder: ‚alle Personen, die Müller heißen‘. Man fragt sich sogar, ob ein Eigenname überhaupt etwas bedeutet, ob man also sagen könnte: ‚Müller bedeutet die Person X (die Müller heißt und die ich kenne)‘. Eher steht der Name unmittelbar für das Gemeinte, er ist im Bewusstsein der Sprecher direkt gekoppelt an bestimmte Personen oder Orte, die sie unter diesem Namen kennen. Namen sind daher auch keine lexikalischen Einheiten. Sie dienen zur Identifizierung von Einzelnem.
In Kap. 8 wurde bereits die neue Wortklasse Artikelwort bzw. Determinativ behandelt. Gemeint sind Ausdrücke, die früher zu den Adjektiven oder den Pronomina gerechnet wurden, die aber in syntaktischer Hinsicht als artikelähnlich bewertet werden, weil sie eine NP einleiten können (meine Bücher, solche Fragen). Außerhalb der NP werden die betreffenden Wörter weiterhin als Pronomen bezeichnet, was die Duden-Grammatik als „Verlegenheitslösung“ bezeichnet (2005, S. 257). In der Schulgrammatik tauchen die Artikelwörter noch nicht auf, wohl aber in DaF-Lehrwerken. Die Gemeinsamkeit der so erfassten Wörter ist, dass sie in einer NP genau an der Position des Artikels, also initial, auftreten und in ihren Funktionen zumindest etwas mit der Determination zu tun haben. Die GdS stellt eine differenzierte Liste von Determinativen vor, die die semantischen und Funktionsunterschiede der beteiligten Wortgruppen deutlich macht:
Besonders bei den quantifizierenden Determinativen treten oft grammatische Unsicherheiten in Bezug auf die Flexion nachfolgender Adjektive auf, auch bei den meisten Deutschen. Heißt es korrekt solche gute Schüler oder solche guten Schüler? Die einfache Grundregel dazu lautet: Artikelwörter mit Flexionsendungen lösen die schwache Adjektivflexion aus, Determinative ohne Flexion (so wie beim indefiniten Artikel ein) die starke.[ 8 ]
Zu den Artikelwörtern gehört auch das negierende kein, das nur in einer Nominalphrase auftritt. Es gehört zu den quantifizierenden Determinativen, ist also kein reines Determininativ wie ein. Es entstand aus dem althochdeutschen Ausdruck für „auch nicht ein“.
Logisch betrachtet, macht der Negationsausdruck kein deutlich, dass die Negation ein beliebiges (also jedes) Element der Begriffsklasse (hier: Computer) betrifft. Negiert wird „die Geltung der ganzen Klasse“.[ 9 ]
Adjektive folgen einerseits denselben Flexionskategorien wie Substantive: Genus – Numerus – Kasus. In der NP treten sie als Attribut vor dem Kernnomen auf und passen sich diesem in der Form an, sie kongruieren mit ihm. Darüber hinaus weisen sie aber noch eine Kongruenz in der Form auf, die in Kap. 8 als Monoflexion (traditionell als „starke“, „schwache“ und „gemischte“ Flexion) bezeichnet wird. Seine Position nach dem Artikel(wort) und vor dem nominalen Kern steht fest.[ 10 ] Von daher wird es oft als „Linksattribut“ bezeichnet, ebenso wie das Partizipattribut.[ 11 ] Zwei Beispiele mit eingeklammerter NP zeigen die ‚Sensibilität‘ der Adjektive für die Determination. Indefinitheit führt zu ‚starken‘ Formen, Definitheit zu ‚schwachen‘ (vgl. Kap. 8). Durch die Kongruenz entsteht ein formaler Zusammenhang in der Nominalphrase, der auch dann noch erkennbar ist, wenn durch Dazwischenschieben von Erweiterungen die einfache und klare Abfolge verloren zu gehen droht.[ 12 ] Es handelt sich dann um Adjektivphrasen oder um Partizipphrasen mit attributiver Funktion:
a) Das ist [ ziemlich einfach ].
b) Und dann kam ein [ unerwartet steiler ] Pass des Stürmers.
c) Sie wünscht sich [ lange, blonde, lockige ] Haare.
d) Das war ein [ aus jeder Perspektive anders erscheinender, mal blau, mal grün funkelnder ] Kristall.
In (5a) wird ein abstufendes Element hinzugefügt, eine Gradpartikel, in (b) eine Zusatzbestimmung einer Qualität (sie war nicht erwartet). In (c) besteht die Phrase aus einer Aufzählung (drei koordinierte, also gleichgestellte Adjektive). In (d) treten zwei Partizipien (erscheinender, funkelnder) mit ihren Ergänzungen auf. Da Partizipien Verbformen sind, können Partizipattribute stärker ausgebaut werden als adjektivische (vgl. Kap. 10).
Für Lehrkräfte (Zweit- und Fremdsprache Deutsch) ist es wichtig, sich klarzumachen, dass in vielen, auch vielen indoeuropäischen Sprachen solche Attribute nicht nur meist nachgestellt sind, sondern als Phrase auch den entgegengesetzten Aufbau haben. Ein Adjektiv als Phrasenkern steht vor seinen Ergänzungen, ebenso das Partizip. Das zeigt ein französisches Beispiel mit wörtlicher Übersetzung (B6):
Ein interessanter Fall ist die Verwendung eines Attributs, um das mit dem Nomen Gemeinte deutlich einzugrenzen und mit dem bestimmten Artikel Definitheit herzustellen wie (B7). Auch bei Namen und Abstrakta ist eine solche Eingrenzung möglich. Dann wirkt das Adjektiv restriktiv, es grenzt den Bedeutungsumfang ein:
Auch im Deutschen gibt es eine Reihe von nachgestellten Attributen („Rechtsattributen“). Oft handelt es sich um Nominal- oder Präpositionalphrasen, die als Attribute dem nominalen Kern untergeordnet sind (hier eingeklammert):
Tab. 3: Nachgestellte Attribute (Typen)
Als Attribut erkennbar sind solche Phrasenteile, weil sie eine nähere Bestimmung zum Kern der NP geben, die sich auch erfragen lässt (welche Museen? was für eine Frau?). Darin liegt die Gemeinsamkeit der verschiedenen Typen. Bei den Präpositionalattributen liegt häufig eine entsprechende Valenz des Kernnomens vor:
Hier ist es die Präpositionalphrase, etwa zum Sport, die das Kernnomen genauer bestimmt. Ein Adverb wie dort liefert eine lokale Bestimmung oder Eingrenzung der Nomenbedeutung. Es wird dann nicht als Ergänzung zum Prädikatsverb, also eigentlich nicht adverbial, sondern adnominal gebraucht. Ein Adverbialattribut [ 13 ] schließt eng an das Kernnomen an, sonst würde es missverständlich, wie in (B9). Bezieht sich heute auf Rolle oder auf Diskussion als Kernnomen?
Es stellt sich die Frage, ob man alle Adverbien, auch heute und dort, als „Adverbphrase“ bezeichnen soll, wie das die Duden-Grammatik tut (vgl. § 1290 ff.). Zwar können manche Adverbien Wortgruppen bilden, etwa ganz weit unten. Aber gerade die deiktischen Adverbien, immerhin eine zentrale Gruppe der Adverbien, sind nicht Kern einer Phrase.
