Der folgende Auszug (Pöchhacker (2000), S. 215) entstammt einem gedolmetschten Therapiegespräch, das eine Logopädin (Tanja) mit türkischsprachigen Eltern führt, die sich um die Sprachentwicklung ihrer zweijährigen Tochter sorgen. Das Gespräch wird von der ca. 16-jährigen Nichte der Mutter gedolmetscht (Dolm.).
Welches Handlungsmuster liegt hier vor?
Was stellen Sie im Blick auf das Turn-taking und die inhaltliche Abwicklung des Gesprächs fest?
Es handelt sich um institutionelle Kommunikation, die Anamnese-Phase eines Therapiegesprächs. Die Therapeutin ist die Agentin, die Eltern sind die Klienten der Institution. Die Sprachmittlerin ist keine professionelle Agentin, sondern gehört zur Familie der Klienten.
In dem Ausschnitt realisiert wird das Handlungsmuster Frage-Antwort, wobei die Therapeutin die Patientengeschichte abfragt. Die Dolmetscherin überträgt die Frage in das Türkische, die Mutter antwortet. Die Dolmetscherin übersetzt die Antwort. In der Abwicklung nimmt die Dolmetscherin also scheinbar nur die Rolle einer sprachlichen Übermittlerin ein. Der Übermittlungsprozess führt zu ineinander verschachtelten Handlungssequenzen (F–F–A–A).
Vergleicht man die Quelläußerungen mit ihren Übersetzungen, zeigen sich inhaltliche Differenzen: Von mehreren Alternativen (Auffälligkeit im Gehen, Krabbeln, Sitzen) werden nur gehen und krabbeln übertragen. Die Mutter antwortet mit einer zeitlichen Angabe (mit fünf äh mit sechs Monaten), die die Dolmetscherin nicht übertragt. Stattdessen gibt sie bereits eine inhaltliche Bewertung der Antwort (das war auch normal).
Zudem fällt auf, dass die Therapeutin von einem „er“ spricht, die Dolmetscherin hingegen von einer „sie“. Tatsächlich denkt die Therapeutin, dass es sich bei dem betreffenden Kind um einen Jungen handelt. Dieses Missverständnis zieht sich übrigens durch einen Großteil des Gesprächs. Erst gegen Ende der Therapiesitzung wird es von den Beteiligten deutlich und sachlich geklärt.