Ein besonders wichtiger und schriftsprachlich häufiger Typ von Attributen sind die Genitivattribute. Der Kasus Genitiv ist morphologisch deutlich markiert, zumindest im Maskulinum und Neutrum. Er ist auch bei Fremdwörtern und Eigennamen erkennbar, Anglizismen erhalten sehr schnell ein Genitiv-s im Singular. Seine frühere Eigenschaft als Objektkasus hat der Genitiv mehr und mehr verloren, er ist statt dessen ein adnominaler Kasus geworden, er zeichnet Attribute aus und ist deswegen auch in der Gegenwartssprache häufig.[ 14 ] Wie alle Attribute ist auch dieses dem Phrasenkern untergeordnet. Die Art der Beziehung ist allerdings durchaus vielfältig. Der possessive Genitiv, der eine Zugehörigkeit ausdrückt, stellt wohl die häufigste Spielart dar:
a) der Lehrer des Sohnes
(possessive Beziehung)
b) die Tiere des Waldes
(Lokalisierung, Zuordnung)
c) die Jahre der Not
(dominantes Merkmal, Explikation)
Anders als bei dem Präpositionalattribut „die Tiere im Wald“ etabliert das Genitivattribut des Waldes (B10b) eine stärkere, sozusagen „wesensmäßige“ Zugehörigkeit: Die Tiere des Waldes sind nicht zufällig dort, sondern der Wald ist ihre biologisch angemessene Lebenswelt.[ 15 ]
Tab. 4: Subjekts- und Objektsgenitiv
a) die Entstehung der Welt
b) die Besteigung des Bergs
c) die Befragung des Journalisten
Für den Sprachunterricht, z. B. für das Formulieren von Texten, ist die Unterscheidung von Subjektsgenitiv und Objektsgenitiv wichtig. Der Unterschied wird durch eine Transformation in einen Aktivsatz deutlich (Tab. 4). Während Beispiele (a) und (b) eindeutig sind, kann (c) bedeuten, dass der Journalist jemanden befragte, wie auch, dass er befragt wurde. Die Kernnomen sind hier deverbale Substantive. Während entstehen als intransitives Verb den Bezug zum Subjekt nahelegt, können besteigen und befragen als transitive Verben in Beziehung zu Subjekt oder Objekt verstanden werden und sowohl in einen Aktivsatz wie in einen Passivsatz transformiert werden. Auch beim Verfassen von Texten sollte auf die Vereindeutigung Wert gelegt werden.
Historisch war das Genitivattribut zunächst vorangestellt (des Vaters Haus), mit der Durchsetzung des einleitenden Determinativs in der NP wurde es verschoben in die Reihe der nachgestellten Attribute. Nur bei den Personennamen blieb die Möglichkeit der Voranstellung erhalten (vgl. Nübling (32017, S. 101), etwa in NP wie Evas Tasche oder Vaters Bart.
In vielen Fällen entspricht ein Genitivattribut einer Präpositionalphrase mit von. Diese ist aber nicht immer äquivalent. Sie kann sogar klarer sein, weil von etwas mit Herkunft zu tun hat. Allerdings sind die beiden Attributarten nicht frei austauschbar. Vor allem schriftsprachlich ist das Genitivattribut nur dann durch eine von-Phrase ersetzbar, wenn der Genitiv artikellos und dadurch schwer oder nicht erkennbar wäre. Personennamen sind von dieser Regel ausgenommen (vgl. Duden-Grammatik 2016). Bei Indefinitheit ist daher die Formulierung mit von angemessen (B11).
In der Gegenwartssprache zeichnet sich bei den vorangestellten Eigennamen ein anderes Problem in der Orthographie ab. Der Apostroph dient im Deutschen eigentlich als Auslassungszeichen. Viele folgen aber beim Genitiv dem englischen Vorbild (father’s car) und setzen generell einen Apostroph („sächsischer Genitiv“). Aus Peter’s dog wird dann oft *„Peter’s Hund“ oder – in anderem Zusammenhang, aber ebenso falsch – *„Nietzsche’s Philosophie“.[ 16 ]
Ein anderer Typ von Attribut ist die Apposition. Dies ist ein Attribut, das mehr oder weniger locker an das Kernnomen angeschlossen ist, meist durch Komma abgetrennt, grundsätzlich (aber nicht in jedem Einzelfall) im Kasus kongruent.[ 17 ] Sowohl eine NP als auch andere Phrasentypen können als Apposition angehängt werden. Brinkmann zitiert als Beispiel eine Stelle aus Thomas Manns „Buddenbrooks“:
In solchen Nachträgen sind Adjektive unflektiert. Appositionen haben bestimmte stilistische Qualitäten. Sie finden sich vor allem in der Schriftsprache. Auch bei Datumsangaben werden Appositionen verwendet:[ 18 ]
Umstritten ist, ob man – wie die Duden-Grammatik – auch bei Wortgruppen wie in (B14) von einer Apposition sprechen kann, obwohl keine Kongruenz besteht und keine Abtrennung mit Komma vorliegt. Es wäre sogar unklar, welches der beiden Nomen als Attribut zu dem anderen verstanden werden soll.
Verschiedene andere Grammatiken akzeptieren die Bezeichnung „Apposition“ nicht. Bei der Kombination Beruf + Name spricht Hoffmann von einem „Erweiterungsnomen“. Die beiden letzten Beispiele werden in der GdS als Numerativkonstruktion aufgefasst, die aus einem Quantifikator (Maßausdruck) + substanzbezeichnendem Substantiv besteht.[ 19 ]
Über die neueren linguistischen Erkenntnisse hat sich gezeigt, dass die Vermittlung von Satzgliedern oder Satzrollen nicht ausreichend sein kann, wenn die z. T. umfangreichen Phrasen, die diese Satzglieder bilden, in ihrem Zusammenhang nicht bekannt sind und nicht erkannt werden. Auf andere Weise als der Satz ist auch die Phrase oder Wort-gruppe eine syntaktische Einheit, ihr Aufbau folgt eigenen Prinzipien. Vor allem Nominalphrasen und PP sind grammatisch deutlich strukturiert. Nur wenige Umstellungen sind möglich, z. B. zum Zweck von Hervorhebungen. Tab. 5 gibt ein Abfolgeschema für die Elemente einer Nominalphrase (basierend auf Zifonun et al. 1997, S. 2069).
Tab. 5: Aufbau der Nominalphrase
Trotz der relativen Abstraktheit eines solchen Schemas erscheint es als sinnvoll, diese Struktur auch Sprachlernern zu vermitteln. Sie gilt für die beiden häufigsten Phrasentypen im Deutschen und ist für fortgeschrittene Sprachlerner verständlich, bei Reduktion der grammatischen Terminologie. Wegen der Vielfalt an Attributstypen entstehen oft Fragen, z. B. welche davon in welcher Abfolge kombinierbar sind. Das gilt z. B. für Sprachlerner mit Englisch oder Französisch als Muttersprache, die nur nachgestellte Adjektivphrasen kennen. Auch der interne Aufbau der deutschen Adjektivphrase widerspricht ihrer Intuition. Ein Beispiel aus dem Text eines französisch ausgebildeten Studierenden:
Zwar ist die Beobachtung des Lerners richtig, dass „für die Verwaltung“ hier von dem Adjektiv typisch regiert wird. Während im Deutschen wie im Französischen prädikative Adjektivphrasen nach rechts erweitert werden (X ist typisch für die Verwaltung), muss in der attributiven Phrase die Ergänzung vorangestellt werden.
Ein großes Lehr- / Lernproblem war lange Zeit die Morphologie der Adjektive. Ältere Grammatiken und Lehrbücher des Deutschen enthalten oft mehrere Formentabellen, die für jeden Typ von Adjektiv zu lernen sind. Mit der Einführung der Nominalphrasen in den Unterricht wurde es möglich, vereinfachte Darstellungen der Flexion zu finden, die das Prinzip der Monoflexion (s. Kap. 11.1.3) berücksichtigen. Es wurde auch deutlich, dass Adjektivformen anhand von Tabellen, also ohne sprachliche Zusammenhänge, sehr schwer lernbar sind. Eingebettet in eine Nominalphrase sind sie deutlich besser memorierbar.
Eine andere, immer wieder schwierige Aufgabe für die Didaktik ist die Determination. Deutschlerner mit einer slawischen oder anderen artikellosen Herkunftssprache haben erfahrungsgemäß auch dann noch Probleme mit der Verwendung der (in)definiten Artikel, wenn sie bereits auf einem sehr hohen Niveau Deutsch sprechen und schreiben. Nicht alle dazu nötigen Grundsätze konnten hier angesprochen werden. Für eine vertiefende Befassung mit dem Thema können Brinkmann (1971, Kap. 4) und Hoffmann (2016, S. 97 ff.) empfohlen werden.
Im Satz sind Nominalphrasen insgesamt über ihren nominalen Kern kasusbestimmt (mit Ausnahme der meisten nachgestellten Attribute). Der Kasus hängt von ihrer Satzgliedrolle ab. Bei bestimmten Präpositionalphrasen kommt noch eine wichtige Unter-scheidung hinzu: Zwischen Ortsangaben und Richtungsangaben (in Form einer PP) wird im Deutschen über die Kasus Dativ und Akkusativ differenziert, soweit die Präposition dies zulässt.[ 20 ] Je nach Prädikatsverb (dynamisch / statisch) ergibt sich also z. B.:
Im Unterricht wird häufig von „Wechselpräpositionen“ gesprochen, als vereinfachende Darstellung dieses Zusammenhangs von Kasus und Angabentyp.
Die Kasus des Deutschen sind polyfunktional, d. h. sie sind nicht mit einer bestimmten syntaktischen Funktion zu identifizieren, wie Tab. 6 zeigt, geben aber einen ersten Hinweis auf die syntaktische Relation.
Tab. 6: Zusammenhang von Kasus und Funktion im Satz
Ludger Hoffmann (2016, S. 311) schlägt eine sinnvolle Erweiterung der Valenztheorie vor: Ausgangspunkt einer Satzkonstruktion kann sowohl ein Verb wie auch ein Agens oder Thema sein, Hoffmann sieht hier eine Synthese von „Subjektion“ und „Prädikation“:
„Die Synthese von Subjektion und Prädikation ist die Basis der meisten Szenarios und der ausgedrückten Gedanken. Der Ausdruck des Subjekts bedarf keiner Kasusendung, er steht im Nominativ. Was Subjekt ist, wird durch die Kongruenz der Personalform des Verbs sichtbar, die vom Subjektausdruck regiert wird. Was über das Verb zum Ausbau der Szene angeschlossen wird, erhält einen vom Verb regierten oder über eine Präposition weitergegebenen Kasus.“
Ein spezieller Fall ist der, dass das Verb ein Kopulaverb ist und ein Komplement im Nominativ braucht, nämlich ein Prädikativ (s. Tab. 6). Da die Kopulaverben einen „vergleichsweise geringen Beitrag zum Aufbau der Satzbedeutung“ leisten (GdS, S. 1106), werden sie nicht als Vollverben aufgefasst. Sie bilden nur zusammen mit dem Prädikativ das Prädikat des Satzes (ist ein Säugetier). Das gilt für NP wie für adjektivische Ergänzungen, etwa in Maria ist krank. Für die kopulaähnlichen Verben wie betrachten als, ansehen als erscheint das Komplement im Akkusativ dagegen als vollwertiges Satzglied. Charakteristisch für Prädikative ist, dass die entsprechenden Wortformen bei Subjektbezug häufig als kasusneutral erscheinen; Adjektive sind unflektiert und ein prädikatives Nomen tritt oft ohne Determinativ auf: Er ist Lehrer.
Wie viele andere indoeuropäische Sprachen ist Deutsch eine „Akkusativsprache“. Das Akkusativobjekt ist traditionell das direkte Objekt, das zugleich das verbnächste ist. Es bezeichnet „in aller Regel einen stark involvierten Ereignisbeteiligten“ (GdS, S. 1083). Als Besonderheit ist hier auf wenige Verben hinzuweisen, die zwei Akkusativobjekte als Ergänzung haben können: fragen, kosten und lehren. Das ist so ungewöhnlich, dass solche Konstruktionen vor allem mündlich von vielen Sprechern vermieden werden.[ 21 ] Die Duden-Grammatik (2016, S. 940) präsentiert den Satzbauplan an Beispiel (17a).
Der Genitiv ist seit langer Zeit vorwiegend Attributskasus,[ 22 ] nur noch bei sehr wenigen Verben tritt ein Genitivobjekt als ‚Mitspieler‘ auf. Deutlich häufiger sind Präpositionalobjekte. Eine Präpositionalphrase ist dann Objekt, wenn die einleitende Präposition lexikalisch-grammatisch mit dem Verb verbunden ist, also zu dessen Valenz gehört.
Tab. 7: Präpositionalphrasen und ihre Funktionen im Satz
Die Präpositionalphrase ist damit in ihren syntaktischen Potenzen wohl die vielseitigste Phrase. Als vorläufige Zusammenfassung zum Verhältnis von Phrase und Satzgliedrolle ist festzuhalten: Welche Rolle eine Phrase in einem konkreten Satz spielt, kann immer nur relational (Eisenberg 32013) entschieden werden, d. h. anhand der Abhängigkeit von einem konkreten Verb oder Nomen und anhand ihres Bezugs auf einen bestimmten Satzinhalt (Proposition).
Da auch das Adverbial aus einer Präpositionalphrase bestehen kann, bereitet die Unterscheidung in konkreten Sätzen oft Probleme. Sprachhistorisch traten Präpositionalobjekte oft an die Stelle von reinen Kasusobjekten, Im Englischen ist das sogar durchgehend der Fall, die Kasus Dativ und Akkusativ existieren nur noch an den anaphorischen Pronomina he / she / it. Im Deutschen erfolgt die Anbindung an das Verb sowohl durch die (oder eine) verbspezifische Präposition wie auch durch den damit verbundenen Kasus. Im DaF-Bereich ist es üblich, für fortgeschrittene Lerner Listen von „Verben mit Präpositionen“ zusammenzustellen, da die konkrete Präposition nicht aus grammatischen Regeln ableitbar ist. In manchen Fällen sind zwei oder mehr Präpositionalphrasen als Objekt möglich:
Durch diese enge Anbindung der Phrase an das Prädikatsverb wird die lokale Grundbedeutung einer Präposition oft ‚außer Kraft gesetzt‘, sie bekommt einen abstrakteren Sinn oder wird sogar zu einem bloßen grammatischen Bindemittel. Eine verblasste oder abstrakte Bedeutung zeigt sich z. B. in dem Satz, dass jemand auf etwas besteht. Dieses auf kann man zwar nicht als lokale Präposition, aber doch als Hinweis auf eine Basis oder Grundlage auffassen.
Adverbiale (Plural: Adverbialien) können sowohl aus Adverbien wie aus Adverbphrasen oder Präpositionalphrasen bestehen. Auch Adverbiale haben oft eine grammatisch-semantische Verbindung zum Prädikatsverb. Der häufigste Fall sind die Verben, die etwas mit Lokalisierung oder Fortbewegung zu tun haben und deshalb als Komplement eine Lokalergänzung (Frage: wo? Kasus: Dativ) oder eine Richtungsergänzung (Frage: wohin? Kasus: Akkusativ) brauchen. Damit ist nur ein Typ von Satzglied festgelegt, aber keine bestimmte Präposition wie bei den Präpositionalobjekten. Das gilt für das Verb gehen in (B19a) mit einer Richtungsergänzung, auch für wohnen. Hier ist ein lokales Adverbial erwartbar, sozusagen der Standardfall, denn es handelt sich um ein zweistelliges Verb. Das Verb treffen dagegen fordert keine lokale Ergänzung, lässt sie aber als freie Angabe zu (B19b):
Ebensogut könnte der Sprecher in (b) über den Zeitpunkt oder den Zweck des Treffens sprechen. Das sind typische Adverbiale oder auch situative Angaben. Die Duden-Grammatik spricht in beiden Fällen von Adverbialen, also auch bei den vom Verb abhängigen situativen Angaben. Die freien Angaben werden anderswo auch als Supplemente bezeichnet (GdS 1997, S. 1027 ff.).
Nun kommt oft der Einwand, dass man sich einen vollständigen Satz mit gehen auch ohne lokales Adverbial vorstellen kann: Wir gehen, wenn z. B. die Tätigkeit alternativ zu fahren oder wenn die Gangart mit einem modifikativen Adverbial (s. Tab. 8) angesprochen wird: Er geht langsam. Auch bei anderen Beispielen, die auf den ersten Blick als defizitär erscheinen, liegt bei genauerem Hinsehen kein grammatischer Fehler vor (B20):
In diesen Sätzen fehlt, genauer betrachtet, kein Komplement, sondern das Verb bekommt eine veränderte Bedeutung. (B20a) ist gebräuchlich als Äußerung über das Austeilen der Karten beim Kartenspiel, und (B20b) bekommt das zusätzliche Bedeutungselement ‚gewohnheitsmäßig‘, mit der Implikation: Wenn jemand „trinkt“, ist er Alkoholiker. (B20c) zitiert eine Möbelfirma, die für ihren Werbespruch aus dem zweistelligen Verb wohnen ein einstelliges gemacht hat. Sie möchte erreichen, dass Wohnen mit der ‚Lebenskultur‘ identifiziert wird, die sie verkauft.
Die Adverbien werden traditionell semantisch eingeteilt (Tab. 8), genau wie die Adverbiale, also semantisch entsprechende Nominal- und Präpositionalphrasen im Satz:
Tab. 8: Spezifizierung der Adverbien (nach Hoffmann 2016, S. 327)
Eine wichtige Ergänzung zu den Adverbien betrifft die in älteren Grammatiken ganz übersehenen Satzadverbien. In der neueren Forschung wurden sowohl Modaladverbien (z. T. als Modalwörter bezeichnet) wie auch Kommentaradverbien, eine eigene Bezeichnung der Duden-Grammatik (2016, § 868) für einen ähnlichen Phänomenbereich, herausgestellt. Beispiel (B21a) enthält ein solches kommentierendes Satzadverb, leider ist darin Adverbial. In (B21b) ist leider ebenfalls ein Kommentaradverb, aber diesmal als Teil der attributiven Partizipialphrase, d. h. es ist syntaktisch unselbstständig und wird nicht als Adverbial aufgefasst.
a) [ Leider ] war die Versammlung sehr schlecht organisiert.
b) Während der [ leider sehr schlecht organisierten ] Versammlung ging es drunter und drüber.
Hoffmann (2016, S. 398) spricht ebenso wie die GdS von Modalpartikeln. Solche adverbialen Ausdrücke übermitteln dem Hörer die Wahrscheinlichkeit, mit der nach Meinung des Sprechers das Ereignis eintreten wird. Der Autor sieht bezüglich dieser Funktion drei Untergruppen:
Tab. 9: Modalpartikeln im Deutschen
Der Begriff ‚modal‘ wird in der Schulgrammatik doppeldeutig gebraucht, einmal im Sinne von ‚Art und Weise‘, zweitens im Sinne der faktischen Geltung des Gesagten (ob und wie weit es zutreffend ist). Um die Doppeldeutigkeit zu vermeiden, sollte man im ersten Falle von modifikativ sprechen. Diese Ausdrücke heben sich dadurch von den anderen Adverbien ab, dass sie Einschätzungen des Sprechers zur geäußerten Proposition, zum Sachverhalt, enthalten. Auch die Konjunktionaladverbien wie außerdem, folglich, trotzdem etc.[ 23 ] sind auf den gesamten Satz bezogen, zusätzlich verdeutlichen sie die logische oder semantische Verbindung, die der Sprecher zu vorangegangenen Äußerung(en) sieht.
Ein gelegentliches Problem bei der Satzanalyse ist die Unterscheidung zwischen einem Adverbial und einem Attribut. Ein Beispiel für eine zumindest nicht eindeutige Präpositionalphrase ist (B22):
Im Zeitungstext besteht die Zweideutigkeit in grammatischer Hinsicht darin, dass die mit-Phrase sowohl Attribut zu Autobesitzer sein kann (inkl. Relativsatz) wie auch Präpositionalobjekt zum Verb entschädigen. Im letzteren Falle wäre die Rede von „entschädigen“ ein Witz.
Bei Phrasen, die mit wie oder als eingeleitet sind, entsteht meist die Frage, ob sie zu den Präpositionalphrasen gehören. Das grammatische Verhalten solcher Phrasen ist jedoch anders. Zwei Bezeichnungen sind eingeführt: Konjunktionalphrase , bestehend aus einer Konjunktion + Konjunkt, oder Adjunktorphrase, bestehend aus einem Adjunktor + Adjunkt. Das gemeinte Satzglied in (B23) ist eingeklammert. Ihr Kasus richtet sich nach dem des Satzglieds, dem sie angeschlossen sind, meist im Rahmen eines Vergleichs. Ein Adjunkt steht dann im Nominativ, wenn es ein Vergleichsglied zum Subjekt ist, wie in (B23a), und es steht im Akkusativ, wenn es zum Objekt gehört (B23b).
Adjunkte mit wie / als haben mit den Prädikativen die Gleichsetzung gemeinsam: wie teilt die Gleichheit unter einem bestimmten Vergleichsaspekt mit, während als eine durchaus schwierige Beziehung anvisiert. In den Worten einer älteren, aber wertvollen Grammatik (Brinkmann 1971, S. 147):
„Mit als wird ein Urteil eingeführt, das eine tatsächliche Identität ausspricht oder doch eine, die für den Sprecher tatsächlich besteht …“
Wenn also jemand eine andere Person als Partner betrachtet, dann ist diese Person kein wirklicher oder offizieller Partner, die Äußerung kennzeichnet eine Einstellung, eine Sichtweise mit Handlungskonsequenzen.
So wie die (z. T. deiktischen) Adverbien können auch andere deiktische und anaphorische Ausdrücke Satzrollen ausfüllen und Satzgliedstellen besetzen. Und so wie die Konjunktionaladverbien sind einige davon in der Lage, satzübergreifende Beziehungen herzustellen, sind also wichtig für die Textbildung. Man kann sie in die große Gruppe der Konnektoren einordnen. Konnektor ist ein Oberbegriff für Konjunktoren, Subjunktoren und satzverbindende Adverbien (s. Pasch et al. 2003), der auch im DaF-Bereich in Lehrwerken gern eingesetzt wird.[ 24 ]
Das gilt nicht für die Personal- und Possessivdeixis, die immer sprechsituativ zu deuten ist, wohl aber für die anderen deiktischen Ausdrücke. Anaphern sind grundsätzlich rückbezügliche Ausdrücke, meist satzübergreifend, aber auch satzintern (Reflexivität). Objektdeiktische Ausdrücke wie der und dieser verweisen ebenfalls oft auf Elemente in Vorgängersätzen. Tab. 10 stellt im Überblick ihre Funktionen zusammen:
Tab. 10: Deiktische und anaphorische Ausdrücke
Solche Ausdrücke besetzen Satzrollen. Sie können mit Hilfe von NP oft umschrieben werden, sind aber keine ‚Stellvertreter‘ von NP im Sinne des Pronomenbegriffs. Betrachtet man die letzte Gruppe der deiktisch gebildeten Adverbien näher, stellt sich heraus, dass sie in ihrer Semantik sehr interessant sind, denn eine Reihe von ihnen können sowohl lokaldeiktisch (B24a) wie auch als Konnektor verstanden werden, sind also manchmal Konjunktionaladverbien (in (b) im Sinne von außerdem):
a) Auf dem Tisch steht die Kaffeekanne, die Tasse steht daneben.
b) Wir haben uns über alle Anlagemöglichkeiten informiert. Daneben haben wir auch einiges über die Aktienbörse erfahren.
Auch hier wird wieder deutlich, wie flexibel die Hörer / Leser Ausdrücke deuten. Semantische Kriterien sind dafür wesentlich. Mit grammatischen Kategorien (die die Sprecher nicht kennen müssen) versucht man, die Optionen zu erfassen, zwischen denen die Sprecher und Hörer wechseln können.
In logischer Hinsicht ist die Negation die Aufhebung einer Setzung, einer satzförmigen Äußerung. Als eigenes sprachliches Mittel existiert die Negation im Deutschen in dem Ausdruck nicht. Eine Aussage über die Welt im weitesten Sinne wird durch die Negationspartikel nicht als nicht gültig, nicht zutreffend, vorgestellt. Sie wird im Standardfall auf das Prädikat und darüber auf den gesamten Satz bezogen, dient so als Satznegation. Die Negationspartikel wurde früher oft als Adverb klassifiziert. Sie hat aber keine Satzgliedrolle, weil sie eine Wirkung auf die gesamte Aussage hat, anders gesagt: Sie „operiert“ auf der Aussage. Nach Brinkmann (1971) ist die Negation eine Modalität, vergleichbar mit Indikativ und Konjunktiv.
Daneben wird sie auch für Kontraste eingesetzt, d. h. sie „interagiert mit der Gewichtung (zum Zweck des Bestreitens, Korrigierens, Reparierens etc.)“ (Hoffmann 2016, S. 52).
(B25) ist ein Beispiel für eine kommunikative Gewichtung, bei der die Negation Hilfsmittel der Markierung des Relevanzbereichs ist. Viele andere Grammatiken sprechen dann von einer Sondernegation oder „Satzgliednegation“. Sie meinen also, dass der Gesamtsatz dann nicht negiert ist. Dagegen spricht sich die GdS aus [ 25 ] und sieht hier ein „Zusammenwirken der Negation mit Fokussierungs- und Kontrastierungseffekten“.
Tab. 11: Weitere Negationswörter
Eine Negationswirkung haben auch kein, das oben als Teil der NP behandelt wurde, und konkretisierte Negationen wie die als indefinite Pronomina bekannten Ausdrücke, die bei Helbig / Buscha (1994, S. 515) unter der Überschrift „Negationswörter“ zusammengestellt sind (s. Tab. 11).
Im weiteren Sinne haben auch lexikalische Mittel wie das Verb leugnen und Wortbildungsmittel wie das Präfix un- negierende Wirkung.
Die im Deutschen bekannten wiederkehrenden Satzstrukturen wurden oben als Resultat von Verbvalenz beschrieben (Kap. 9.5). Um eine übersichtliche, auch für Sprachlerner nützliche Darstellung zu gewinnen, bieten viele Grammatiken ein Kapitel mit einer Liste von Satzbauplänen (Duden-Grammatik), bei Engel Satzmuster (1994, S. 171) genannt, auch „Satzschema“ (Bühler und Admoni). Zum Teil gilt das Prädikatsverb nicht als Teil des Satzbauplans, sondern nur die von ihm geforderten Satzglieder. Der Bauplan ist bewusst schematisch gehalten. Während die Duden-Grammatik auf Abkürzungen verzichtet, arbeitet Ulrich Engel mit seinen üblichen Abkürzungen (sub = Subjekt, sit = situative Ergänzung, prp = Präpositionalobjekt):
Tab. 12: Satzbauplan oder -muster nach Duden-Grammatik und U. Engel
Solche Satzmusterregeln lassen sich dependenzgrammatisch auch an den Verben ausdrücken:
Satzbaupläne zu kennen ist wichtig für die Sprecher und Hörer. Man kann annehmen, dass sie nicht nur über ein inneres Lexikon, sondern auch über ein Reservoir von Satzbauplänen verfügen. Auch die Hörer versuchen, möglichst früh die Konstruktion eines Satzes zu erkennen und zu antizipieren, was folgt. Bühler hat dies als Vorauskonstruktion des Hörers bezeichnet.[ 26 ] Deutschlernende sollten Satzbaupläne nicht auf formale Weise auswendig lernen, sondern möglichst mit den semantischen Satzrollen („Tiefenkasus“) in Beziehung setzen.
Infinitivphrasen und Partizipialphrasen (oder Partizipphrasen) sind offene Formen, von denen einige als satzwertig gelten. Sie können einem Hauptsatz oder Nebensatz gleichwertig sein. Tab. 13 demonstriert die häufigsten Verwendungen.
Tab. 13: Infinitivphrasen und -sätze
Typisch für die satzwertigen Infinitivphrasen ist die Einleitung mit der Infinitivpartikel zu (ein freies grammatisches Morphem, ein Verbaffix im weiteren Sinne). Die Helbig / Buscha-Grammatik spricht von „Infinitivsätzen“, Hoffmann von „Infinitivgruppen“. Wie bei einem finiten Verb können ein oder mehrere vom Verb regierte Satzteile hinzutreten. Beispiel 1 ist eine beliebte verkürzende Konstruktion, die die Anrede des Hörers / Lesers durch den Imperativ vermeidet, z. B. in einer Gebrauchsanweisung. Beispiel 2 enthält zwei Ergänzungen zum Infinitiv einjagen: ein Akk.objekt (Angst) und ein Dativobjekt (ihm). Allerdings ist bei einem Infinitiv kein Subjekt möglich. Man erschließt aus dem Handlungszusammenhang, wer handelnde Person – z. B. wer der Urheber von ‚Angst einjagen‘ – ist. Tritt eine Infinitivphrase als Subjekt auf, gibt es grammatisch zwei fast identische Konstruktionsmöglichkeiten:
In (B26) ist Satz (a) eine satzwertige, daher oft mit Komma abgetrennte Phrase. In Beispiel (b) dagegen übernimmt die Phrase ohne die Infinitivpartikel zu direkt die Subjektrolle im Satz. Eine Abtrennung mit Komma ist dann nicht möglich, anders als in Beispiel (a).
Beispiel 3 in Tab. 13 steht für die eingeleiteten Infinitivphrasen, von denen es relativ wenige gibt, verglichen mit den Nebensätzen. Ähnlich wie ein Subjunktor fungieren: um zu, ohne zu, außer zu, anstatt zu.
Beispiel 4 enthält einen modalen Infinitiv, wovon es im Deutschen zwei Typen gibt: ‚hat zu tun‘ und ‚ist zu tun‘. Der modale Charakter zeigt sich bei Transformation mit Hilfe von Modalverben:
a) Ich habe zu tun (= Ich muss arbeiten)
b) Das Formular ist vom Antragsteller selbst auszufüllen.
(= Das Formular kann / muss / soll vom Antragsteller ausgefüllt werden).
Tabellenbeispiel 5 ist eine in die Nominalphrase eingebundene attributive Infinitivphrase.
Für Sprachlerner ist der grammatische Unterschied zwischen Nebensätzen und Infinitivphrasen eine anspruchsvolle Lernaufgabe. Hinzu kommt die Schwierigkeit, die Beziehung zum Verb des Matrixsatzes einzuschätzen. Denn nicht jeder Nebensatz ist durch eine Infinitivphrase ersetzbar, ebensowenig gilt das umgekehrt, beide sind valenzgebunden. Eisenberg (2006, S. 348) gibt den Hinweis, dass der zu-Infinitiv in Subjektposition bei Verben und Adjektiven vorkommt, die physisch-psychische Zustände bezeichnen (B26), auch bei dem Verb versuchen. Bei diesen Verben kann die Infinitivphrase nicht mit einem dass-Satz ausgetauscht werden.
Selbstständige [ 27 ] Partizipialphrasen, die eigenständig ein Satzglied bilden, bestehen aus unflektierten Partizipien I oder II, die um mindestens ein Element erweitert sind:
a) [ Völlig ermüdet ] fiel er in den Sessel.
b) [ Die letzte Lieferung betreffend ] können wir Ihnen mitteilen …
c) [ Auf einem Bein hinkend ] kam sie ins Zimmer.
Bei vielen Partizip- und Adjektivphrasen „liegt es im Ermessen des Schreibenden, ob er etwas mit Komma als Zusatz oder Nachtrag kennzeichnen will oder nicht“ („Amtliche Richtlinien“ zur deutschen Rechtschreibung). (B30) gibt zwei Beispiele aus diesem Dokument:[ 28 ]
a) Er lief(,) außer sich vor Freude(,) auf sie zu.
b) Durch eine Tasse Kaffee gestärkt(,) werden wir die Arbeit fortsetzen.
In Texten können Sätze aneinandergereiht werden, aber es gilt als eine Verbesserung der Textqualität, wenn Verbindungen zwischen den Sätzen explizit gemacht werden. Dazu existieren vor allem zwei Arten von Verbindungswörtern: Konjunktoren wie und, oder etc. und Konjunktionaladverbien.
Tab. 14: Koordinative Verknüpfung von Satzgliedern und Sätzen
Die Koordination ist ein Verhältnis, das auf mehreren syntaktischen Ebenen vorkommt, also gleichartige Einheiten zu einer größeren Funktionseinheit kombinieren kann (siehe Tab. 14). Konjunktionen / Konjunktoren gehören zur größeren Gruppe der Konnektoren. Einige davon stellen eine Reihung oder ein additives Verhältnis her, andere wie aber und sondern sind adversativ, entgegensetzend (Hoffmann 2013, S. 425 ff.).
Das durch den Konjunktor angeschlossene Satzglied heißt Konjunkt. Einige wenige Konjunktoren sind darauf spezialisiert, nur Satzglieder (sowie, sowohl als auch) oder aber nur eigenständige Sätze zu verbinden (allein, denn, doch, nur). Sie stehen vor dem Vorfeld, dem Satz quasi vorgeschaltet. Andere verbinden beliebige Konjunkte miteinander. Sehr universell einsetzbar sind und und oder.
Konjunktionaladverbien wie demzufolge, dagegen, dabei sind nicht auf das Vor-Vorfeld festgelegt. So wie bei anderen Adverbien ist ihre Wortstellung relativ frei. Manche Grammatiken, auch das „Handbuch der deutschen Wortarten“ (Hoffmann 2007), bringen hier noch eine weitere Wortklasse ins Spiel, nämlich die Konnektivpartikeln. Auch sie dienen der Verknüpfung von Äußerungen und sind in die zweite Äußerung eingebaut, aber mit variabler Stellung, anders als die Konjunktoren. Beispiele sind immerhin, gleichwohl, auch die gliedernden Partikel erstens / zweitens etc. Diese Partikeln sind semantisch und stilistisch sehr differenziert (vgl. Hoffmann 2016, S. 419 ff.).
Die bekannte Unterscheidung von Haupt- und Nebensätzen legt ein Missverständnis nahe. Der Hauptsatz gilt meist als Träger der Hauptinformation und als selbstständige syntaktische Einheit. Sehr häufig wird aber der kommunikativ wichtigere Gehalt im Nebensatz ausgesprochen. Der Hauptsatz ist dann keineswegs autonom oder selbstständig, er kann ohne den Nebensatz nicht bestehen und keine Proposition enthalten:
Sowohl semantisch wie syntaktisch sind die Hauptsätze auf das Satzglied angewiesen, das der Nebensatz realisiert. Beide Sätze in (B31) mit den Verb beobachten und meinen brauchen ein Objekt, hier in der Form eines Nebensatzes, der deshalb Objektsatz heißt. Ohne ihn wären sie grammatisch falsch und semantisch unvollständig. Der übergeordnete Satz enthält das maßgebliche finite Verb für den Satzbauplan. Er ist von daher eine Art Rahmen, in den der Nebensatz eingeordnet wird. Der Begriff Matrixsatz [ 29 ] kennzeichnet diese Einbettung durch den Hauptsatz recht gut.
Das Verhältnis der Subordination (Unterordnung des Nebensatzes) ist eine grammatische Abhängigkeit, die im Deutschen fast immer doppelt gekennzeichnet ist:
Besondere Fälle sind der Typus des uneingeleiteten Nebensatzes (B32a) und der Ausrufesatz in Nebensatzform (B32b):
a) Ich finde, du hättest ruhig zu Hause bleiben können.
b) Dass du aber auch nichts für dich behalten kannst!
Beispiel (a) ist äußerlich (formal) nur schwer als Matrixsatz + Nebensatz erkennbar, denn ihm fehlt ein Subjunktor wie auch die Endstellung des finiten Verbs. Dennoch besteht eine Abhängigkeit in der syntaktischen Relation: Der zweite Satz ist Objekt zu finden. (B32b) ist erklärbar als eine Verselbstständigung aus einem üblichen Satzgefüge des Typs: Ich ärgere mich, dass … oder: Ich kann nicht verstehen, dass …
Ein Attributsatz (Relativsatz) ist ein nachgestelltes Attribut in der Nominalphrase. Er ist als Satz zwar eigentlich eine größere Einheit als eine Nominalgruppe, ist aber semantisch und syntaktisch an das Kernnomen angebunden und bestimmt es näher. Das zeigt sich auch an Transformationen: Ein attributiver Nebensatz kann in vielen Fällen in ein nicht satzförmiges Attribut umgeformt werden:
Beim Relativsatz fällt auf, dass die Attribuierung aus dem unmittelbaren Bereich der NP herausgenommen ist und eine eigene syntaktische Struktur besitzt. Er darf allerdings nicht zu weit vom Kernnomen entfernt stehen, sonst könnte eine Konkurrenz zwischen mehreren möglichen Bezügen im Satz entstehen.[ 30 ]
Nicht nur Relativsätze, auch dass-Sätze und Infinitivphrasen treten als Attribute auf. Die dass-Sätze erfasst die Duden-Grammatik als Inhaltssätze, andere sprechen von Komplementsätzen. Bestimmte Typen von Nomen sind oft auf Sachverhalte oder Handlungen bezogen und lassen sich sehr gut durch einen Nebensatz oder eine Infinitivkonstruktion vervollständigen:
Bei den Nebensätzen gibt es eine Reihe von syntaktisch-funktionalen Typen. Verschiedene Gesichtspunkte sind für ihre Einteilung und Funktionsbestimmung relevant (Tab. 15).
Tab. 15: Einteilung der Nebensätze
a) durch Subjunktoren
b) durch Relativpronomina
c) durch Relativadverbien
d) uneingeleitet
a) weil, insofern als, dass …
b) der, die, das, wer, was
c) wo, wann, wobei …
d) Wäre es sinnvoll, würde ich es machen.
a) Subjektsatz
b) Objektsatz
c) Attributsatz
d) Adverbialsatz
e) ohne Gliedfunktion, weiterführender NS
a) Wer das verfasst hat, ist mir unbekannt.
b) Ich weiß, dass sie kommt.
c) Da kommt endlich jemand, den ich kenne.
d) Als es hell wurde, wurde er wach.
e) Die Gruppe protestierte, woraufhin es zu einer heftigen Debatte kam.
Abgesehen vom weiterführenden Nebensatz, der in keiner (klaren) syntaktischen Beziehung zum übergeordneten Satz steht, sind alle Nebensatztypen Gliedsätze. Sie können häufig in einfache, d. h. nicht satzförmige, Satzglieder, also z. B. in eine NP oder PP, transformiert werden:
Semantisch gehört der Nebensatz in (B35) laut Duden-Grammatik in die große Gruppe der Inhaltssätze.[ 31 ] Besonders bei den Verben des Sagens und Denkens (vgl. Kap. 10.3.5.3) muss die „Verbszene“ eine inhaltliche Angabe vom Typ eines Sachverhalts enthalten. Die Inhalte des Wissens, Denkens und Fühlens können auf verschiedene Weise angesprochen werden. Tab. 16 zeigt die formale Vielfalt dieses Typs.
Tab. 16: Nebensätze, die Wissen abbilden
Unter syntaktischem Aspekt handelt es sich bei diesen Nebensätzen meist um Objektsätze. Im Falle von Präpositionalobjekten geschieht die Einbindung des Nebensatzes in den Matrixsatz oft durch ein deiktisches Adverb wie darüber in (B36a). Das Konjunktionaladverb enthält das lokaldeiktische Zeigwort da. In vielen Grammatiken werden solche vorausverweisenden Wörter als syntaktisches Korrelat zum Nebensatz bewertet. Auch das kataphorische es kann schon im Hauptsatz einen vorausgreifenden Bezug zum Nebensatz herstellen (B36b):
a) Ich freue mich [ darüber ], [ dass alles so gut geklappt hat ].
b) Er hat [ es ] nicht bereut, [ die Wahrheit gesagt zu haben ].
c) Sag mir endlich, [ warum du gelogen hast ].
Anstelle der Anapher kann der Sprecher sich auch für eine Fokussierung entscheiden, vor allem mündlich. In Beispiel (B37a) steht das objektdeiktische das als vorwegnehmende Fokussierung des Gehalts des Nebensatzes. (B37b) macht deutlich, wie das Korrelat grammatisch von der Valenz des Verbs im Matrixsatz bestimmt wird: sich bewusst sein erfordert eine Ergänzung im Genitiv, die am Nebensatz nicht ausgedrückt werden könnte, wohl aber durch den Proterm, der als Korrelat dient. Mit solchen „Bezugseinheiten“ (Eisenberg) wird also erreicht, dass einem Nebensatz, der dem Matrixsatz folgt, schon vorab eine syntaktische Position zugewiesen werden kann. Indem das Korrelat im Vorfeld oder im Mittelfeld steht, kann die gewohnte Anordnung der Satzglieder beibehalten werden.
a) Das leuchtet mir nicht ein, was du als Grund genannt hast.
b) Ich bin mir dessen bewusst, dass ich nicht immer aufgepasst habe.
Die korrelierenden deiktischen und phorischen Elemente sind bei bestimmten Verben und unter bestimmten Bedingungen fakultativ [ 32 ], d. h. der Sprecher kann selbst über ihren Einsatz entscheiden, z. B. bei (B37b). Das Subjekt das in (B37a) kann aber nur dann wegfallen, wenn der Nebensatz dem Matrixsatz vorangeht. Die Katapher es fällt bei Voranstellung des Nebensatzes auch weg. Sie gilt überhaupt häufig als fakultativ, was im Fremdsprachenunterricht ein bekanntes Problem darstellt.[ 33 ]
Divergenzen in der Grammatiktheorie gibt es anscheinend im Bereich derjenigen Objektsätze, die traditionell als indirekte Fragesätze bezeichnet werden. Deren Einleitungswörter sind ob und – genau wie in bestimmten Relativsätzen – so genannte „w-Wörter“ (vgl. (B38)). Häufig besteht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den Interrogativnebensätzen und den Relativsätzen. Eisenberg (42013) zeigt das an dem Beispiel:
a) Monika vergisst, was Manfred ausgesucht hat.
b) Monika vergisst das, was Manfred ausgesucht hat.
(B38b) ist als Relativsatz erkennbar, da es ein Bezugselement im Hauptsatz gibt (das), worauf der Nebensatz sich attributiv bezieht. Mit das wird dann ein konkretes Objekt benannt, das Monika vergessen hat mitzubringen. (B38a) ist schwieriger, weil es zwei Lesarten gibt. Es kann eine „indirekte Frage“ sein, aber nach Eisenberg auch ein Relativsatz mit ausgelassenem Bezugselement, den er als „freien Relativsatz“ betrachtet.[ 34 ]
Ein ebenfalls schwieriger Typ von Nebensätzen sind die Vergleichssätze. Sie sind zum Satz ausgebaute Adjunkte mit als oder wie, und da sie hypothetisch gemeint sind, tritt wenn oder ob als Subjunktor hinzu. Aus diesem Grund ist auch der Konjunktiv erforderlich. Ein Gegenstand oder Ereignis wird charakterisiert durch einen veranschaulichenden Vergleich:[ 35 ]
Subordination kann mehrfach und abgestuft vorkommen, in einem komplexen Satzgefüge. Hans Jürgen Heringer spricht in seiner Schülergrammatik von „Treppen- und Schachtelsätzen“ (1989, S. 331). Eines seiner Beispiele ist:
Abb. 1: Nebensätze hierarchisch

In solchen Fällen ist der übergeordnete Nebensatz Matrixsatz für den untergeordneten.
[ 1 ]Daneben sind gelegentlich auch „Substantivgruppe“ und „Nominalsyntagma“ als Termini in Gebrauch.
[ 2 ]So im Linguistischen Wörterbuch von Peter Lewandowski (3 Bände, 61994).
[ 3 ]Zifonun et al. (1997, S. 28).
[ 4 ]Etymologisch kommt übrigens (in)definit von derselben lateinischen Wurzel wie das Partizip definiert des Verbs definieren. Dabei geht es aber um die Festlegung einer Wortbedeutung mit Hilfe einer synonymischen Bedeutungsbeschreibung.
[ 5 ]GdS, siehe Zifonun et al. (1997, S. 586). Nach Admoni (1982, S. 128) dient der Artikel „der genaueren Umgrenzung des durch das Substantiv bezeichneten Begriffs“.
[ 6 ]Die Herkunft des unbestimmten oder indefiniten „ein“ als Zahlwort, dessen quantitative Bedeutung immer mitschwingt und auch jederzeit ausdrücklich gemeint sein kann, wenn z. B. „nur“ davorsteht, hat die Ausbildung eines pluralischen unbestimmten Artikels im Deutschen wohl verhindert.
[ 7 ]Der Begriff Term steht im Zusammenhang einer sog. Kategorialgrammatik, die in dieser Einführung nicht behandelt wird. Vgl. dazu in der GdS das einleitende Kapitel von Band 2, S. 956 ff.
[ 8 ]Die Grundregel steht in der Duden-Grammatik (2005) auf S. 258. Genauere Informationen bietet das Kap. „Artikelwörter und Pronomen“.
[ 9 ]Brinkmann (1971, S. 51).
[ 10 ]Es gibt allerdings poetisch und anders motivierte Nachstellungen: Röslein rot, Röslein auf der Heiden (Volkslied) oder: Coca Cola eisgekühlt (Werbung).
[ 11 ]Im Lehrzusammenhang ist die Rede von Links- und Rechtsattributen sehr verbreitet. Der Mangel dieser Bezeichnungsweise ist, dass sie nur auf die geschriebene Sprache zutrifft.
[ 12 ]Zur Illustration dieser sprachlichen Möglichkeiten eignet sich Kafkas Kurzgeschichte „Auf der Galerie“.
[ 13 ]Die „Textgrammatik des Deutschen“ bezeichnet solche Attribute als „postdeterminierende Attribute“, im Unterschied zu den „prädeterminierenden“ Adjektivphrasen (vgl. Weinrich 1993, S. 355 ff.).
[ 14 ]Historisch kann es sich auch so verhalten: Der Genitiv hat seine Kasusmerkmale deshalb so wenig verloren, weil er die Funktion der Attributskennzeichnung übernahm.
[ 15 ]Vgl. dazu Eisenberg (2013, S. 244 ff.); allgemein zu den Genitivattributen: Vgl. die ausführliche Darstellung in Zifonun et al. (1997, S. 2028 ff.).
[ 16 ]Allerdings „erlaubt“ die Duden-Grammatik die Apostrophierung bei Namen dann, wenn der Originalname gut erkennbar sein soll.
[ 17 ]Viele Beispiele zur Kasuskongruenz bringt die GdS auf S. 2038 f.
[ 18 ]Daneben nennt die Duden-Grammatik noch einen anderen Typ von Datumsangabe mit dem Akkusativ: „X findet Dienstag, den 26. April statt“; vgl. Duden-Grammatik (2016, § 1554).
[ 19 ]Zifonun et al. (1997, S. 1979). Interessant sind diese Fügungen auch deshalb, weil die Maßangabe oft nicht im Plural steht, z. B. bei zwei Pfund Mehl. Dasselbe gilt für nachgestellte Maßangaben wie „20 Schritt“ oder „20 Cent“. Man nimmt an, dass hier ein morphologisch „erstarrtes” Substantiv vorliegt, was in festen Fügungen öfter der Fall ist.
[ 20 ]Manche Präpositionen sind nur für Richtungs- oder Ortsangaben geeignet und regieren einen festen Kasus, etwa zu.
[ 21 ]Die GdS bringt Beispiele für Vermeidungsstrategien und Fehler (1997, S. 1084).
[ 22 ]Vgl. dazu Nübling (32017, S. 102 f.); die Hauptaufgabe des Genitivs liegt im Bereich des Substantivs, als Attributkasus, sagt Brinkmann (1971, S. 70).
[ 23 ]Vgl. für eine Liste dieser Adverbien die Duden-Grammatik (2005, §§ 864–866).
[ 24 ]Vgl. z. B. „em neu“, Hauptkurs B2, von M. Perlmann-Balme und S. Schwalb. Hueber-Verlag.
[ 25 ]„Teil- und Sondernegationen … sind nicht möglich“ (Zifonun et al. 1997, S. 853).
[ 26 ]Die Fähigkeit zur Vorauskonstruktion ist besonders wichtig für das Hörverstehen in der Fremdsprache.
[ 27 ]Sie sind zu unterscheiden von attributiven Partizipialphrasen.
[ 28 ]Die „Amtlichen Richtlinien“ der gültigen Rechtschreibung sind abgedruckt in Rechtschreibwörterbüchern und in der Netzpublikation des Deutschen Rechtschreibrates (2010).
[ 29 ]Vgl. Duden-Grammatik (2016, § 1698). Der Begriff Hauptsatz ist als eingeführte Bezeichnung natürlich weiterhin verwendbar.
[ 30 ]S. dazu den Vergleich früherer und heutiger deutscher Texte in Weinrich (1993, S. 782 ff.).
[ 31 ]Auch die „Textgrammatik“ nennt dass eine „Inhaltskonjunktion“.
[ 32 ]Vgl. aber zur „Grammatik der Korrelate“ z. B. Eisenberg (2006, Abschn. 10.3).
[ 33 ]Die Grammatik von Helbig / Buscha widmet deshalb allein dem „Pronomen es“ ein ganzes Kapitel.
[ 34 ]Zu dieser Diskussion vgl. Eisenberg (2013, S. 313 ff.).
[ 35 ]Bei Hoffmann (2016, S. 360 f.) wird die Semantik etwas genauer beschrieben.